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Chanukka-Fest in Karlsfeld: zweiter Bürgermeister Stefan Handl beim Anzünden der Chanukka-Kerze, neben Rabbiner Baruch Ben Mordechai Kogan vom Lehrdienst „Schuwa LaSchoresch – Zurück zu den Wurzeln“.

Chanukka-Fest bei „Jad b’Jad – Hand in Hand“

Jüdischer Verein engagiert sich für friedliches Zusammenleben der Kulturen in Karlsfeld

Karlsfeld ist ein Ort, in dem über Jahrzehnte verschiedene Kulturen, Religionen und Nationen zusammengekommen sind und miteinander leben. Die Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg, die „Gastarbeiter“ in den 60er Jahren und zuletzt die Aufnahme von Geflüchteten ab dem Jahr 2015 – das alles hat zu einer Grundtoleranz geführt, die diese Gemeinde auszeichnet. Viele engagieren sich ehrenamtlich auch für ihre ausländischen Mitmenschen.

Die kulturelle Vielfalt wird aber auch von der Kommune gefördert, mit Festivals, Diskussionen oder Gedenkfeiern. So hat es im letzten Sommer beim „Kosmos“-Kulturwochenende ein viel beachtetes „Interreligiöses Gespräch“ mit Vertretern mehrerer Religionen gegeben. Erstmals veranstaltete die Gemeinde eine Gedenkfeier zum Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November. Und jetzt lud sie ein zum „Chanukka-Fest“.

Der zweite Bürgermeister Stefan Handl engagiert sich sehr in diesem interreligiösen Aktionen. „Es ist unsere Aufgabe, für Toleranz einzutreten. Wir sind zwar nur eine kleine lokale Ebene, aber wir können mit solchen Veranstaltungen auch das Wissen über die verschiedenen Religionen fördern und Vorurteile abbauen.“ Aus Unwissenheit entstehe manchmal Angst. Christentum, Islam, Judentum – das alles sei in Karlsfeld vertreten, und die Gemeinde möchte „Brücken bauen“ zwischen ihnen.

Brücken bauen wollen auch Gabriele Eggerz und Dr. Páll Eggerz. Sie hatten 2007 den Förderverein Jad b’Jad gegründet, einen „Verein zur Wiederentdeckung, Förderung und Verbreitung der jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens“, wie es auf ihrer Homepage heißt. Ihre Beziehung zum Judentum erwuchs langsam mit der Beschäftigung über die Zeit des Nationalsozialismus. Damals wohnten sie noch in München, in der Nähe des Stammlokals von Hitler, dem Schellingsalon, und der NSDAP-Zentrale in der Brienner Straße. „Die Hauptstadt der Bewegung“ als Ausgangsort des faschistischen Terrors war ihnen allgegenwärtig.

„Wir müssen diese Erinnerung aufrecht erhalten“, war die eine Motivation. Sie lernten den Rabbiner Baruch Ben Mordechai Kogan kennen und befassten sich immer intensiver mit der jüdischen Religion, bis sie schließlich zum Judentum übertraten.    

Gabriele Eggerz erinnert sich an ihren Vater, der viel über das Judentum wusste, und der fest daran glaubte, „dass wir alle im Himmel hebräisch sprechen werden“. Die studierte Religionsphilosophin kniete sich immer mehr rein in die jüdischen Traditionen und lernte auch, wie man die jüdischen Feiertage und den Schabbat hält.

Dr. Páll Eggerz, der Isländer ist, hat Logik der Mathematik studiert und ist es gewohnt, „den Dingen auf den Grund zu gehen“, wie er sagt, und hat sich ebenfalls intensiv mit den religiösen Überlieferungen befasst. Jeden Freitagabend, „wenn zwei Sterne am Himmel stehen“, so heißt es, wird im Haus Eggerz der Schabbat eingeleitet, mit einem traditionellen Gottesdienst, zu dem Freunde und Mitglieder des Vereins Jad b’Jad gern gesehen sind.

„Jad b’Jad“ heißt „Hand in Hand“, und so verstehen sie auch ihr Angebot: „Wir reichen jedem die Hand, jeder ist willkommen, aber wir wollen niemanden missionieren.“ Sie wollen informieren, Wissen vermitteln,aufklären und für Toleranz werben: In Seminaren, Vorträgen, Workshops. Beim jährlichen Mini-Karlsfeld lädt Gabriele Eggerz zu einem Spontantheater ein, das bei den Kindern bestens ankommt: „Der Auszug aus Ägypten“ war es neulich.

Nach den guten Erfahrungen mit der Gemeinde und dem jüngsten Chanukka-Fest will der Verein weitere Begegnungen schaffen, etwa beim Firmtag der katholischen Kirche oder in einem Projekt an der Mittelschule oder mit einem Gedenktag des Todesmarsches durch Karlsfeld am 26. April. Was auch immer: „Wir sind dankbar, dass wir uns in dieser Stadt heimisch fühlen können. Und dass vor den Toren des ehemaligen KZ Dachau Juden wieder die Freiheit haben, nach ihrem Glauben zu leben.“ Elfriede Peil

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