Der Kampf der Erinnerungen

Dachau - Für die Häftlinge im KZ Auschwitz endete am 27. Januar 1945 die Hölle auf Erden. Nur noch wenige Holocaustüberlebende sind heute, 67 Jahre später, am Leben. Und von ihnen schaffen es nur wenige, über die furchtbaren Erinnerungen zu sprechen. Abba Naor gehört zu denen, die es können. Er schaffte es nur, weil er eine Vision hat.

Er wollte vergessen. Alles hinter sich lassen, die schrecklichen Erinnerungen für immer loswerden. Doch so leicht ist es nicht. Ein Teil von Abba Naor ist nie aus dem Holocaust befreit worden. Ein Teil von ihm durchlebt die Hölle noch immer und immer wieder. Anfangs weil ihn diese furchtbaren Erinnerungen einfach nicht losließen. Inzwischen will er seine Erinnerungen nicht loslassen. Der 83-Jährige reist seit Jahren von Schule zu Schule, von Gedenkfeier zu Gedenkfeier. Überall berichtet er, was er als Jugendlicher durchleiden musste. Denn er ist überzeugt: Das ist die einzige Chance, zu verhindern, dass es noch einmal so weit kommen kann. Abba Naor hat Routine bekommen, seit diesem einen Tag, als er es das erste Mal wagte, die Tür zur Vergangenheit zu öffnen. Alle seine Enkel hatten oft versucht, ihn zu überreden, in der Schule von seiner Zeit im Ghetto, von den Qualen im KZ und vom Todesmarsch zu berichten. Immer wieder sagte er nein.

„Mein jüngster Enkel Daniel hat es schließlich geschafft“, erzählt er. Ihm konnte er den Wunsch nicht abschlagen, er kam in den Geschichtsunterricht - und erzählte. Anfangs stockend, mit zittriger Stimme. Dann blickte er in die Gesichter der Jugendlichen, hörte ihre Fragen - und merkte: „Ihr Interesse war da. Aber ihr Wissen war gleich null.“ Das war der Moment, in dem Abba Naor begann, nicht mehr gegen seine Erinnerungen zu kämpfen, sondern sie als Waffe zu benutzen. Als Waffe gegen jede Form des Antisemitismus.

In Dachau war er schon oft zu Gast. Und trotzdem ist auch in Dachau seine Geschichte noch nicht zu Ende erzählt. „Bei jeder unserer Begegnung machen Sie mich mit einem neuen Aspekt nachdenklich“, sagte Gabriele Hammermann, die Leiterin der KZ-Gedenkstätte, die das Zeitzeugengespräch im Ludwig-Thoma-Haus moderierte. Freitagabend hat Abba Naor es wieder geschafft. Und nicht nur bei ihr.

Er war 13 Jahre alt, als die Nazis in seiner Heimat Litauen einmarschierten und ihn und seine Familie in ein Ghetto nach Kaunas verschleppten. Es war der Tag, an dem seine Kindheit von einer Sekunde auf die andere vorbei war. Abba Naor erlebte Grausamkeiten, die er nicht für möglich gehalten hätte. Seine beiden Brüder und seine Mutter kamen ums Leben, von seinem Vater wurde er getrennt. Als er vom KZ Stutthof ins Dachauer Außenlager Utting und später ins KZ Kaufering kam, war er 16 Jahre alt - und ein alter Mann geworden.

Abba Naor hatte gesehen, wie Menschen vor seinen Augen erschossen wurden, er verbrachte Tage damit, Leichen wegzukarren und wurde von den Nazis schikaniert und beinahe zu Tode gequält. „In dieser Zeit habe ich gelernt, was Leben bedeutet. Und was Freundschaft bedeutet.“

Einer der Menschen, die damals Kraft gegeben haben, sitzt heute im Publikum. Uri Chanoch. Mit ihm hat er Tag für Tag ums Überleben gekämpft. „Auf unserem Weg zur Arbeit kamen wir jeden Tag an einer Schweinezucht vorbei“, erzählt er. Die beiden Hunger leidenden Jungen versuchten, den Schweinen aus dem Matsch rohe Kartoffeln zu klauen. „Die Tiere haben jedes Mal furchtbar gequiekt und uns verraten“, erzählt Naor. „Sie haben nicht verstanden, dass es uns genauso ging wie ihnen. Wir waren genau wie sie zum Tode verurteilt - nur sind wir lange nicht so gut behandelt worden.“ Das Einzige, das damals erlaubt war, war die Hoffnung. Sie half Abba Naor und seinem Freund Uri weiterzumachen - bis der Tag kam, an dem sie von den Amerikanern befreit wurden.

Beide sind heute 83 Jahre alt. Beide wollen, so lange sie können, herumreisen und von damals berichten. Manchmal, wenn Abba Naor vor einer Schulklasse steht und erzählt, dann sieht er Tränen in den Augen einiger Jugendlicher. Immer dann, wenn die Blicke nach unten gehen, wenn ihn viele Gesichter voller Fragen ansehen, dann weiß er, dass er damals, als sein Enkel Daniel vor ihm stand, die richtige Entscheidung getroffen hat. Denn Abba Naor hat eine Vision: „Diese Kinder bleiben ja keine Kinder“, sagt er. „Irgendwann sind sie erwachsen, haben selbst Kinder und werden unsere Geschichten weitererzählen. Und ich bin sicher, alle Entscheidungen, die sie treffen, werden menschlicher sein.“ Für diese Vision lebt Abba Naor. Wegen ihr will er niemals vergessen.

kwo

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