Eine hauchdünne Schicht Leim, darauf Sand vom Ätna: Jede Krippe von Konrad Rank ist ein perfektes Kunstwerk voller Charakter. Foto: Haaf

In jeder Krippe steckt ein Stückerl Seele

Haimhausen - Für Konrad Rank laufen die Weihnachtsvorbereitungen das ganze Jahr über. Denn in seiner kleinen Werkstatt im Keller bastelt er mit Hingabe Weihnachtskrippen - aus Fundstücken aus der Natur.

Über zehn verschiedene Sandarten stehen bereits in hohen Gläsern verschlossen auf dem Fenstersims in der Werkstatt und Konrad Rank weiß genau, woher jeder Sand stammt und welche Besonderheit er aufweist. Denn jedes Jahr fährt der 73-jährige Rentner aus Haimhausen mit seiner Frau Magdalena nach Italien in Urlaub, meist an die Strände von Neapel und Terracina. Auf seinen täglichen Strandspaziergängen hat er stets eine Tüte oder einen Korb dabei. Mit sachkundigem Auge hält er Ausschau nach außergewöhnlichen Baumaterialien wie Schwemmholz, Rinden, Sand, feinen Kies und Wurzelteile. So einzigartig wie die Naturmaterialien sind, so individuell sind auch seine Krippen. Jede ist für sich ein Unikat.

Vorsichtig streut Konrad Rank ein wenig Sand vom Ätna auf ein Kripperldach. Er kann sich an einfachen Dingen freuen. Dazu gehören außergewöhnliche Funde wie ein uraltes Eichenrindenstück aus dem Haimhauser Schloßpark oder das große Korkstück aus dem letzten Urlaub, das er immer wieder in die Hand nimmt: „Ich habe einen Längsschnitt gemacht. Dann hat meine Frau das Stück Stammholz festgehalten und ich habe den Kork herausgezogen.“

Immer wieder begegnet er verwunderten Italienern, die interessiert fragen, was er mit den Sachen in seiner Sammeltüte vorhat: „Faccio una casa per la santa famiglia“, „Ich baue ein Haus für die Heilige Familie“, erklärt er dann den erstaunten Passanten. Nicht nur in Italien, auch daheim ist das Ehepaar oft im Wald unterwegs und sammelt abgefallene Baumrinden und Steine. „Ich nehme nur Steine, die Charakter haben. Ein glatter Kiesel taugt nicht“, erklärt Konrad Rank rigoros. So sehen die Kripperl denn auch aus: voll Charakter. Als ob in jedem der kleinen Heiligen Ställe ein kleines Stückchen seiner Seele steckt.

Dabei hat es eine Weile gebraucht, bis Konrad Rank seine Leidenschaft entdeckt hatte. Ein geschickter Handwerker war er aber schon immer. „Ich war im Kapuzinerinternat in Burghausen. Nach dem Schulabschluss hätte ich zu gerne Schreiner gelernt.“ Doch der Vater meinte energisch: „Glaubst Du, wir haben Dich in die Schule geschickt, dass Du ein Handwerk lernst?“ Also wurde Konrad Rank Großhandelskaufmann. Bis zu seiner Rente war er Rente Fahrdienstleiter bei der Bundesbahn. Neben seinem Schichtdienst baute er selber ein Haus für seine Familie. Aus Geldmangel fing er dann an, die Spielsachen für seine beiden Söhne selbst zu bauen. „Ich baute Kräne, Lastwagen, Schiffe und Bulldogs.“ Später wurden die Enkel mit Schaukelpferden und Puppenküchen beschenkt. Um den Enkeln auch zu Weihnachten eine Freude zu machen, bastelte er für jedes Enkelkind ein eigenes Kripperl. Und so begann der Krippenbau.

Etwa 50 Stück in verschiedenen Größen, so schätzt er, hat er inzwischen gebastelt. Auf den Weihnachtsmärkten in Haimhausen stellt er seine Kleinode aus. Und von einigen trennt er sich dort auch. Schweren Herzens, um wieder Platz daheim zu schaffen. „Wenn ich auf den Weihnachtsmarkt gehe, reicht der Erlös meist gerade für die Standgebühr. Aber für mich ist es eine Bestätigung, wenn die Leute kommen und die Kripperl anschauen.“

Einmal nahm er eine besonders schöne Krippe mit nach Italien. Eigentlich nur, um seinen Urlaubsfreunden zu zeigen, was er mit den gesammelten Teilen macht. Sofort redete ein Düsseldorfer Urlauber so lange auf Konrad Rank ein, bis dieser ihm die Weihnachtskrippe mitten im August als Urlaubssouvenir überließ. Solche seltsamen Begegnungen hatte Konrad Rank schon öfter, wenn er mit seinen kleinen Kunstwerken an die Öffentlichkeit ging. Einmal baute er das Schiff „Bismarck“ in detailgetreuem Maßstab nach und ließ es per Fernsteuerung auf dem Schloßkanal in Schleißheim zu Wasser. Da bot ihm ein Australier spontan 1000 DM für das Schiff. „Wir hätten das Geld damals so dringend gebraucht, aber ich habe es nicht übers Herz gebracht, mich nicht von der Bismarck zu trennen.“

Konrad Rank streicht liebevoll noch eine hauchdünne Schicht Leim auf das Krippendach. Wieder streut er ein wenig Sand darauf. Jetzt ist die Patina perfekt.

Von solch einem Werk kann man sich eben nur schwer trennen.

(sh)

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