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Endlich am Ziel: Christine Knodel und Albrecht Rösch in Santiago de Compostela.

Christine Knodel und Albrecht Rösch gingen den Jakobsweg

Schritt für Schritt – 2640 Kilometer weit

Zuerst war es für Christine Knodel aus Jetzendorf nur ein Gedanke, eine fixe Idee, den berühmten Jakobsweg nach Santiago de Compostela zu gehen. Zu dem Gedanken („Das würde mich reizen“) kamen viele Fragen hinzu, doch vor wenigen Tagen fand die Pilgerreise auf Schusters Rappen ein gutes Ende. In neun Jahren und in zehn Etappen durch vier Länder, hat Knodel mit dem Rucksack auf dem Rücken 2640 Kilometer zu Fuß hinter sich gebracht.

Jetzendorf – Rückblickend räumt sie ein, dass sie sich beim Start im Jahre 2010 sehr unsicher war, ob sie das schaffen würde, ob sie es sich überhaupt zutraut, alleine zu marschieren. In der Gruppe zu pilgern wäre die Alternative gewesen.

Bei einer Feier bei Bekannten kam ihr Plan zur Sprache und spontan erklärte sich ihr Nachbar Albrecht Rösch bereit, sie auf dem Pilgerweg zu begleiten. Und weil Pilgern ja eigentlich an der Haustür losgeht, entschieden sich die beiden, eine Woche probezugehen in und um Jetzendorf.

„Dass aus der Idee aus einer Feierlaune heraus ein mehrjähriges Projekt wird, konnten wir damals noch nicht abschätzen“, sagt Christine Knodel. „Ich persönlich war sehr gespannt, ob ich die Faszination und Spiritualität erfahren würde, welche dem Jakobsweg zugesprochen wird. Heute kann ich sagen: teilweise. So verklärt wie manche die Pilgerreise zu Fuß sehen, habe ich sie nicht erlebt.“ Doch habe sie etwas anderes erfahren. Der Weg habe sie entschleunigt, „machte mir den Kopf frei. Manche Entscheidungen habe ich mir ganz bewusst auf den Jakobsweg gelegt und dann auch dort getroffen“, erklärt die 55-jährige gelernte Versicherungskauffrau, die Mutter von drei erwachsenen Töchtern ist und vor 33 Jahren mit ihrem Mann Eberhard die Ringe getauscht hat.

„Das bedingungslose Einlassen auf den Weg, das Vertrauen, der Jakobs-Muschel blind zu folgen, hat meine religiöse Sicht auf Gott in ein anderes Licht gerückt. Ist es mit meiner Beziehung zu Gott nicht genauso? Blind vertrauen? Sich Einlassen auf etwas Fremdes. Bedingungsloses Vertrauen“. Knodel kommt zu der Erkenntnis: „Ich lernte auch vieles über mich selbst: Wo ist meine Belastungsgrenze – wie stark meine Motivation? Kann ich mich ausreichend motivieren, meinen Rucksack jeden Morgen wieder zu packen, auch wenn es draußen seit Tagen wie aus Eimern schüttet oder die Nachttemperatur kaum unter 25 Grad liegt und an erholsamen Schlaf nicht zu denken war. Wenn der ganze Körper müde ist und die Füße schmerzen. Ich spürte eine Kraft, die mich antreibt. Ultreia (bekannter Pilgergruß) - immer weiter!“

Manchmal sei es auch der Nachbar gewesen, der sie bewusst oder wohl eher unbewusst motivierte. „Das ist eine Frage von Loyalität: Gemeinsam begonnen – gemeinsam beenden.“ Was die beiden Jetzendorfer beim Durchqueren von drei Ländern besonders beeindruckte, war die Gastfreundschaft, die sie erfuhren. Die Muschel, die sie ständig mittrugen, öffnete so manche Türe. Gastfreundschaft anzunehmen, das ist auch für Knodel eine der neuen Erfahrungen. „Nächtigen bei wildfremden Leuten, noch dazu mit Verständigungsproblemen, war oft nicht einfach. Doch es war schön, nach einem anstrengenden Tag mit so viel Herzlichkeit und Wärme aufgenommen zu werden. Noch nie in meinem Leben zuvor war mir so bewusst, welches Wohlgefühl ein warmes Bett und eine gute Mahlzeit sein können!“

Im Gespräch mit den Dachauer Nachrichten geht Christine Knodel auch auf die sogenannte Pilgergemeinschaft ein, die eine Besonderheit des Weges sei. „Fast ein eigener, kleiner Mikrokosmos. Viele Nationen, jede Altersschicht, Arme oder Reiche, Selbstständige, Rentner, Studenten, Hausfrauen oder Menschen, die um einen geliebten Menschen trauern, irgendwie ist hier jeder zu finden. So wie auch jeder den Weg auf seine ihm eigene Weise bewältigt. Manche durch das Laufen von möglichst vielen Kilometern am Tag. Andere, dazu gehören Albrecht und ich, die auch das mitnehmen wollen, was sich entlang des Weges bietet. Wir gehörten auch nicht zu den von uns insgeheim bezeichneten Hardcore-Pilgern. Wir haben, sofern vorhanden, der privaten Unterkunft und einem einfachen Kloster-, Pensions- oder Hotelzimmer den Vorzug vor einer Herberge gegeben.“

Mit vielen Blasen, nach Entbehrungen, Anstrengungen und fast allen Wetterkapriolen, einschließlich Schneeregen in Frankreich, kamen die beiden ans Ziel. Wie oft hatten sie sich ausgemalt, endlich vor der Kathedrale in Santiago de Compostela zu stehen? Knodel macht aber keinen Hehl daraus, bei der Ankunft am Pilgerort von gemischten Gefühlen begleitet gewesen zu sein: froh und glücklich, weil gut angekommen; nachdenklich, weil ein langer Weg zu Ende ging. „Die Gänsehaut bekamen wir dann abends in der Pilgermesse. Das war Emotion pur! Und als zum Schluss das große Weihrauchfass durch die Kathedrale schwang, begleitet von Orgelmusik und Gesang, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten!“ Josef Ostermair

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