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Gedichtinterpretation mal anders: Steffen Liedtke bringt Schülern Leonard Cohens Zeilen über den NS-Verbrecher Adolf Eichmann näher.

Auf der Suche nach Antworten:

Wenn der Lehrer Pause hat

Vermitteln statt konsumieren: Steffen Liedtke (26) hat Vorlesungssaal gegen Ausstellungsraum getauscht und führt Schüler durch die Eichmann-Ausstellung im Münchner Justizpalast. Die Diskussionsbereitschaft der Jugendlichen überrascht ihn oft – auch wenn deswegen nicht alles nach Plan läuft.

Wortfetzen und ein permanentes Echo von Schritten hallen durch den imposanten Raum. Entgegen seiner Namensgebung ist der Lichthof des Münchner Justizpalastes eher düster. Das Geflecht aus hellen Marmorsäulen und schweren Steingeländern des neobarocken Gebäudes wirkt wie ein Käfig. Mittendrin steht Steffen Liedtke, umringt von rund 20 Schülern. Vor ihm eine Ausstellungstafel, die ein Gedicht zeigt. Zu lesen sind unter anderem die Sätze: Was haben Sie erwartet? Krallen? Übergroße Zähne? Grünen Speichel? „Was will uns Leonard Cohen damit sagen?“, fragt Steffen in die Gruppe. Nach anfänglichem Zögern ringt sich eine Schülerin zu einer schüchternen Antwort durch: „Dass er kein Monster war, sondern ein ganz durchschnittlicher Mensch.“

Er – das ist der ehemalige SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann. Die Tafel, vor der Steffen mit den Schülern eines Ingolstädter Gymnasiums steht, ist Bestandteil der in der Yad-Vashem-Gedenkstätte konzipierten Ausstellung über den Eichmann-Prozess in Jerusalem. Zu sehen war sie im Münchner Justizpalast, nur wenige Schritte von dem Raum entfernt, in dem 1943 die Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ zum Tode verurteilt wurden.

Auf der Suche nach Antworten

Steffen kommt aus Dachau. Der 26-Jährige studiert Politik, Jura und Geschichte in München und hat sich entschlossen, die Besucher durch die Ausstellung zu führen. Und den jungen Menschen dabei die Fragen zu stellen, die auch die Forschung bewegen: Wer waren die Täter? Wie wurden sie zum Täter? Und wie geht man damit um?

Um die Antworten zu finden, soll den Schülern ein gewisses Hintergrundwissen helfen, da sich die Tafeln vor allem auf eine visuelle Darstellung konzentrieren. Dieses Wissen vermittelt ihnen Steffen in seiner 75-minütigen Führung – zum Großteil in Eigenverantwortung. „Wir sind in einem Workshop auf die Tätigkeit vorbereitet worden und haben zusätzlich Materialien bekommen. Aber unsere Schwerpunkte konnten wir selbst wählen“, erklärt Steffen.

Seine Stimme hallt in dem großen Foyer. Von weitem könnte man ihn für einen Schüler halten, mit seinem schwarzen Rucksack auf dem Rücken. Doch sein Namensschild auf der Brust verrät ihn. Mit kurzen Blicken auf seinen Spickzettel erzählt Steffen den Schülern von Eichmanns gescheiterter Schulkarriere und dem daraus resultierenden Ehrgeiz in der Arbeit für die NSDAP. Von dessen Flucht nach dem Krieg über eine der so genannten Rattenlinien nach Argentinien und der dortigen Festnahme durch vier israelische Geheimagenten. Und schließlich von dem Prozess, der 1961 in Jerusalem stattfand, große internationale Aufmerksamkeit erregte und mit dem ersten und einzigen Todesurteil der Geschichte des Staates Israel endete. Die Schüler lauschen aufmerksam – keine abgelenkten Gespräche, kein desinteressiertes Gähnen.

Geschichte nicht nur konsumieren, sondern vermitteln

Um die pädagogische Begleitung der Ausstellung kümmert sich die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. Dort ist auch der Lehrer und Holocaust-Forscher Robert Sigel tätig, über den Steffen an seine Aufgabe kam: „Er war schon am Josef-Effner-Gymnasium mein Lehrer und an der Uni hatte ich auch einen Kurs bei ihm.“ Als dann die E-Mail mit der Anfrage kam, zögerte der Student nicht lange.

Zu den pädagogischen Zielen gehört nicht nur die Vermittlung von historischen Fakten. Die Ausstellungsbesucher sollen für kontroverse Fragestellungen sensibilisiert werden. Steffen ruft den Schülern in Erinnerung, dass die Ausstellung einen israelischen Blickwinkel wiedergibt. „Wie meint ihr hat Argentinien auf die Festnahme reagiert?“, fragt Steffen. Bevor er das Urteil des israelischen Gerichts verrät, stellt er der Gruppe die schwerwiegende Frage, wie sie urteilen würden. „Schwierig“, findet ein Schüler. Ein anderer empfindet die Todesstrafe als gerecht.

Seine Motivation, sich mit mal mehr mal weniger interessierten Schülern in dem unruhigen Justizpalast-Foyer über Eichmann zu unterhalten, zieht Steffen aus dem Thema: „Ich finde es interessant, Geschichte auch mal zu vermitteln, nicht nur zu konsumieren.“ Ein paar Euro Aufwandsentschädigung und das Zeugnis am Ende sind ein kleiner Bonus. Für die Schüler bedeutet die Exkursion nach München vor allem Abwechslung. „Es schadet bestimmt nicht, wenn mal jemand anderes als der Lehrer erzählt“, findet Steffen.

So ganz nach Plan läuft die Führung selten. Diesmal funkt Steffen die Zeit dazwischen. Die geplante Abschlussdiskussion mit den Schülern fällt aus. Die Gruppe muss zurück zum Bahnhof, in wenigen Minuten fährt der Zug zurück nach Ingolstadt. „Schade“, findet Steffen, „die Diskussion ist meistens am spannendsten.“ Ganz unzufrieden ist er trotzdem nicht: „Auch wenn jetzt nicht alle Fakten hängen bleiben, ein Eindruck bleibt.“ Und damit hätte Steffen schon etwas erreicht.

von Dominik Göttler

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