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„Haltet uns die Münchner vom Leib!“: Karlsfelder See feiert Jubiläum

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Seeufer
Der Uferbereich im Jahr 1974: Bäume wurden gepflanzt, Wiesen angelegt. © Besenthal

Der Karlsfelder See feiert sein 50-jähriges Jubiläum. Alles was seit Dezember 1970 in dem Gebiet geschaffen wurde, ist dem Erholungsflächenverein zu verdanken.

Als das Geburtsdatum des Karlsfelder Sees gilt der 18. Dezember 1970. An dem Tag verkaufte die damalige Bundesbahn die südliche Seehälfte an den „Verein zur Sicherstellung überörtlicher Erholungsgebiete in den Landkreisen um München e.V.”. Alles, was seitdem in dem Gebiet geschaffen wurde, ist dem Erholungsflächenverein, wie er heute der Einfachheit halber genannt wird, zu verdanken. Der Verein war 1965 gegründet worden.

Karlsfelder See wird 50 Jahre alt: Ausflügler aus München stürmten das Erholungsgebiet

„Die Idee dazu geht auf Hans-Jochen Vogel zurück,“ erinnert sich Karlsfelds Altbürgermeister Fritz Nustede. Vogel, Münchner Oberbürgermeister von 1960 bis 1972, wollte die ungebremsten Ausflüge seiner Stadtbewohner ins Umland zügeln. „Die Vollmotorisierung hat dazu geführt, dass man ins Seenland gedüst ist, die haben alles zugeparkt“, schildert es Jens Besenthal. Er ist seit 2006 Geschäftsführer des Erholungsflächenvereins.

Viele Menschen auf Fläche
Feierlicher Baubeginn 1971 © Besenthal

Es sei „so ein bisschen wie jetzt: ‚Haltet uns die Münchner vom Leib!‘ Vogel wollte das in geordnete Bahnen lenken“. Der Karlsfelder Nustede hatte es selbst erlebt: „An den idyllischen Birkensee bei Bergkirchen sind sie in Scharen gefahren, haben wie wild irgendwo geparkt. Einer machte sogar einen Ölwechsel mitten auf der Wiese.“

Die Gründung des Vereins war aber nicht nur der Versuch, den wachsenden Freizeitverkehr Richtung Süden zu entflechten. „In den 60er-Jahren drohte als Folge des Wirtschaftswunders ein totaler Ausverkauf der bayerischen Erholungslandschaft. Es galt daher, geeignete Seegrundstücke im besonders begehrten Erholungsraum südlich von München für die Allgemeinheit sicherzustellen,“ heißt es in der Aufgabenbeschreibung des Vereins.

Karlsfelder See: Verein sollte Seegrundstück für Allgemeinheit sicherstellen - „Das war eine fantastische Sache“

„Das war eine fantastische Sache“, findet heute noch Dr. Joachim Gillessen. Er war von 1970 bis 1996 Landrat von München und fast genauso lange Vorsitzender des Vereins, von 1972 bis 1996. „Die Leute wollten raus, die Landschaft wurde stark frequentiert.“ Aber durch die Initiative der Landeshauptstadt habe man diesen Verein gegründet „und nicht gleich nach dem Staat geschrien“, so Gillessen. Er feierte letzten April seinen 85. Geburtstag.

See von oben
Ein Luftbild des Karlsfelder Sees unbekannten Jahrgangs. © Heimatmuseum

Sein Nachfolger wurde Landrat Hansjörg Christmann, auch er stand dem Verein 18 Jahre vor, bis 2014. „Die Vorsitzenden halten sich lange bei uns,“ sagt Erholungsflächenvereins-Geschäftsführer Besenthal schmunzelnd. Auf Christmann folgte der Starnberger Landrat Karl Roth. Und danach kam wieder ein Dachauer an die Spitze: „Im letzten Juli frisch gewählt“, so der Geschäftsführer, „wurde Landrat Stefan Löwl“.

Was man heute als „interkommunale Zusammenarbeit“ anstrebt, wurde damals ganz einfach gemacht: Landkreise und Kommunen sind Mitglieder im Verein, sie entsenden ihre Vertreter in die beschließende Mitgliederversammlung. So wurden in den vergangenen Jahrzehnten 32 Erholungsgebiete geschaffen, etwa der Echinger See, der Pilsensee Ost, die Langwieder Seenplatte. Dazu kommen Hunderte Kilometer Rad- und Wanderwege. „Ein großartiges Werk des Vereins, das meines Erachtens viel zu wenig gewürdigt wird“, so Altbürgermeister Nustede.

Karlsfelder See feiert 50-jähriges Jubiläum: Verein schuf 32 Erholungsgebiete - und kilometerlange Rad-und Wanderwege

Mittlerweile gehören zum Verein die Landeshauptstadt München, die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Dachau, Freising, Fürstenfeldbruck, München und Starnberg so wie 60 kreisangehörige Städte und Gemeinden. Seine Vorhaben finanziert der Verein aus den Beiträgen seiner Mitglieder. Das sind für Gemeinden wie Karlsfeld 26 Cent pro Einwohner, insgesamt 5614 Euro im Jahr 2020.

Bis 2004 gab es noch einen staatlichen Zuschuss aus dem Freistaat, der ist im Zuge der Haushaltssparmaßnahmen weggefallen. „Die Gebirgsjäger bekommen noch Zuschüsse, wir nicht!!“ Deshalb sei es auch so schwierig, Projekte zügig fertig zu stellen; je nach Haushaltslage des Vereins können die Pläne verwirklicht werden.

Die Finanzen des Vereins sind online einsehbar. Laut Jahresbericht wurden etwa im Jahr 2018 für Grunderwerb 18 Millionen Euro, für Pachtzahlungen 7,5 Millionen Euro und für Planungs- und Ausbaukosten rund 50 Millionen Euro ausgegeben, runde 75 Millionen Euro insgesamt. Für den Karlsfelder See stehen bisher Ausgaben von 8,5 Millionen Euro in den Büchern.

Karlsfelder See: Ausstattung des Geländes wurde in den letzten Jahren verbessert

Wie sich das über die Jahre „zieht“, haben die Karlsfelder selber miterlebt. 2014 wurden Pläne für die Generalsanierung dem Gemeinderat vorgestellt, von der Landschaftsarchitektin Anette Ruoff aus Ottobrunn. In vier Bauabschnitten sollten die zum Teil unterspülten und zugewachsenen Ufer „aus Sicherheitsgründen“ befestigt werden. Die ersten Maßnahmen um die Gaststätte „Paulaner Seegarten“ aber wurden zum Teil sehr kritisch beobachtet. 2015 gab es sogar eine Bürgerinitiative „Aktion natürlicher See“.

Inzwischen sind alle Ufersanierungen abgeschlossen, die Aufregung hat sich gelegt. In den folgenden Jahren wurde die Ausstattung des Geländes verbessert, vor allem mit stabilen Bänken. Viele neue Bäume kamen dazu. Die Sanierung aller WC-Anlagen bleibt noch eine teure Aufgabe. Bis 2022 soll sie abgeschlossen sein – vorausgesetzt, sie werden nicht wieder brutal zerstört, wie das im letzten Sommer der Anlage am Beachvolleyballfeld passiert ist. „Nirgendwo sonst haben wir so was erlebt“, sagt Geschäftsführer Besenthal.

50 Jahre Karlsfelder See: Sanierung aller WC-Anlagen bis 2022 abgeschlossen

Im Rahmen der Sanierung wurde auch eine Einstiegshilfe für Menschen mit Behinderung gebaut, die sehr geschätzt wird. Das einzige, was immer wieder zu hören ist: Der Zugang zum Geländer sei nur mit Kies belegt, man könne mit dem Rollstuhl oder Rollator daher nicht bis kurz vors Wasser fahren. „Wenn das tatsächlich ein Problem ist, werde ich mal mit Frau Ruoff darüber sprechen“, verspricht Besenthal. Verbessern lässt sich eben immer noch was an der unendlichen Geschichte des Karlsfelder Sees...

Es gibt 1000 Gründe, den Karlsfelder See zu mögen. Wenn Sie in Wort oder Bild berichten wollen, warum Sie so gern an den See fahren, dann schreiben Sie uns! Kontakt: redaktion@dachauer-nachrichten.de.

Die Johanniter bauen derweil ihr Impfzentrum am Karlsfelder See komplett um. Mit der Maßnahme reagieren sie auf die massive Kritik an der Organisation der Anlage. Und die Karlsfelder Gemeinderäte sind in die Beratungen für den Haushalt 2021 eingestiegen – unter höchstem Sparzwang und „ohne Denkverbot“, wie es Bürgermeister Stefan Kolbe formuliert. Sie suchen mehr als 4 Millionen Euro. Alles aus der Region gibt‘s im Dachau-Newsletter.

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