Sportlich, fit und voller Leben – so ist Michael Kaiser heute. Der 45-Jährige hat seine lebensbedrohliche Krankheit überwunden. Zweimal. Foto: cla

Kampf gegen den unsichtbaren Feind

Karlsfeld - Es gab eine Zeit in Michael Kaisers Leben, die er nie vergisst. Eine Zeit, in der ihm die Ärzte kaum noch Chancen ausrechneten. Damals litt er unter der seltenen Krankheit aplastische Anämie. Und er gewann den Kampf gegen sie. Zweimal. Nun will er anderen Menschen Mut machen - mit seiner eigenen Überlebensgeschichte.

Michael Kaiser kommt mit seinem Mountainbike angeradelt. Er hat eine sportliche Statur, einen durchtrainierten Körper. Er lächelt und steigt ab. Nichts, rein gar nichts, deutet darauf hin, dass der 45-Jährige eine lebensbedrohliche Krankheit hinter sich hat. Der gebürtige Karlsfelder führt ein glückliches Leben. Die schlimme Zeit damals hat er allerdings nicht vergessen. Er hat sie aufgeschrieben, als Autobiographie. „Neues, altes Rauschen“, heißt sie.

Kaiser ist im Alter von 18 Jahren an einer schweren aplastischen Anämie erkrankt. Diese Krankheit ist äußerst selten. In Europa kommen auf 100 000 Personen nur 0,2 bis 0,3 Betroffene. Die Patienten leiden unter Knochenmarkversagen und gleichzeitig einer Verringerung der Zellen im Blut. Michael Kaiser fühlte sich damals schlapp, mehr merkte er zunächst nicht. Kein Grund zur Besorgnis, dachte er. Schließlich war er jung, sportlich, stand mit beiden Beinen mitten im Leben. Wer denkt da schon an eine lebensbedrohliche Erkrankung? Kaiser hatte längere Zeit nicht Fußball gespielt und führte darauf seine mangelnde Fitness zurück.

Dann kam der Zahnarztbesuch, der sein Leben verändert hat. Nach einer kleinen, eigentlich unproblematischen, ambulanten Operation hörte die Wunde nicht mehr auf zu bluten, der 18-Jährige fühlte sich extrem schlecht. Schließlich folgte der komplette Zusammenbruch. Wenige Tage später kämpften die Ärzte im Krankenhaus um Michael Kaisers Leben.

Von einem Tag auf den anderen wurde er erwachsen, musste sich mit dem Sterben auseinandersetzen. Aufgeben kam für ihn jedoch nicht in Frage. Michael Kaiser ließ zahlreiche schmerzhafte Behandlungen über sich ergehen. Innerhalb von etwa einem Jahr bekam er 300 Liter Blutkonserven. 1985 schien es so, als hätte er den Kampf gegen die aplastische Anämie tatsächlich gewonnen.

Endlich Zeit für ein normales Leben. Michael Kaiser machte beruflich Karriere, heiratete und gründete eine Familie. 1992 und 1994 wurden seine beiden Töchter Anja und Verena geboren. Das Glück war perfekt - bis 1997 sein Leben erneut zusammenbrach.

Die aplastische Anämie brach wieder aus. Zur selben Zeit, als seine geliebte Mutter einen schweren Fahrradunfall hatte. Seit damals liegt sie im Wachkoma. Auch in Kaisers Ehe begann es zu kriseln, er ließ sich scheiden. Einzig seine beiden Töchter waren sein Ansporn, zu kämpfen. „Jeder Gedanke ans Aufgeben war sofort weg, als ich an die Kinder gedacht habe“, sagt Michael Kaiser rückblickend. Seine Kinder gaben ihm damals die Kraft, die er so dringend brauchte.

Sein Zustand verschlechterte sich immer mehr, die Ärzte wussten nicht weiter. Im Jahr 2000 kam nur noch eine Knochenmarkspende in Frage. Eine Option, die die Ärzte wegen des hohen Risikos nur dann in Erwägung ziehen, wenn der an aplastischer Anämie erkrankte Patient sonst keine Überlebenschance mehr hat. „Das war wie ein Todesurteil für mich“, berichtet Kaiser. Der Spezialist, der ihn behandeln sollte, hatte während seiner gesamten Laufbahn erst zwei Patienten mit einer ähnlichen Krankheitsgeschichte: Einer davon hatte überlebte, der andere war gestorben.

Kaiser wollte leben, darum stimmte er der Transplantation zu. Er verbrachte neun Wochen in einem Isolationszimmer. Heute denkt er mit Schrecken an diese Zeit zurück: „Es war wie die Hölle. Wegen der Medikamente war ich nicht mehr Herr meiner selbst, das hat mich schier wahnsinnig gemacht“, erinnert er sich.

Damit die Knochenmarktransplantation gelingen konnte, musste zuvor Michael Kaisers komplettes Immunsystem zerstört werden. Der Karlsfelder war irgendwann physisch und psychisch so am Ende, dass es ihn sogar zu sehr anstrengte, fernzusehen. Dazu kam die ständige nervliche Belastung. „In den neun Wochen meines Aufenthalts war ich oftmals verrückt“, berichtet er. „Oft habe ich gezweifelt und wollte am liebsten aufgeben.“ Dennoch: Der Wunsch, zu leben, war stärker als die Krankheit. Kaiser wollte „wieder lebendig sein, etwas erleben, verändern, ausprobieren. „Ohne Krankheit als Ausrede.“

Sein Kampfgeist siegte, Michael Kaisers Körper nahm das neue Knochenmark an. Weihnachten 2001 konnte er schon zu Hause feiern, wenige Tage später wurde er aus dem Krankenhaus entlassen.

Daheim ergaben sich jedoch neue Probleme. Kaiser wohnte damals in Unterhaching, all seine Freunde und Bekannten lebten im Landkreis Dachau. Er war auf sich alleine gestellt, musste seinen Alltag ohne fremde Hilfe meistern. „Im Nachhinein war das aber eigentlich sogar ein Vorteil, weil ich mich damit auseinandersetzen musste, was mir wichtig ist“, sagt er.

Nachdem er im Kopf soweit war, um sich „nicht mehr von der Krankheit abhängig zu machen“, krempelte Kaiser sein Leben komplett um. Er zog wieder in den Landkreis Dachau, gab seinen Job bei Siemens auf und wagte stattdessen den Schritt in die Selbstständigkeit. Er betreibt mittlerweile eine Heilpraktikerpraxis für Psychotherapie in Dachau und hält Seminare sowie Pilates- und Qigongkurse ab.

Auch privat hatte der 45-Jährige wieder Glück. Er lernte Lisa kennen, die „Liebe seines Lebens“, und feierte ein zweites Mal Hochzeit. Vor fünf Jahren erblickte sein Sohn Jonathan das Licht der Welt. „Das ist wie ein Wunder“, erzählt Kaiser. „Alle Ärzte haben gesagt, dass ich wegen der Behandlung unfruchtbar bin.“

Nun will er anderen Menschen Mut machen. Mit seiner Geschichte, die so glücklich ausging. Deshalb engagiert er sich ehrenamtlich als Vorsitzender im Verein Aplastische Anämie. Seine Einladung zum Erzählcafé der Caritas in Dachau war schließlich der Anstoß, seine Notizen zu einer Autobiographie zusammenzufassen. „Mein Ziel war es, anderen damit zu zeigen, dass es sich lohnt zu kämpfen. Selbst wenn es richtig schlecht aussieht.“ (cla)

Das Buch

„Neues, altes Rauschen“ (ISBN 978-3842356924) ist im Buchhandel und im Internet für 17,90 Euro erhältlich.

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