Mahner, Zeitzeuge und Vorbild: Der Pavillon im Jugendgästehaus ist dem KZ-Überlebenden Nikolaus Lehner gewidmet. Seine Tochter Juliane Ahlon und ihre Familie freuen sich über dieses Denkmal. Foto: habschied

Als Kämpfer im Land der Täter

Dachau - Weiterleben im Land der Täter? Für die meisten Holocaust-Überlebenden war ein Neuanfang in Deutschland undenkbar. Und doch blieb vielen nichts anderes übrig. Nikolaus Lehner zum Beispiel. Er hat eine Chance daraus gemacht - und Dachau geprägt. Das diesjährige Zeitgeschichtssymposium fand in Gedenken an ihn statt.

Als Juliane Ahlon ein kleines Mädchen war, hat sie oft mit ihrem Vater in dem stoffgebundenen Fotoalbum geblättert und die Schwarz-Weiß-Fotos ihrer Verwandten angeschaut. Menschen, die für sie Fremde waren. Die den Holocaust nicht überlebt hatten. Von denen nichts als die wenigen Bilder geblieben waren. Ihr Vater hatte das Album im KZ Dachau verstecken können. Es war alles, was ihm von seiner Familie geblieben ist. Nur ein einziger Bruder hatte den Holocaust überlebt. Nikolaus Lehner wollte auswandern. Alle schlimmen Erfahrungen hinter sich lassen. Aber er bekam keine Papiere - und musste bleiben. Im Land der Täter.

Er hätte verbittert sein können. Doch stattdessen begann er zu kämpfen. Für ein würdevolles Gedenken. „Nikolaus Lehner war nicht der Einzige, aber der erste, der die Idee verfolgte, in Dachau einen Ort zu schaffen, an dem über die Vergangenheit gesprochen werden kann“, sagte Barbara Distel in ihrem Vortrag. Sie ist überzeugt: Ohne Nikolaus Lehners Engagement würde es heute kein Jugendgästehaus in Dachau geben. Grund genug für die Organisatoren des Symposiums, mit der Veranstaltung an ihn zu erinnern.

Einige Male war Juliane Ahlon dabei, als ihr Vater vor Jugendlichen sprach. „Er fand dabei die Antworten, die er suchte“, glaubt sie. Vieles hat Ahlon erst später verstanden. Als sie Psychotherapeutin wurde. Doch schon als junges Mädchen wusste sie, wie schwer ihr Vater mit seinen Erinnerungen zu kämpfen hat. „Oft hatte er einen ganz abwesenden Gesichtsausdruck“, erzählt sie den Gästen des Symposiums. „Er schien unendlich weit weg zu sein.“ Gedanklich war er es. Doch körperlich hat Nikolaus Lehner das Land der Täter nie verlassen. Er lebte bis zu seinem Tod vor sieben Jahren in Dachau - mit seinen Erinnerungen. Als Mahner, Zeitzeuge und Vorbild.

Im Jugendgästehaus hat er ein Denkmal bekommen. Der Pavillion trägt seinen Namen. Ein Foto und eine Kurzbiografie erinnern dort an ihn. Für Juliane Ahlon und ihre Familie ist es eine Geste, die ihnen sehr viel bedeutet. Alle sind angereist zum Zeitgeschichtssymposium. In das Haus, für das Nikolaus Lehner in einer Zeit gekämpft hat, als viele Menschen noch nicht bereit waren für die Geschichten der Überlebenden.

Juliane Ahlon besitzt ein Taschentuch ihres Vaters, das er immer bei sich trug. Es war ordentlich gebügelt und gefaltet, als sie es nach seinem Tod fand. „Ich habe meinen Vater niemals weinen sehen“, sagt sie. Er war ein Kämpfer.

(kwo)

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