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So lebte es sich in den 50er Jahren: Die Ausstellung geht aber auch explizit auf das Karlsfeld dieser Zeit ein.

Ausstellung in Karlsfeld

50er Jahre – das Thema zieht

Großen Anklang fand die Eröffnung der Ausstellung „Alles wächst – Bauboom der 50er Jahre“ in Karlsfeld.

Karlsfeld – Wenn draußen kein Parkplatz mehr zu kriegen ist und drinnen die Haken für die Mäntel nicht reichen, kann das nur eines bedeuten – ein volles Haus. Und das hatte das Heimatmuseum Karlsfeld bei der Eröffnung seiner neuesten Sonderausstellung am Sonntag „Alles wächst – Bauboom der 50er Jahre“. Diese Sonderschau ist Teil der Wanderausstellung aus der Geschichtswerkstatt im Landkreis „Die 50er Jahre – Wirtschaftswunder und Verdrängung“.

Viele Interessierte aus Karlsfeld und dem ganzen Landkreis waren gekommen, die Sitzplätze reichten nicht aus – was vermutlich der Grund war, dass die Grußworte erfrischend kurz ausfielen, um den vielen Gästen langes Stehen zu ersparen. Horst Rübröder vom Museumsverein war sichtlich erfreut, so viele Besucher begrüßen zu können.

Schirmherr Bezirksheimatpfleger Dr. Norbert Göttler hob die besondere Rolle Karlsfelds im Landkreis hervor: „Auch wenn Sie kein Kloster haben – das, was Sie hier beim Aufbau der Gemeinde dokumentieren, hat eine besondere Lernfunktion für das Geschichtsverständnis von uns allen.“ Auch habe Karlsfeld eine „Sonderrolle bei der Migration“ gehabt, wie es der stellvertretende Landrat Edgar Forster betonte.

Wie in roter Faden zieht sich das Thema „Migration“ durch die Ausstellung. Der Karlsfelder Bauboom in den 50er Jahren entstand ja, weil viele Flüchtlinge nach dem Krieg dringend untergebracht werden mussten – „ein kaum kontrolliertes Wachstum“, wie zweiter Bürgermeister Stefan Handl sagte. Danach kamen die Welle der „Gastarbeiter“ in den 60er Jahren und ab 2015 weitere Flüchtlinge. Dass die Gemeinde das alles gemeistert hat und meistert, „hat uns selbstbewusst und bunt gemacht“, so Handl.

Annegret Braun aus Sulzemoos ist Kulturwissenschaftlerin an der LMU. Sie hat die Ausstellungsleitung. Braun hob hervor, dass die „Heimatvertriebenen, die hier ihre neue Existenz fanden, entscheidend ihren Anteil am Wirtschaftsaufschwung hatten“. Und wie dieses „Wunder“ seinen Anfang nahm: „Der erste Kühlschrank. Wo es nur ein Klohäuserl gab, kam man zu einem Badezimmer. Der Fernseher, den man noch etwas verschämt unter einer Decke versteckt hat, wenn Nachbarn kamen.“ Und die neue Jugendkultur, geprägt von Rock‘n’Roll und Petticoat.

Braun schilderte auch eindrucksvoll, wie mühsam die Recherchen gewesen waren. „Wie soll man etwas befragen, wenn die Zeitzeugen schweigen?“ Ehemalige Nazis wollten nicht sprechen. Das ist das zweite große Thema der Ausstellung: „Die Verdrängung“.

Wie mühsam die Recherchen auch für den Hauptakteur der Karlsfelder Sonderschau, Horst Pajung, war, lässt sich nur erahnen. Rund zwei Jahre („die Sommerferien ausgenommen“) hat er geforscht: alte Gemeinderatsprotokolle gelesen, zehn Jahrgänge der Dachauer Nachrichten durchforstet, viele Gespräche mit Zeitzeugen geführt, Fotos aus Familienalben gesichtet und das alles zu einer dichten, umfassenden und spannenden Geschichte zusammen geführt.

Den Bauboom seinerzeit führt Pajung zurück auf drei Faktoren: die Arbeitsplätze im Norden von München mit den Großbetrieben BMW, Krauss-Maffei und Diamalt AG; die günstigen Verkehrsverbindungen nach Dachau und München; und reichlich Bauland, das von klammen Grundbesitzern gerne verkauft wurde.

Das waren enorme Herausforderungen an den Gemeinderat – der erst nach und nach die wilde Bauerei in den Griff bekam. Pajung: „Ende der 50er Jahre waren rund 150 Schwarzbauten entstanden.“ Und 1960 waren 60 Prozent der Bevölkerung Flüchtlinge. „Es war eine enorme Integrationsleistung, die damals geleistet wurde, von allen.“

Die Sonderausstellung

„Alles wächst – Bauboom der 50er Jahre“ im Heimatmuseum an der Gartenstraße ist bis zum 21. April jeden ersten und dritten Sonntag eines Monats jeweils von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Elfriede Peil

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