Hätten gern weitere Kollegen im Facharzthaus Karlsfeld: Dr. Dominik Seifert (lkinks) und Dr. Wolfgang Eder. Foto: Habschied

"Jetzt red i": Kümmerliche Bilanz nach Aufzeichnung in Karlsfeld

Karlsfeld/Dachau - „Jetzt red i“ ist ein Klassiker. Im März 1971 strahlte das Bayerische Fernsehen den Wirtshausdiskurs erstmals aus. Seither fanden Beschwerden und Anregungen Hunderter Gehör, wurde Hunderte Male Abhilfe geschaffen. Leider fällt die Bilanz für Karlsfeld hingegen mager aus.

Am 18. Dezember war Moderator Tilmann Schöberl mit seinem Team ins Karlsfelder Bürgerhaus zur Aufzeichnung gekommen. Ausgestrahlt wurde die Folge nun am zurückliegenden Mittwochabend. Zu den eingespielten Redebeiträgen aus dem Bürgerhaus nahmen im Studio Unterföhring sechs hochrangige Vertreter zuständiger Behörden Stellung. Darunter sogar zwei Mitglieder der Staatsregierung: Innenminister Joachim Herrmann und Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle, beide CSU.

Spaenle hatte als Einziger eine konkrete Lösung zu verkünden: Um Schulkinder, die überhaupt kein deutsch können, später die Teilnahme am Unterricht in Regelklassen zu ermöglichen, soll eine Übergangsklasse gebildet werden. Sieben Kinder ohne Deutschkenntnisse kamen unlängst an die Verbandsgrunschule Karlsfeld, wie Schulleiterin Ursula Weber mitteilte. Sie und die Grundschullehrerin Johanna Boneff hatten die Einführung einer Übergangsklasse bei der Aufzeichnung gefordert (siehe auch Lokalseite 1 unserer heutigen Ausgabe).

Fachärztemangel? Nicht im Landkreis Dachau. Sagt zumindest die Statistik. Denn laut Gesundheitsministerium liegt die Versorgungsquote hier bei 144 Prozent. Doch die Realität sieht ganz anders aus, was damals im Bürgerhaus gleich mehrere Redner verdeutlichten. Dr. Wolfgang Eder und Dr. Dominik Seifert sind zwei Karlsfelder Mediziner, die im Sommer mit ins neue Facharztzentrum an der Münchner Straße ziehen werden. Dort wären auch ein HNO und ein Urologe wünschenswert, sagte Eder. Doch Kassenärztliche Vereinigung und Gesundheitsministerium sperren sich mit Verweis auf die übererfülle Quote. Dazu Bürgermeister Stefan Kolbe: „Diese Gesetzeslage erschließt sich mir nicht!“

Patienten aus Karlsfeld sind also gezwungen, nach Dachau oder München auszuweichen. Und müssen erst wochenlang auf ihren Termin und dann häufig stundenlang im Wartezimmer warten.

Nach einer Lösung hörte es sich nicht an, was Ilka Enger von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern und Staatssekretärin Melanie Huml aus dem Gesundheitsministerium im Unterföhringer Studio zum Problem mitzuteilen hatten. Enger sagte, dass die medizinische Versorgung „gleichmäßig und wohnortnah in ganz Bayern dargestellt“ werden müsse. Und das geht auf Kosten der Ballungsräume, wie Studikomoderator Andreas Bönte sofort erkannte. Immerhin: Melanie Huml kündigte an, dass das Gesundheitsministerium die Bedarfsplanung „kleinflächiger“ organisieren wolle. Das bisherige „starre System der Planung ist überholt“.

Peter Denk, Dachauer Stadtrat und Obermeister der landkreisweiten Bäckerinnung, sowie der Röhrmooser Bäckermeister Karl Gallenmüller sorgen sich um die Zukunft ihres Handwerks. Großflächige Supermärkte mit angegliederten Backshops und Ketten, die aufgrund ihrer Gastrogenehmigung den ganzen Sonntag über verbotenerweise Brot und Semmeln verkaufen, bedrohten ihre Existenz. Er arbeite über 70 Stunden pro Woche, so Gallenmüller. „Doch wenn es so weiter geht, muss ich in fünf Jahren schließen.“

Katja Hessel (FDP) ist Staatssekretärin im bayerischen Wirtschaftsministerium. Ihre erste Einlassung war ein simpler Appell an die Verbraucher: „Wir alle kaufen beim Discounter ein, weil es oft billiger und bequemer ist.“ Dass die maximale Verkaufsfläche im Einzelhandel von 800 auf 1200 Quadratmeter angehoben wurde, begründet sie mit Versorgungsproblemen außerhalb der Städte. Nur mit mehr Verkaufsfläche ließen sich die Supermarktketten aufs Land locken. Was die Öffnungszeiten am Sonntag betrifft, sei das Landratsamt in Dachau für notwendige Kontrollen zuständig.

Unter Applaus hatte sich Sieglinde Spielmann bei der Aufzeichnung im Dezember als „fluglärmgeplagte Karlsfelderin bezeichnet. Siegfried Weber fügte in seinem Beitrag vor dem „Jetzt red i“-Mikrofon hinzu, dass die Flugzeuge erwiesenermaßen tiefer über Karlsfeld flögen als früher.

Sandra Teleki von der Deutschen Flugsicherung sagte, ihre Behörde habe die Flughöhen überprüft und sich bei der Untersuchung besonders mit Karlsfeld beschäftigt. Webers Ergebnisse könne man nicht bestätigen, „die Flughöhen sind gleich geblieben“. Demzufolge überqueren die Verkehrsflugzeuge das Gemeindegebiet in Höhen von 4000 bis 8000 Fuß (1200 bis 2400 Meter). Zum von Sieglinde Spielmann beklagten Jahresnachtflugkontingent sagte FDP-Staatssekretärin Hessel, dass die zuvor geltende Tagesregelung nicht praxistauglich gewesen sei. Sie betonte, dass zwischen 0 und 5 Uhr ohnehin kein Flugbetrieb am Flughafen München herrsche. In den anderen Nachtstunden dürften nur lärmarme Flugzeuge landen und starten.

Kreisrat und Landwirt Peter Gradl hatte bei der Aufzeichnung der Sendung angeregt, auch Landwirten mit Zugmaschinen das Befahren der B 304 zwischen Dachau und Karlsfeld zu ermöglichen. Denn Bauern, die Lieferungen in die Landeshauptstadt haben, müssen täglich „zickezacke durch den Sonnenwinkel und dann durch die Rothschwaige“.

Innenminister Herrmann winkte ab: „Unter Sicherheitsgesichtspunkten macht es keinen Sinn, auf einer solchen vierspurigen Straße ein landwirtschaftliches Fahrzeug fahren zu lassen.“ Doch hier ist das letzte Wort nicht gesprochen. Gradl hat einen Termin in Herrmanns Ministerium bekommen, um sein Anliegen noch einmal zu konkretisieren.

Besonders kümmerlich fiel die Reaktion der Staatssekretärin des bayerischen Sozialministeriums aus. Johanna Huber sollte zu den Klagen von Kindererziehern und Kinderpflegern Stellung beziehen. Im Bürgerhaus hatten Andreas Rössler und Michaela Kistle damals ihrer Enttäuschung über schlechte Bezahlung, überfrachtete Ausbildungsmodalitäten und mangelnde Anerkennung Luft gemacht. Doch Hubers mit Fachausdrücken gespickten und im Stakkato vorgetragener Monolog blieb unverständlich und zwang Moderator Andreas Bönte zu einem mageren Fazit: „Wir müssen gesamtgesellschaftlich darüber nachdenken, wie wir diese Menschen besser anerkennen und bezahlen.“ (tol)

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