Geschichten über Geschichte

Karlsfeld - Sie treffen sich abends, in der Buchhandlung, wenn diese längst geschlossen hat. Sie treffen sich nicht um zu lesen, sondern um zu reden. Über Geschichten, die sie bewegt haben. Über Bücher, die sie vielleicht nie gelesen hätten - wenn es nicht Luise Fingers kreatives Literaturgespräch gäbe.

Manchmal ist ein Buch noch nicht zu Ende, wenn man die letzte Seite gelesen hat. Manchmal geht es dann sogar erst richtig los. Dann ist er plötzlich da, der Gesprächsbedarf. Luise Finger war überzeugt, dass es nicht nur ihr oft so geht. Dass auch andere sich gerne über Bücher austauschen würden oder andere Interpretationen hören wollen. Mit dieser Überzeugung entstand ihre Idee: ein kreatives Literaturgespräch. Ganz zwanglos sollte es sein. Ein Treffen für Menschen, die gerne lesen.

Solche Menschen hat Luise Finger in Karlsfeld gefunden. Alle paar Wochen treffen sie sich abends im Laden der Buchhändlerin Gabriele Grimm - im Gepäck haben sie immer alle das gleiche Buch. Dieses Mal „Die Geschichte von Liebe und Finsternis“ von Amos Oz. Ein Buch, über das Luise Finger viel sagen könnte. Sie hat es mit großer Begeisterung gelesen - und das merken ihre Gäste bei jedem Satz, mit dem sie von der Geschichte des osteuropäischen Juden berichtet, dessen Großeltern aus Angst vor den Nationalsozialisten 1933 nach Palästina auswanderten.

Es ist eine autobiographische Erzählung - über Amos Oz’ eigene Familiengeschichte, über das Leben osteuropäischer Juden und die Situation der Einwanderer in Palästina. Luise Finger bringt es gleich zu Beginn des Gesprächs auf den Punkt: „Das Buch hat mich sehr berührt. Oz hat es geschafft, auf nicht dozierende Weise Geschichte zu erklären.“

Unter den Karlsfelderinnen, die an diesem Sommerabend trotz der Hitze in den kleinen Buchladen gekommen sind, befinden sich ähnlich begeisterte Leserinnen wie Luise Finger. Susanne Reiter ist noch keine von ihnen. Gleich zu Beginn gibt sie zu, dass sie erst 40 Seiten des Buches geschafft hat. Es ist eben keine leichte Lektüre. „Ganz etwas anderes, als das, was ich mir sonst kaufe“, gesteht sie. Genau das macht für sie den Reiz der Treffen aus: Sich mit Büchern oder Themen auseinanderzusetzen, für die sie sich sonst keine Zeit nimmt.

Helga Lobert hingegen hätte das Buch vielleicht auch ganz für sich allein gelesen. Denn ihre eigene Familiengeschichte beginnt in Osteuropa. Ihre Familie wanderte aus Litauen aus, als sie ein Jahr alt war. „Ich habe keine Erinnerungen mehr an diese Zeit“, erzählt sie an diesem Abend in der Buchhandlung. „Gerade deshalb hat mich das Buch so bewegt. Weil ich darin Ausdrücke gelesen habe, die ich von meinen Eltern kannte.“ Die Karlsfelderin hat das Buch aufmerksam Seite für Seite durchgearbeitet. Sie hat sich kleine Notizzettelchen geschrieben, weil sie nichts vergessen wollte bis zum Treffen des Literaturkreises. Obwohl es schon zwei Wochen her ist, dass sie die letzte Seite von Amos Oz’ Roman umblätterte, braucht sie ihre Notizen an diesem Abend nicht. „Mir hat unglaublich imponiert, dass er nicht anklagend über den Nahost-Konflikt schreibt“, sagt sie. „Er stellt sich auf keine Seite, so dass sich jeder sein eigenes Urteil bilden kann.“ Es sind die vielen kleinen Alltagsgeschichten in dieser großen Lebensgeschichte, die die Karlsfelderin „mehr als betroffen“ gemacht haben. Die sie gefesselt und nachdenklich gestimmt haben.

Sie ist nicht die einzige, die ihre Gedanken zu dem Buch über das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern mitteilen möchte. Nicht die Einzige, die Fernsehnachrichten etwas nachdenklicher ansieht, seit sie das Buch gelesen hat. Das Gespräch der Karlsfelderinnen dreht sich nach einer Stunde längst nicht mehr nur um „Die Geschichte von Liebe und Finsternis“. Es ist ein Gespräch über die jüdische Kultur und über den Konflikt in Nahost geworden. Ein Gespräch, aus dem jeder der sechs Karlsfelderinnen etwas mit nach Hause nimmt. „Ich glaub, ich muss das Buch jetzt fast noch einmal lesen“, sagt eine der Frauen. Eine schönere Bestätigung, dass ihre Idee für den Literaturkreis gut war, könnte Luise Finger nicht bekommen.

(kwo)

Das Literaturgespräch findet das nächste Mal am Donnerstag, 13. Oktober, statt. Beginn ist um 19 Uhr in der Buchhandlung Blätterwerk in Karlsfeld. Besprochen wird dann das Buch „Das Fest des Ziegenbocks“ von Mario Vargas Llosa.

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