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Aus Liebe zur Akrobatik - „Ich mag es, die Leute zu verzaubern und in eine Traumwelt zu verführen“

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Von: Verena Möckl

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Beim Training: die Artistin Katharina Müller auf ihrem Luftakrobatikgestell in ihrem Garten in Karlsfeld. 	foto: vm
Beim Training: die Artistin Katharina Müller auf ihrem Luftakrobatikgestell in ihrem Garten in Karlsfeld. © Verena Möckl

Ob als furchtlose Feuertänzer oder fabelhafte Stelzengänger – das Karlsfelder Ehepaar Katharina und Stefan Müller zieht Zuschauer aus ganz Deutschland in seinen Bann. Eine Geschichte über die Leidenschaft zum Zirkus und die Schattenseiten der Akrobatik.

Karlsfeld – Bevor sich Katharina Müller in schwindelerregende Höhe begibt, sprüht sie zur Sicherheit noch ihre Hände mit einem speziellen Harz ein. Dann greift sie das pinkfarbene Tuch, das aus sieben Metern Höhe von einem Luftartistikgestell auf den Boden in ihrem Garten in Karlsfeld baumelt. Stück für Stück zieht sie sich nach oben. Ruhig und beherrscht. Die 43-Jährige muss sich absolut konzentrieren. Unter ihr befindet sich nur Wiese, nichts, was sie bei einem Sturz auffangen könnte. „Bei meinen Shows habe ich ja auch keine Matte“, sagt sie schulterzuckend.

Als fantastische Stelzengänger ist das Akrobaten-Duo im Skyline Park 2019 (Foto) und auch bei Seh am See aufgetreten. 	fotos: privat
Als fantastische Stelzengänger ist das Akrobaten-Duo im Skyline Park 2019 (Foto) und auch bei Seh am See aufgetreten. © Privat

Zwei Jahre auf einer Zirkusschule in Madrid

Katharina Müller ist Akrobatin. Schon seit sie ein kleines Mädchen ist, liebt sie es, zu turnen und zu tanzen. So sehr, dass sie ihr Hobby zum Beruf machte. Nach dem Abitur ging sie nach Spanien, besuchte in Madrid zwei Jahre lang eine Zirkusschule.

Beim Training den Ehemann kennengelernt

Statuen: das Ehepaar Müller bei einem Auftritt im Theater Crailsheim 2016.
Statuen: das Ehepaar Müller bei einem Auftritt im Theater Crailsheim 2016.  © Privat

Als sie wieder zurück in ihre Heimatstadt München kam, lernte sie beim Training im Zentralen Hochschulsport im Olympiazentrum Stefan Müller kennen. Der eingefleischte Karlsfelder teilt ihre Leidenschaft für den Zirkus. Seit Kindertagen turnte er beim TSV Eintracht. Als Jugendlicher war er Übungsleiter. Dann entdeckte er seine Liebe für die Akrobatik. „Das macht mir wahnsinnig viel Spaß. Es ist ein Sport, den man mit dem kompletten Körper macht, und man kann sehr kreativ sein.“

Haben den Zirkus im Blut: die drei Kinder von Katharina und Stefan Müller bei der Landesgartenschau 2019 in Schorndorf als Gold-Trio.
Haben den Zirkus im Blut: die drei Kinder von Katharina und Stefan Müller bei der Landesgartenschau 2019 in Schorndorf als Gold-Trio. © Privat

In Katharina Müller fand er „die perfekte Partnerin“, wie er sagt. Es kam, wie es kommen musste: Die zwei verliebten sich, heirateten und gründeten eine Familie. Die drei Kinder – zwei Töchter im Alter von 21 und zwölf sowie einen Sohn im Alter von 14 Jahren – sind in das Zirkusleben reingewachsen, sagt Katharina Müller.

Fast täglich übt sie mit dem Luftakrobatikgestell, mal am Trapez, mal mit Ringen oder wie gerade mit ihrem sogenannten Vertikaltuch. Flink schlingt sie das Band um ihren muskulösen Körper. Dann streckt sie ihre Arme aus. Von unten sieht die grazile Frau nun aus wie ein Schmetterling. Die Nachbarin kommt vorbei, bleibt kurz stehen, klatscht und ruft: „Wunderschön! Das ist ja super!“ und geht weiter.

Trainingsgerät mit Bohrturm verwechselt

Katharina Müllers Trainingsgerät ist eine kleine Attraktion in ihrer Siedlung. „Am Anfang wurde ich darauf angesprochen, ob das ein Bohrturm sei“, sagt Katharina Müller. Mittlerweile hätten sich die Nachbarn aber an das sperrige Ding gewöhnt. Seit acht Jahren steht das Gerüst bei den Müllers im Garten. Nur im Winter kommt es weg – und ab und zu für Veranstaltungen.

„Wir treten hauptsächlich bei Firmenfeiern auf“, sagt Katharina Müller. Mit „wir“ meint die Profisportlerin sich und ihren Mann. Gemeinsam mit ihm gründete sie 2004 die „Kompanie Abgefahren“, mit der sie in ganz Deutschland, in Österreich und in der Schweiz unterwegs sind. Das Duo unterrichtet auch am Zentralen Hochschulsport in München.

Bei ihren gemeinsamen Auftritten lassen sich die beiden auf einen Tanz mit dem Feuer ein, schreiten anmutig auf Stelzen oder beweisen bei ihren Hebefiguren absolute Körperbeherrschung. „Ich mag es, die Leute zu verzaubern und in eine Traumwelt zu verführen“, sagt Katharina Müller.

Künstlerdasein hat auch seine Schattenseiten

Doch das Künstlerdasein hat auch seine Schattenseiten. Das bekamen Katharina und Stefan Müller während der Pandemie zu spüren. „Das war sehr verletzend, als das Berufsverbot kam“, sagt sie und seufzt. „Es wurde so angesehen, als ob das, was wir machen, kein richtiger Job sei, als ob man sich auf die Schnelle etwas anderes suchen könne.“ Sie sei kurz davor gewesen, alles hinzuwerfen, erzählt sie. Anders als ihr Mann, der sich als Spezialist für Gebäudeschadstoffe selbstständig gemacht hat, hat seine Ehefrau kein zweites Standbein.

Seit ein paar Monaten läuft es allerdings wieder richtig gut. Sie hatten viele Veranstaltungen, berichtet Katharina Müller. Doch aufatmen könne sie nicht wirklich. „Im Winter ist wieder alles völlig unklar“, klagt die Akrobatin. Viele Firmen hätten angekündigt, ihre Feiern vom Winter in den Sommer zu verlegen. Die derzeitige Gaskrise und hohe Inflation könnten Akrobaten erneut an Auftritten hindert, befürchtet die Karlsfelder Artistin.

Wenn Katharina Müller hoch oben in der Luft schwebt, umhüllt in ihr pinkfarbenes Tuch, hat sie all diese Sorgen vergessen. Dann zählt nur noch der Moment.

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