„Die Doppelbelastung ist enorm“

Interview: Kita-Leiterinnen fehlt Zeit für Führungsaufgaben

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Für pädagogische Konzepte, Gespräche mit Eltern und die Personalplanung hat das Führungspersonal in deutschen Kindertageseinrichtungen viel zu wenig Zeit. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung. Emilie Rückert kann das nur bestätigen.

Emilie Rückert ist seit 18 Jahren Einrichtungsleiterin. Vor einiger Zeit ist sie wegen der enormen Arbeitsbelastung in eine kleinere Einrichtung gewechselt, in den BRK-Kindergarten Villa Kunterbunt in Vierkirchen (Kreis Dachau). Sie sagt, anders wäre es nicht weitergegangen.

Wie viel Zeit bleibt Ihnen für Leitungsaufgaben?

Aktuell bleibt mir dafür Zeit – zumindest dann, wenn mein Personal vollzählig ist. Aber auch nur, weil ich keine Gruppe mehr leite. Das war früher anders.

Wie war es damals?

Ich bin seit 18 Jahren Einrichtungsleiterin. Die meisten Jahre habe ich in einer Kindertagesstätte mit vier Gruppen gearbeitet. Damals habe ich eine Gruppe geleitet und die Einrichtung selbst. Das war eine enorme Doppelbelastung.

Welche Aufgaben sind zu kurz gekommen?

Mir hat für zu vieles die Zeit gefehlt. Entweder für meine Gruppe oder für die Leitungsaufgaben. Und für meine Mitarbeiter. Wir konnten nie etwas in Ruhe besprechen, alles ging nur im Schnelldurchlauf. Die meisten Einrichtungsleiter haben diese Doppelrolle und damit auch diese Probleme. Mir ist irgendwann alles zu viel geworden. Deshalb habe ich ganz gezielt nach einer Einrichtung gesucht, in der ich keine Gruppenleitung übernehmen muss. Die Doppelrolle hätte ich nicht länger gemeistert. Man arbeitet sich dabei völlig auf. Ich habe ständig Arbeit mit nach Hause genommen.

Sind die Leitungsaufgaben so zeitraubend?

Ich würde sagen, in einer Einrichtung mit drei Gruppen muss man etwa 20 Stunden dafür einrechnen. In größeren Kitas mehr. Der Verwaltungsaufwand wird immer größer. Man muss sich um die Finanzen kümmern, um das Material, um die Personalführung. Dazu gehören Dienst- und Urlaubspläne. Und dann die Elternarbeit. Außerdem will man sich als Leiterin ja auch konzeptionell und pädagogisch einbringen. Aber dafür bleibt kaum noch Zeit, wenn man auch die Verantwortung für eine Gruppe hat. Ich kenne keine Leiterin, für die das kein Problem ist. Dabei sind die Leitungsaufgaben ganz entscheidend für die Qualität einer Einrichtung. Es ist nicht gut, wenn sie zu kurz kommen.

Warum müssen in den meisten Kitas Einrichtungsleiter die Doppelrolle trotzdem übernehmen?

Zum einen, weil nicht genug Erzieher da sind. Außerdem geht es organisatorisch oft nicht anders. Das Problem ist der Anstellungsschlüssel. Er sieht nicht vor, dass die Leitung für Leitungsaufgaben freigestellt wird. Ab einer gewissen Größe müsste es aber unbedingt so sein.

Wann war für Sie der Punkt erreicht, an dem Sie merkten, dass Sie die Doppelrolle nicht länger übernehmen können?

Ich habe schon lange vor meinem Wechsel darüber nachgedacht. Aber ich habe lange noch versucht, weiterzumachen und alles zu schaffen. Bis irgendwann in der Summe alles zu viel wurde. Im Nachhinein war es die richtige Entscheidung. Es ist eine enorme Entlastung, sich nun ganz auf die Leitungsaufgaben konzentrieren zu können.

Wird der Zeitmangel für Einrichtungsleiter ein immer größeres Problem?

Ja, weil es immer mehr Verwaltungsaufgaben gibt. Außerdem werden inzwischen nicht mehr ganze Gruppen gefördert. Wir bekommen eine Förderung pro Kind. Dadurch wird die Personalplanung noch schwieriger.

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