Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch und zeigt Unterlagen her.
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Kopien aus seiner Stasi-Akte: Bernd Rath war fassungslos, als er nach der Wende erfuhr, in welchem Umfang er bespitzelt wurde.

Der Staat war im zuwider

Im Kofferraum über die Todesgrenze - Bernd Rath flüchtete 1982 von der DDR in den Westen

Bernd Rath wusste es schon Ende der 70er Jahre: Die DDR war am Ende. 1982 flüchtete der heute 81-Jährige in einem Kofferraum eines Mazdas in den Westen.

Karlsfeld – Von einer Anhöhe aus blickte Bernd Rath auf ein kleines bayerisches Dorf. „Es war so hell, so sauber, so weiß. Da wusste ich: Ich bin im Westen!“ Es war der 4. Juli 1982. Rath, 1939 im sächsischen Chemnitz geboren und seit 1984 in Karlsfeld, hatte den Staat, der ihm so sehr zuwider war, auf spektakuläre Weise verlassen.

Mit 14 erfuhr Rath zum ersten Mal, dass er in der DDR über sein Leben nicht selbst bestimmen konnte. Weil sein Vater aus München stammte, verweigerte man ihm den Weg zum Abitur. Er musste eine Maurer-Lehre beginnen - als Klassenbester!

Kurioserweise ermöglichte ihm dies ein Studium. Als Maurer gehörte er jetzt der Arbeiterklasse an, die es zu fördern galt. Rath wurde Bauingenieur und bald darauf Bauleiter. Schon mit 19 hatte er geheiratet. Kurz darauf wurde er Vater einer Tochter.

Raths Ziel war der Westen

Für sich und seine kleine Familie sah er im „Arbeiter- und Bauernstaat“ jedoch keine Zukunft. Ziel: der Westen.

Doch 1961 sperrte die DDR ihre Bürger komplett ein, die Berliner Mauer wurde gebaut, der letzte verbliebene Weg „nach drüben“ war blockiert. „Aus Protest sind meine Frau und ich nicht zur Volkskammerwahl gegangen“, berichtet Rath. „Die Verweigerung war der erste Eintrag in meiner Kaderakte.“ Zudem befanden Staatsbeamte, dass er nun nicht mehr geeignet sei, ein „sozialistisches Kollektiv“ zu leiten.

Raths Laufbahn als Bauleiter wäre zu Ende gewesen, wenn es in der DDR nicht einen eklatanten Mangel an fähigen Baufachleuten gegeben hätte. Rath machte Karriere, obwohl er der Stasi als extrem kritischer Geist bekannt war und allen Aufforderungen widerstand, endlich in die SED einzutreten. Er stieg auf zum Direktor eines Büros, war Chef von 100 Bauingenieuren. Unter seiner Leitung wurde überall in der DDR gebaut, meist Lebensmittelfabriken.

Bernd Rath: „90 Prozent meiner Kollegen waren gegen diesen Staat“

„90 Prozent meiner Kollegen waren gegen diesen Staat“, erzählt Rath. War man unter sich, wurde ausgesprochen, was man dachte.

Doch die Stasi hörte mit. Nach der Wende erfuhr Rath, dass ein sogenannter Inoffizieller Mitarbeiter auf ihn angesetzt war, IM Roland, der Leiter des Büro-Fuhrparks und häufig Raths Fahrer auf Dienstreisen.

Welch gewaltigen Aufwand die Staatssicherheit seinetwegen betrieben hatte, wurde Rath bewusst, als er seine Stasi-Akten einsehen wollte: „Da standen sieben oder acht Schreibtische, auf jedem Berge von Akten. Als ich fragte, welcher Schreibtisch denn meiner sei, sagte man mir: alle!“

„Ich sollte Kollegen ans Messer liefern“

Restriktionen, Willkür, Verbote, die drastische Umweltverschmutzung im Land und das Wissen um tödliche Schüsse auf Republikflüchtlinge an der Grenze machten aus Rath einen entschiedenen Regime-Gegner. „Ich sollte Kollegen ans Messer liefern“, berichtet er. Einen jungen Ingenieur sollte er entlassen, weil dieser ein Verhältnis mit der Frau eines Stasi-Offiziers hatte. Einen anderen, weil der eine Partei-Frau als „rote Kuh“ bezeichnete.

Rath blieb standhaft, geriet deshalb jedoch immer mehr in den Fokus der Staatsorgane. Mehrfach wurde er verhaftet und zu absurden, konstruierten Vorfällen vernommen. Dass er nicht vor Gericht landete, verdankte er einem in höheren Kreisen des Staatsapparats tätigen Freund: „Der hat mich immer wieder rausgehauen.“

Doch dieser Freund ging in Rente. „Der hat mir dann gewarnt: Bernd, Du stehst auf der Abschussliste, sieh zu, dass Du Land gewinnst!“ Acht bis zehn Jahre Gefängnis hätten ihn erwartet, ist Rath noch heute überzeugt.

Der erste Fluchtversuch scheiterte

Also weg. Ein erster Fluchtversuch, der ihn, seine Frau Margitta und die inzwischen drei Kinder über Jugoslawien in den Westen bringen sollte, scheiterte schon am Ost-Berliner Flughafen.

Raths in München lebender Bruder Jürgen kontaktierte daraufhin die Lampl-Bande – Fluchthelfer, die sich ihre Dienste teuer bezahlen ließen: 35 000 Mark.

4. Juli 1982, ein Sonntag. Rath verabschiedet sich. Erst jetzt kann er seiner Margitta die Wahrheit sagen: Ich gehe nicht auf Dienstreise, ich muss abhauen.

Rath flieht im Kofferraum eines Mazdas in den Westen

In einer Raststätte an der Transitstrecke nahe Potsdam sitzt ein Mann, „eine zwielichtige Gestalt“, wie sich Rath erinnert. Auf dem Tisch liegt eine Packung Zigaretten, darauf eine Streichholzschachtel – das verabredete Zeichen. Rath fährt in seinem Dienstwagen weiter, der Fluchthelfer im Mazda hinterher. Auf einem unbewachten Parkplatz soll Rath ins Fluchtauto wechseln, doch dort steht ein Posten der Volkspolizei. Jetzt heißt es improvisieren: Rath hält an einem Wäldchen, stellt den Wagen ab, läuft zurück zur zum Glück leeren Transitautobahn. Der für die Flucht präparierte Mazda kommt, Rath springt hinein, klettert vom Beifahrersitz über die Rückbank in den Kofferraum.

Im Dunkeln bangen und hoffen. Hoffen, dass er dem Fluchthelfer vertrauen kann, hoffen, dass es an der Grenze keine Kontrolle gibt. Führt diese Fahrt in die Freiheit? Oder ins Gefängnis?

Grenzübergang Rudolphstein/Hirschberg: Rath lauscht, hört, wie der Fahrer den Grenzer in einen Plausch über Fußball verwickelt. Das Auto wird durchgewunken.

Bis 2020 saß Rath im Karlsfelder Gemeinderat

Zwei Jahre später kommt Raths Frau nach. Der damalige bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauss hatte Staatschef Erich Honecker einen Milliardenkredit zugesagt, im Gegenzug entließ die DDR 100 000 Ausreisewillige in die Freiheit.

Rath fand in Bayern rasch Arbeit, machte sich später als Architekt selbstständig. Bis 2020 saß er im Karlsfelder Gemeinderat.

Thomas Leichsenring

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