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Außergewöhnlicher Sitzungsort: Der Gemeinderat tagte am Donnerstag im Bürgerhaus vor 220 Zuhörern.

Außergewöhnliche Sitzung im Karlsfelder Bürgerhaus

Ehemaliges Bayernwerkgelände:  220 Zuhörer warten bei Gemeinderatssitzung auf Entscheidung - Eine große Hoffnung wird nicht erfüllt

Rund 220 Zuhörer bei der Karlsfelder Gemeinderatssitzung wollten wissen, wie es mit dem ehemaligen Bayernwerkgelände weitergeht. Das Ergebnis einer Studie, wonach die Gemeinde an ihren Planungszielen festhalten soll, stieß auf Zustimmung. Aber nicht bei allen Besuchern.

Karlsfeld – Auf das ehemalige Bayernwerkgelände auf der Westseite des Karlsfelder Bahnhofs sollen Büros, emissionsarme Gewerbebetriebe und vor allem der von vielen dort herbeigesehnte Supermarkt. So will es die Gemeinde, so ist es im Bebauungsplan festgeschrieben.

Geht so nicht, sagt der Grundstückseigentümer, die Erl & Streicher Projektentwicklungsgesellschaft aus Deggendorf. Sie legte dem Gemeinderat deshalb Ende Januar ein neues Konzept vor, das ein Parkhaus, ein Hotel, ein Pflegeheim und 180 zusätzliche Wohneinheiten vorsah (wir berichteten). Ein Supermarktbetreiber sei nur für den Standort zu gewinnen, wenn im Umfeld mehr Menschen lebten, dies habe die Feneberg-Kette so kommuniziert, hieß es.

Die CIMA kommt zu einem anderen Ergebnis. Das im gesamten deutschsprachigen Raum tätige Beratungsunternehmen für Stadtentwicklung stellte der Öffentlichkeit am Donnerstagabend eine Potenzialanalyse vor. Es sei „grundsätzlich realistisch“, dass die von der Gemeinde verfolgten Ziele am Standort erreicht werden können, sagte Jan Vorholt von der CIMA.

Im Raum München sei eine „weiterhin hohe Nachfrage nach Büroflächen zu erwarten“, so Vorholt weiter. Für die Ansiedlung von Gewerbe sei der Standort an der Bayernwerkstraße insgesamt durchschnittlich zu bewerten, eine Realisierung aber sei „grundsätzlich möglich“.

Von besonderem Interesse war die Analyse der Fachleute, ob ein Supermarkt auch ohne die von Erl & Streicher gewünschte zusätzliche Wohnbebauung wirtschaftlich darstellbar ist. Wie Susanne André von CIMA mitteilte, könne ein Supermarkt an diesem Standort einen Jahresumsatz von 3,2 bis 3,4 Millionen Euro erzielen. Für die Betreiber von großen Supermärkten wie REWE, Edeka, Aldi und Lidl ist das zu wenig, nicht aber für Discounter wie Penny, Netto und Norma und auch nicht für die Feneberg-Kette. Berücksichtigt man die zusätzlichen 180 Wohneinheiten, steigt der jährliche Umsatz des Supermarkts laut Susanne André „nur marginal um etwa 200 000 Euro“.

Ein Markt mit 800 bis 1000 Quadratmetern Verkaufsfläche sei „am Standort sinnvoll“, sagte Jan Vorholt. Das Umfeld sei zwar im Wesentlichen von Wohnbebauung gekennzeichnet – rund 3270 Menschen leben dort –, aber die Fachoberschule, Pendler, S-Bahnnutzer und bald auch Schüler des Gymnasiums seien „alles potenzielle Kunden“.

Der Gemeinderat, der diesmal vor 220 Zuhörern ausnahmsweise im Bürgerhaus tagte,  beschloss einstimmig, an den Planungszielen für das Bayernwerkgelände festzuhalten und einer weiteren Wohnbebauung nicht zuzustimmen. Sprecher aller Fraktionen baten Bürgermeister Stefan Kolbe, mit dem Investor im Dialog zu bleiben. Daran hat natürlich auch die Erl & Streicher Projektentwicklungsgesellschaft Interesse, wie Geschäftsführer Rainer Leneis gestern bestätigte (siehe Kasten).

Der Großteil der Zuhörer quittierte den Gemeinderatsbeschluss mit Applaus. Aber nicht bei allen, die westlich der Bahn wohnen, trifft die Haltung der Gemeinde auf Verständnis. Wolfgang Moj, der mit seiner Frau im Betreuten Wohnen auf der Westseite des Baugebiets lebt, übergab Bürgermeister Stefan Kolbe eine Unterschriftenliste. Seine Forderung: Die Gemeinde solle mehr Bereitschaft zum Kompromiss zeigen und dem Investor entgegenkommen. 236 von 320 Bewohnern der Einrichtung haben unterschrieben.

Reaktion von Erl & Streicher: „Das war eine Breitseite!“

Die Reaktion von Rainer Leneis auf den einstimmigen und damit sehr deutlichen Gemeinderatsbeschluss überrascht nicht. „Das war eine Breitseite, das ist sehr enttäuschend“, sagte der Geschäftsführer der Erl & Streicher Projektentwicklungsgesellschaft gestern im Gespräch mit den Dachauer Nachrichten. Unverständlich sei, so Leneis, dass es auf einen Brief, den sein Unternehmen Mitte Februar an alle Gemeinderäte verschickte, „Null Reaktion“ gegeben habe. In dem Schreiben habe er die Lage aus seiner Sicht geschildert und die Bereitschaft zum Dialog betont. „Wir hätten gern gewusst, wo der größte Schmerzpunkt bei den Gemeinderäten liegt, was unser Konzept betrifft.“ So sei das Konzept leider ohne weitere Diskussion im Vorfeld „zu 100 Prozent“ abgelehnt worden. „Wir suchen weiter das offene Gespräch“, sagte Leneis. „Wenn aber weiter alles von der Gemeinde abgelehnt wird, weiß ich nicht, worüber wir noch sprechen sollen.“

VON THOMAS LEICHSENRING

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Der zweite Investor ist zugange auf dem ehemaligen Karlsfelder Bayernwerkgelände.

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