Karlsfeld im Landkreis Dachau
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Eine Jugendbande hält die Gemeinde Karlsfeld in Atem

Jugendbeamter gibt Auskunft

„Die Angst ist groß in Karlsfeld“: Jugendbande terrorisiert ganze Gemeinde - die bedrückenden Details

  • VonChristiane Breitenberger
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Viele Menschen in Karlsfeld haben massive Angst. Grund dafür ist eine schwer kriminelle Jugendbande. Messerstechereien und Sexualdelikte sind keine Seltenheit mehr.

Karlsfeld – Thomas Kirner ist seit 30 Jahren Polizist, seit 2016 arbeitet er als Jugendbeamter der Polizeiinspektion Dachau, aber was er seit einiger Zeit in Karlsfeld mitbekommt, „sowas hab ich hier noch nie erlebt“. In Karlsfeld ist eine schwer kriminelle Jugendbande aktiv. Es herrscht ein Klima der Angst. Die Situation ist so schlimm, dass es Jugendliche gibt, die aus ihrer Heimat wegziehen wollen, einer hat seinen Eltern gesagt, er will nicht mehr leben, „so viel Angst hat er vor dieser Gruppe“, erklärt Kirner. „Karlsfeld ist mittlerweile Klein-Chicago im Landkreis.“

Vergewaltigungen und Revierkämpfe in Karlsfeld: Gruppenanführer mittlerweile in U-Haft

Zwei Anführer – beide derzeit im Gefängnis – haben eine Gruppe hinter sich geschart: Die bis zu 30 Anhänger im Alter zwischen 13 und 17 Jahren laufen ihnen blind nach, tun, was man ihnen sagt. Viele seien nur Mitglied, weil sie „Angst haben, selbst zum Opfer zu werden und erpresst werden“, erklärt Thomas Kirner. Er betont: „Bei den Straftaten ist der Spaß mittlerweile vorbei, wir reden hier schon lange nicht mehr nur von Diebstählen und Beleidigungen.“ Es gehe um schwere Körperverletzungen, Sexualdelikte, richtige Kämpfe, Gruppen gegen Gruppen. Es geht um Revierkämpfe, Platzkriege, wie vor Kurzem in Puchheim, als ein 16-Jähriger bei einer Messerstecherei lebensgefährlich verletzt würde. Ein 15-jähriger Verdächtiger wurde festgenommen, die Kripo ermittelt in diesem Fall.

„Karlsfeld steht auf“: Ort weiß nicht mehr weiter und organisiert Kampagne

Auch in Karlsfeld geht es um Machtdemonstrationen – so Kirners Eindruck. „Die wollen hier in Karlsfeld ihr Reich aufbauen, ihr Revier. Und jeder, der herkommt, muss verscheucht werden.“ 2019 fing alles rund um die neue Mitte an, mit kleineren Delikten. Als es schlimmer wurde, initiierte Bürgermeister Stefan Kolbe den ersten runden Tisch. Erst am vergangenen Samstag fand ein Aktionstag unter dem Motto „Kalsfeld steht auf“ mit Jugendarbeit, Polizei, Jugendamt, Weißem Ring und der Dachauer Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt statt.

Kriminelle Bande versetzt Karlsfeld in Angst: „Bei denen hat fast jeder ein Messer dabei“

Jugendbeamter Thomas Kirner beschreibt, wie die Bande vorgeht: Immer, wenn sich ein Problem auftat – einer aus der Gruppe wurde zum Beispiel beleidigt – rückte gleich ein Teil der Gruppe an, um die Sache zu klären. „Und mittlerweile“, das weiß Kirner, „hat bei denen fast jeder ein Messer dabei.“ Und das sei ein „massives Problem“. Denn: „Wenn ein Messer im Spiel ist, hat man eigentlich immer einen Schwerverletzten und irgendwann vielleicht auch einen Toten.“ Und die Karlsfelder benutzen ihre Messer auch. Jüngst zog erst einer bei einem Fahrraddiebstahl ein Cuttermesser, ritzte die Haut seines Opfers. „Aber du hast ja nicht mehr unter Kontrolle, wie tief du schneidest, ob du eine Arterie erwischst“, so Kirner.

Gruppenanführer aus Karlsfeld ging mit Messer auf seinen Vater los

Seit vergangenem Sommer sitzt der heute 17-jährige Hauptanführer der Gruppe in Untersuchungshaft, sein jüngerer Bruder seit diesem Frühjahr. Beiden werden gefährliche Körperverletzungen und Sexualdelikte vorgeworfen. Der Ältere war sogar auf seinen Vater mit einem Messer losgegangen. Beide Brüder haben laut Polizei ein schweres Fluchttrauma erlitten, begannen mit Delikten wie Diebstahl, Raub, „bis zu Straftaten, wo ich sage: brutal“. Ständig haben sie sich gesteigert. Beim Jüngeren bis hin zu schweren Sexualdelikten „bis zur Vergewaltigung“. Und das mit 14, 15. „Das macht nur jemand, der psychisch krank ist, oder bewusst auffallen will“, so der Polizeihauptkommissar.

Bande hat ein Klima der Angst und Einschüchterung in Karlsfeld geschaffen

Die Angst, unter der viele der Bandenopfer leiden, ist ein massives Problem für die Polizei, denn: Die beiden Brüder und jetzt ihre Nachfolger in der Bande haben so ein Angstklima in Karlsfeld geschaffen, dass sogar Erwachsene sagen: „Ich will keine Anzeige schalten, weil ich Angst um meine Kinder habe“. Kirner sagt: „Wir haben von Kindern gehört, die das Haus nicht mehr verlassen wollen, wegziehen möchten. Und das in Karlsfeld, nicht irgendwo in New York oder Chicago bei irgendwelchen Gangsterbossen!“ Es war noch nie so massiv in den letzten 20 Jahren. „Die Angst ist riesengroß in Karlsfeld.“

Auch zu Racheaktionen, weil die beiden Anführer jetzt im Gefängnis sind, sei es bereits gekommen, weil jemand gegen die Brüder ausgesagt hat. Es gibt ein Video, das zeigt, wie jemand einem Betroffenen bedroht und sagt: „Die gehst jetzt auf die Knie, küsst meine Füße und dann schicken wir es den beiden.“

Polizei appelliert an Betroffene und Eltern: „Stellen Sie Anzeige gegen die Täter, rufen Sie uns an.“

Die Polizei vermutet, dass die Anzahl der Straftaten in Karlsfeld weit höher ist als bekannt. „Ich will gar nicht wissen, wie viele Straftaten da noch gelaufen sind, bei denen das Opfer aus Angst nichts gesagt hat“, so Kirner. Doch der Polizeihauptkommissar betont: „Jede Anzeige hilft uns, weil das Strafmaß für die Täter dann höher wird.“ Er appelliert an Eltern und Betroffene: „Stellen Sie Anzeige gegen die Täter, rufen Sie uns an.“

Verstärkter Polizeieinsatz in Karlsfeld - Seit einigen Wochen herrscht Ruhe um Jugendgang

Um die Gang zu zerschlagen, hat die Polizei bereits einiges unternommen. Unter anderem ist sie seit Längerem verstärkt in Karlsfeld präsent. In Uniform, aber auch in Zivil, „und das nicht nur mit zwei Streifen“, wie Kirner betont. Die gute Nachricht: Seit drei, vier Wochen ist es absolut ruhig um die Karslfelder Jugendgang. Ob das der Erfolg der zusätzlichen Polizeibeamten vor Ort ist, oder weil die Messerstecherei in Puchheim die Bande „doch eingeschüchtert hat“, können die Beamten nicht mit Sicherheit sagen. Fest steht: Es sollen weiter verstärkt Polizisten in Karlsfeld eingesetzt werden. Auch die Jugendarbeit Karlsfeld sei in Kontakt mit Opfern und Tätern, versuchen zu vermitteln, zu helfen, versichert Kirner.

Appell an die Opfer von Straftaten: „Vertrauen Sie sich jemanden an!“

Polizeisprecher Günther Findl und Polizeihauptkommissar Thomas Kirner haben einen klaren Appell an die Opfer von Bandengewalt: „Vertrauen Sie sich jemanden an! Und: Erstatten Sie unbedingt Anzeige!“ Nur so könne sich die Situation vor Ort ändern. Und auch wenn die Opfer Angst vor Rache haben – „wenn sich viele zusammen tun und zur Polizei gehen, kann man sich nicht an allen rächen“. Wer einen Fall von Bandenkriminalität beobachtet, soll ebenfalls die Polizei verständigen und die Situation entweder weiter beobachten, bis die Beamten eintreffen oder: sich mit anderen zusammen tun. „Aber nur, wenn man sich dabei selbst nicht in Gefahr bringt“, betont Findl. Zudem könne man den Vorfall filmen, „am besten so, dass es die Täter nicht mitbekommen“, und das Material dann ausschließlich an die Polizei übergeben.

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