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Im dunklen Loch statt in der Backstube

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Von: Thomas Zimmerly

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Darf nicht mehr in die Backstube: Samba Gey versteht die Welt nicht mehr, und auch Flüchtlingshelfer Peter Barth ist auf das Landratsamt nicht gut zu sprechen.
Darf nicht mehr in die Backstube: Samba Gey versteht die Welt nicht mehr, und auch Flüchtlingshelfer Peter Barth ist auf das Landratsamt nicht gut zu sprechen. © Habschied

Der Ärger, den Thomas Polz seit geraumer Zeit mit den Behörden und Gerichten hat, reißt nicht ab. Der Bäckermeister, der Geflüchtete bei sich beschäftigt, hat heuer bereits vier Mitarbeiter verloren.

Ampermoching - Ein neuer Fall zeigt: Die Ausländerbehörde greift rigoros durch, wenn die Arbeiter ihre Identität nicht nachweisen können. Polz selbst hat vor Kurzem einen Strafbefehl bekommen. Und nun ermittelt die Staatsanwaltschaft schon wieder gegen ihn.

Ein Déjà-vu der schlimmen Art hat der Ampermochinger Bäckermeister Thomas Polz erleben müssen. Zwölf Geflüchtete aus verschiedenen Ländern beschäftigte er 2021. Vier von ihnen sind mittlerweile weg, weil sie keine Arbeitserlaubnis und/oder Bleiberecht mehr hatten. Der Fall Moussa Nomoko war besonders tragisch (wir haben berichtet). Der damals 27-jährige Malier wurde während eines Termins im Landratsamt Dachau von Polizisten in Handschellen abgeführt und kurz darauf in sein Geburtsland abgeschoben, wo „es ihm heute sehr schlecht geht“, so der ihn lange Zeit betreuende Flüchtlingshelfer Peter Barth. In diesen Wochen spielt sich ein vergleichbares Drama um einen Angestellten von Polz ab.

Arbeitserlaubnis wegen fehlendem Pass nicht verlängert

Das Landratsamt Dachau hat vor zwei Wochen die Arbeitserlaubnis des Maliers Samba Gey nicht verlängert. Weil, und das ist in vielen Fällen so, der 25-Jährige, der keinen Pass besitzt, seine Identität nicht zweifelsfrei nachweisen könne. Doch damit nicht genug, Samba Gey hat ein Verfahren wegen illegalen Aufenthalts in Deutschland am Hals; die Hauptverhandlung gegen ihn ist im Januar anberaumt. Und weil manchmal aller schlechten Dinge drei sein können: Der Hilfsarbeiter hat wegen des Verfahrens keine freie Wohnsitzwahl mehr. Die Folge: Samba Gey musste aus seinem Appartement im Bäckereigebäude ausziehen. Derzeit lebt er wie früher in der Asylbewerberunterkunft in Haimhausen, „wo man in ein dunkles Loch ein weiteres Bett für ihn reingestellt hat“, so Barth.

„Eine Passpflicht und die damit verbundenen Passbemühungen, um einen solchen zu erhalten, besteht grundsätzlich jederzeit“, teilt Landrat Stefan Löwl auf Nachfrage schriftlich mit, „und die Passbeschaffungsbemühungen sind sogar Voraussetzung für Ausbildungs-/Arbeitserlaubnis ausreisepflichtiger Personen.“ Nur: Es sei für Malier schier unmöglich, an ein gültiges Dokument zu kommen, so Barth. „Das ist ein Land im Bürgerkrieg, wo im Norden marodierende Clans herrschen. Da gibt es keine behördlichen Strukturen.“

Dennoch hat Samba Gey immens viel unternommen. Er wurde zwei Mal in der Botschaft Malis in Berlin vorstellig, bat die Vereinigung der Malier in Bayern, wandte sich an den Honorarkonsul Malis in München und ließ über die Bertelsmann-Stiftung in Mali nachforschen. Im Rahmen dessen führte Barth im Namen seines Schützlings zahllose Telefongespräche. Alle Bemühungen, sagt er, könnten zweifelsfrei belegt werden.

25-Jähriger hat alles versucht

Zum Nachweis seiner Identität besitzt der 25-Jährige überdies eine Geburtsurkunde sowie weitere Dokumente wie die Sterbeurkunde seines Vaters. Doch das reicht der Ausländerbehörde alles nicht. Sie besteht auf die so genannte nationale Identifikationsnummer (Nina) aus Mali. Über einen Onkel versucht Samba Gey diese nun zu bekommen. Dazu sammelte Barth 530 Euro ein, die er nach Afrika überwies. Denn die Behörden würden Geld sehen wollen, dann erst kämen sie in die Gänge, so Barth. Ob der Onkel erfolgreich ist, steht in den Sternen. „Was soll Samba denn noch alles machen?“, fragt Helfer Barth nun Richtung Behörden.

2020 trafen sich er, Bäcker Thomas Polz, Hebertshausens Bürgermeister Richard Reischl und Landrat Stefan Löwl, um über den Fall Samba Gey zu beraten. Es sei ein gutes Gespräch gewesen, meint Barth, der Landrat habe versprochen, eine Lösung zu finden und habe eine mögliche Beschäftigungsduldung ins Spiel gebracht.

Im August 2021 dann zitierte das Ausländeramt Samba Gey zur Verlängerung der Duldung in Deutschland ins Landratsamt und ließ ihn hinterher das Gesprächs-Protokoll unterschreiben. Darin steht einmal, dass eine Verlängerung der Arbeitserlaubnis auf Grund „der fehlenden Nachweise über kontinuierliche und taugliche Bemühungen zur Passbeschaffung“ nicht möglich sei. Darin steht aber auch, dass es für ihn die Möglichkeit gäbe, mit einem von der malischen Botschaft in Berlin ausgestellten Heimreiseschein nach Mali zu reisen und sich dort persönlich um die Ausstellung eines Reisepasses zu kümmern.

Davon abgesehen, dass „er die Niederschrift nicht vollumfänglich verstanden hat“, so Barth, „er kann keinen Einreiseschein beantragen, weil man in der Botschaft nicht einwandfrei feststellen kann, dass er Malier ist. Dafür müsste er eine Nina-Nummer vorlegen“.

Flüchtlingshelfer sauer auf das Ausländeramt

Barth ist dementsprechend sauer auf das Ausländeramt, aber auch auf den Landrat. „Er handelt vordergründig liberal, ist aber de facto knallhart“, so Barth. In Richtung Ausländeramt und Landrat sagt er: „Sie wollen nicht, dass Leute wie Samba arbeiten dürfen.“

„Er ist zuverlässig, ehrlich, fleißig und war nie krank“, sagt Thomas Polz über Samba Gey. Zwar machte der Malier nie eine Ausbildung in der Bäckerei, dennoch war er mehr als vier Jahre lang für Polz eine „Fachkraft“, für den er stets alle Sozialabgaben bezahlt habe. Mehr möchte der Bäckermeister zum Fall nicht sagen. Polz, der einst der vom Landratsamt wegen seiner Integrationsarbeit ausgezeichnet worden war, hat Ärger mit Behörden und Gerichten. Und wie.

Vor einiger Zeit erging ein Strafbefehl gegen ihn. Der Handwerksmeister soll 2400 Euro berappen, weil er einen Mann aus Nigeria (27) unerlaubt beschäftigte. Und nun ermittelt die Staatsanwaltschaft schon wieder gegen ihn. Diesmal geht es um einen Konditoreilehrling, der im Frühjahr durch die Gesellenprüfung gerasselt war. Wie die Dachauer Nachrichten erfahren haben, soll es sehr lange gedauert haben, bis die Papiere klar waren, damit der Azubi seine Prüfung wiederholen kann. In der Zwischenzeit stand er jedoch weiter in Polz’ Backstube.

Das darf Samba Gey seit einiger Zeit nicht mehr. Und es trifft laut Barth „immer mehr Leute wie ihn“. „Wenn sie nicht arbeiten dürfen“, fährt er fort, „vegetieren sie nur mehr vor sich hin, flüchten in die Schwarzarbeit oder werden zu Kleinkriminellen“.

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