Landrat Stefan Löwl (r.) und Bürgermeister Stefan Kolbe mit Bewohnern.
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Landrat Stefan Löwl (r.) und Bürgermeister Stefan Kolbe mit besorgten Bewohnern im Freien.

Anwohner in der Wehrstaudenstraße schockiert und verängstigt: „Wie bei einem Überfall“

Großeinsatz in Karlsfeld: Bewohner von 41 Wohnungen sollten ihr Zuhause verlassen

  • Thomas Zimmerly
    vonThomas Zimmerly
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Am Freitagnachmittag wollten die Sicherheitsbehörden 41 Wohnungen in drei neunstöckige Wohnblöcke in der Wehrstaudenstraße in Karlsfeld räumen - aufgrund von gravierender Mängel beim Brandschutz. Die Anwohner waren schockiert von dem rigorosen Vorgehen. Schließlich wurden Maßnahmen ergriffen, sodass die Bewohner bleiben durften - „auf eigene Gefahr“.

  • Die Feuerwehr stellte fest, dass der Brandschutz nicht gewährleistet sei
  • 41 Wohnungen sollten bis Mitternacht geräumt werden
  • Die Bewohner waren verängstigt und schockiert vom rigorosen Vorgehen der Sicherheitskräfte

Karlsfeld – Der Grund für das Vorgehen der Sicherheitskräfte lag in der Hauptsache an den nicht frei zugänglichen Feuerwehrzufahrtswegen. Der unbefestigte Boden vor den Wohnblöcken war zu instabil für schwere Fahrzeuge mit Drehleitern. Es bestand die Gefahr des Absackens. Gegen 20.45 Uhr und nach einer positiven Nachschau mittels eines Drehleiterfahrzeugs der MAN-Werksfeuerwehr gab es dann Entwarnung. Die Menschen durften bleiben. Vorerst.

Die Bewohner waren schockiert über das rigorose Vorgehen der Behörden. „Es war wie bei einem Überfall“, sagte Engin Ersan vom Beirat der Eigentümer-Wohngemeinschaft. „Es wohnen hier sehr viele ältere Menschen. Diese waren sehr verängstigt.“

Mit der Drehleiter wurde getestet, ob die oberen Stockwerke der Wohnhäuser erreichbar sind.

Der Beirat erfuhr laut Ersan erst am Donnerstag „spät abends“, dass die Feuerwehr tags darauf kommen wollte. „Sie kamen dann am Freitag gegen 7.30 Uhr. Da hatten wir noch gar keine Bürozeit, also war auch noch keiner von uns da“, erklärt Ersan. Bei dem Test stellte die Feuerwehr fest, dass es Probleme mit der Zufahrt gab. Bäume versperrten den Weg, der unbefestigte Boden vor den Wohnblöcken erwies sich als zu instabil für schwere Fahrzeuge samt Leiter. Gegen 17 Uhr dann kam ein Großaufgebot an Sicherheits- und Einsatzkräften in die Wehrstaudenstraße - darunter Feuerwehr, THW, Bundeswehr, Landratsamt, Baureferenten, Fachleuten, Landrat Stefan Löwl sowie Bürgermeister Stefan Kolbe. „Sie haben dann angefangen zu diskutieren“, so Ersan. „Es war wie bei einem Überfall!“ Dutzende Bewohner und Anwohner liefen vor den Blocks zusammen. Schließlich hieß es von Seiten der Sicherheitsbehörden, dass die Bewohner ihre Wohnungen bis Samstag 0 Uhr verlassen sollten.

Derweil sondierten die Einsatzkräfte die Lage und begannen Bäume zu fällen. „Man hat den Leuten nahe gelegt, sie sollten sich ein Hotel suchen oder versuchen, bei Verwandten oder Freunden unterzukommen“, so Ersan. „Bei uns wohnen viele ältere Menschen, manche brauchen einen Rollator. Die waren von der ganzen Hektik erschlagen. So kann man nicht mit Menschen umgehen.“

Schließlich sei zwar die Feuerwehrzufahrt ein Problem, nicht aber die Substanz der Gebäude. Diese sind zwar 1967 und 1968 gebaut worden, doch „Leute, die dort schon seit Jahrzehnten wohnen, haben mir versichert, dass es in 54 Jahren noch nie gebrannt hat“. 2017 seien bei einer Begehung mit der Feuerwehr bauliche Mängel festgestellt worden, so Ersan.

Dem widerspricht das Landratsamt: Die vor vier Jahren bei einer Feuerbeschau festgestellten Mängel seien nur teilweise beseitigt worden. Pressesprecher Wolfgang Reichelt: „Eine gemeinsame Ortsbesichtigung von Gemeinde, Landratsamt und Hausverwaltung am Donnerstag, 25. März, zeigte weitere gefährliche Mängel: Der rechtlich vorgeschriebene zweite Rettungsweg ist in den drei betroffenen Gebäuden für viele Wohneinheiten nicht vorhanden. Die grundsätzlich mögliche, ersatzweise Sicherstellung durch eine Drehleiter der Feuerwehr war aufgrund der räumlichen Situation, den Stellplätzen sowie dem Baumbewuchs nur für einige wenige Wohnungen darstellbar.“

Reichelt weiter: „Um die aufgrund der Lebensgefahr notwendige Räumung der 41 Wohnungen vermeiden zu können“, einigte man sich vor Ort dann doch noch auf einige provisorische Brandschutzmaßnahmen. So wurde unter anderem eine nächtliche Brandwache abgestellt, und es wurden Rauchmelder auf allen Stockwerkfluren angebracht. Damit kamen die Bewohner schließlich um die Evakuierung herum. In den nächsten Tagen sollen als zweiter Fluchtweg Baugerüste aufgestellt und in den nächsten Wochen nachhaltige Maßnahmen ergriffen werden. Bericht folgt.

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