„Zähl keine Schafe! Such Menschen!“

Mantrailing: Ein Gespräch über Suchhunde, Schafe und Böcke

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Dachau - Hunde haben eine Spürnase. Die Malteser haben ihre Hunde deshalb „Mantrailern“ ausgebildet, um Vermisste aufzuspüren. Karl-Michael Brand, Staffelleiter des Suchhundeteams Dachau, erklär, wie Mantrailing funktioniert, was den Hunden gefällt – und was ein Kampfschaf ist.

Was macht ein Rettungshund den ganzen Tag so?

Im Prinzip das Gleiche, was andere Hunde auch den ganzen Tag lang machen: 60 Prozent des Tages verpennen, möglichst viel essen, spielen, Spaß haben und in einer Familie leben. Und dazu: Dreimal die Woche trainieren – und etwa 40 Mal im Jahr bei einem Einsatz helfen, in unserem Fall.

Was macht ein Rettungshund im Einsatz?

Nun, es gibt verschiedene Formen von Rettungshunden. Es gibt die „Klassiker“, die „Lawinenhunde“ oder „Trümmerhunde“, die verschüttete Menschen nach Lawinenabgängen, Erdbeben oder Explosionen aufspüren. Im Idealfall kann so ein Hund sogar anzeigen, ob der verschüttete Mensch bereits tot ist oder noch lebt. Dann gibt es „Flächenhunde“, die eingesetzt werden, wenn vermisste Menschen im unwegsamen Gelände oder in großen Waldflächen gesucht werden. Jedes Team bekommt einen Abschnitt zugeteilt, der Hund läuft da rein, raus, rein, raus, rein, raus – und zeigt dem Hundeführer alle Personen an, die sitzen, kauern, liegen oder auffällig laufen. Dann gibt es noch die Wasserrettungshunde, die einen Ertrinkenden retten, indem sie in einem speziellen Geschirr zum Opfer schwimmen und ihre Hilfe anbieten. Der in Not geratene Schwimmer kann sich am Geschirr festhalten und ziehen lassen. Für forensische Einsätze gibt es noch Wasserortungs- und Leichensuchhunde, die riechen können, wo zum Beispiel eine Leiche im See liegt.

Und was tun die Hunde in der Dachauer Rettungsstafffel?

Unsere Hunde sind „Mantrailer“ (Anm. d. Red.: „Menschenverfolger“). Das ist die jüngste Disziplin unter den Rettungshunden. Diese Hunde suchen Menschen nach Individualgeruch. Das heißt, der Hund kann im Idealfall den Weg einer vermissten Person komplett nachgehen, an der Leine auf jedem Untergrund. Beim Mantrailing werden die Duftmoleküle der Zielperson gesucht, es wird nicht der Bodenverletzung gefolgt wie bei der Fährtenarbeit.

Wie macht der Hund das?

Der Mensch stößt in der Minute etwa 40 000 Hautschuppen ab. Diese enthalten Hautzellen. Darauf setzen sich Bakterien, die die Zellen zersetzen, dabei entsteht ein Geruchsbild des Gesuchten. Dazu kommt, dass Menschen Säure produzieren, durch Drüsen, die stark riechend sind. Die Hautschuppen enthalten darüber hinaus auch Rückstände von Schweiß, Waschmittel, Kosmetika etc. Eine verletzte Person verliert Blut, das sich dann auf der Spur befindet. Aus all diesen Parametern erstellt der Hund eine Mischkalkulation – und kann so einen Individualgeruch wahrnehmen. Der eigentlich einmalig ist.

Der Hund verwechselt den Geruch nicht mit dem der Mutter oder des Bruders?

So etwas erschwert die Suche aufgrund verwandter DNA oder Übereinstimmungen bei Ernährung und Kosmetik. Aber wir üben auch gezielt, dass der Hund den Familiengeruch rausfiltert. Wenn aber ein Kind verschwindet, und die ganze Familie ausschwirrt, um es zu suchen, bevor wir eintreffen, wird es schon deutlich schwieriger für den Hund.

Funktioniert das auch, wenn die Person schon lange verschwunden ist?

Etwa 48 Stunden nach dem Verschwinden kann der Hund diese Arbeit relativ gut leisten. Dann wird es schwieriger. Auch die Witterung spielt eine Rolle: Wenn es kühl und feucht ist, geht es besser, wenn es sehr heiß wird, dann stellen die Bakterien ihre Tätigkeit ein.

Welche Hunde können Mantrailer werden? Kann so was auch ein Dackel?

Dackel können hervorragende Mantrailerhunde sein – ich kenne zwei persönlich!

Aber was für ein Talent braucht der Hund dafür?

Die Nasenleistung eines Hundes überschreitet die eines Menschen um das hundert bis zweihundertfache. Diese Fähigkeit hat jeder normal gebaute Hund. Es gibt aber Ausschlusskriterien, etwa deformierte Nasen, wie beim Mops. Außerdem finden wir es waghalsig, mit sehr schweren Hunden zu arbeiten – denn im Einsatz muss man den Hund auch mal über ein Hindernis tragen.

Geht auch ein Chihuahua?

Gibt’s auch. Prinzipiell ist alles möglich – außer, der Hund hat keinen Bock drauf.

Er muss Spaß haben?

Ja. Prädestiniert sind natürlich alle Jagdhunderassen, weil sie beim Suchen Endorphine, also Glückshormone ausschütten. Suchen ist also hier quasi selbstbelohnend.

Andere Hunde nicht?

Nein, ein Hütehund zum Beispiel nicht. Aber ein Bordercollie beispielsweise ist unglaublich arbeitswillig und will seinem Menschen gefallen. Der treibt normalerweise Schafe zusammen, bringt sie von A nach B oder sortiert sie ihnen nach Größe und Farbe – wenn Sie das wollen. Dem muss man erst einmal verklickern: „Du zählst jetzt keine Schafe mehr! Du suchst Menschen. Das ist Deine Arbeit!“ Aber das ist nur eine andere Form der Motivation. Da läuft die Ausbildung einfach anders. Wenn er es dann kann, bringt gerade der Hütehund unter Umständen seine Fähigkeit zum „Mitdenken“ mit ein. Eine grundlegende Säule des Erfolges ist aber immer die anhaltende Motivation des Hundes.

Gibt es sonst irgendwelche Problemrassen?

Wo ich die Ausbildung zum Rettungshund schwierig einschätze, das sind die Herdenschutzhunde. Die binden sich extrem schwer an den Menschen, die binden sich eher an Schafe und zeigen starkes Schutz- und Territorialverhalten. So ein Hund wächst normalerweise in der Herde auf und denkt, er sei ein Schaf. Ein „Kampfschaf“. Und vertreibt dann die Wölfe.

Welchen Hund haben Sie?

Einen Bordercollie-Retriever-Mischling. Das ist ein echter Arbeitshund, eine Mischung aus Jagd- und Hütehund.

Werden die Hunde denn auch belohnt?

Ja, immer. Hier gilt es herauszufinden, was den jeweiligen Hund besonders „antörnt“ Der eine will einfach nur was besonders Leckeres fressen, ein anderer spielen oder eine Kombination aus beidem. Die völlig Bekloppten wollen zur Belohnung wieder etwas arbeiten. Und wenn der Hund einen Vermissten findet, gibt es eine Riesen-Party, bei der sich der Hundeführer für seinen Partner zum Affen macht. Bei einem vorzeitigen Abbruch gibt es zwar auch eine positive Verstärkung, aber keine große Motivationsparty. Der Hund soll ja lernen, dass er Bescheid geben darf und soll, wenn die Spur aus ist, das ist wichtig – aber er soll sich nicht angewöhnen, negativ zu zeigen, wenn er keine Lust mehr hat.

Ihrem Hund macht das Ganze also genauso viel Spaß wie Ihnen?

Naja, eigentlich mehr. Zum Beispiel wenn es Nacht und saukalt ist und es regnet, dann hab ich wenig Spaß und er immer noch. Für den Hund ist das einfach ein Spiel. Das ist seine Motivation.

Sie müssen jederzeit wissen, was der Hund braucht?

Jeder Hundeführer muss sich bemühen, seinen Hund ganz genau zu verstehen. Ich lerne im Laufe der Zeit immer mehr, mit meinem Hund zu kommunizieren.

In ihrem Fall ist also Ihr Hund Ihr bester Freund?

Hm... Ja.

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