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Ein neuer Freundeskreis - gefunden ganz ohne Erasmus-Hilfe

Trennungsschmerz

Viola muss sich verabschieden. Von Freunden, die sie in Spanien kennengelernt hat. Es sind Freunde, die aus dem Nichts kamen - und die jetzt einen dicken Kloß in ihren Hals zaubern.

Liebe imPuls-Freunde,

„es war schön Dich kennengelernt zu haben“, sagt sie auf Englisch. Dann umarmen wir uns und ich spüre den dicken Kloß in meinem Hals. Schon in einer Woche wird meine schwedische Erasmus-Bekanntschaft zurück nach Hause fahren. Zur Erinnerung durfte ich mich mit einem Oscar-Wilde-Zitat in ihrem blauen Buch verewigen, ergänzt mit der Bemerkung, dass sie ein Grund ist, warum ich hier so eine schöne Zeit hatte.

Dabei kann ich mich an unser Kennenlernen kaum erinnern. Gerade zu Beginn eines Auslandsaufenhalts spricht man mit Gott und der Welt. Erasmus sei Dank. Fete hier, Ausflüge dort, Spiele, bei denen der Apfel mit dem Mund von Einem zum Nächsten im Kreis weitergegeben wird. Es dauerte damals einen Apfel und eine Partysause bis ich wusste, dass das nicht meine Welt ist.

Irgendwie passt mir das Konzept nicht, eine extrakleine Bar für 200 sich fremde Menschen zu mieten, nur damit man extra nah zusammenstehen muss. Erasmus-Studenten, die durch den Gang der Uni gehen und die Mädchen auf Grund ihrer Hintern beurteilen – ob sie es denn wert sind, abgeschleppt zu werden oder nicht. Die Überlebenschance von Fernbeziehungen schwindet von Woche zu Woche. Kein Wunder. Die freien Geister findet man an manchen Abenden bereits nach Minuten züngelnd auf der Tanzfläche. Wer fühlt sich bei diesem Anblick nicht auf Dauer einsam?

Erasmus ist, wie alle sagen – wenn man mitmacht. Vielleicht hätte ich das auch, wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, Menschen zu finden, die in Madrid leben. Oder andere, denen diese Erasmus-Welt auch nicht schmeckt. Dem Mädchen aus Paris zum Beispiel schmeckten eher Kartoffelchips, genau wie mir. Zufällig hatten wir im Park nebeneinander gesessen. Wir griffen zu. Erst schüchtern, dann öfter. Immer und immer wieder. Händeweise Chips. Irgendwann war die Tüte leer und wir lachten, bis wir auch damit nicht mehr aufhören konnten.

Heute essen wir mit Messer und Gabel in den Bars des nächtlichen Madrid. Und schauen im Kino französische Filmklassiker. Mit meinen neuen spanischen Freunden kommunizierte ich zu Beginn mit Händen und Füßen. Jetzt nehmen sie mich mit auf Konzerte, zum Eislaufen, laden mich zum Geburtstag ein und wollen mich mit einem Spanier verheiraten, damit ich in Madrid bleibe.

Und dann gibt es hier eben diese Schwedin, die jetzt mit ihrem Poesiealbum davongeht. Ich hatte großes Glück mit ihnen. Und gerade schon wieder einen Kloß im Hals.

Eure Viola

Viola Diem hat ihr Journalismus-Studium für fünf Monate nach Madrid verlegt. Sie hat sich über das Internet ein kleines Zimmer in einer spanischen WG gesucht und begonnen, Spanisch zu lernen. Ihren Freunden und der imPuls-Redaktion berichtet sie in Briefen von ihren Erfahrungen in der Ferne.

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