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Die bewegte Geschichte des Guts Rothschwaige

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Von: Claudia Schuri

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So sieht es heute aus: das Gut Rothschwaige. © cla

Das Gut Rothschwaige blickt auf 100 Jahre Geschichte zurück: Am Anfang war ein grausamer Mord, später hat der Hof eine Schlüsselrolle bei der Entstehung des Karlsfelder Sees gespielt, und heute ist er für seine Beeren bekannt. Jetzt gibt es ein Jubiläum zu feiern.

Karlsfeld – Zuerst war ein grausiger Mord: Es war um 1120, als Graf Arnulf II von Dachau brutal getötet wurde. Sein Hund konnte nur noch die rechte Hand des Toten ins elterliche Schloss bringen, so die Legende. Als Andenken an ihren Sohn ließ die Mutter des Verstorbenen am Tatort eine kleine Kapelle bauen. Dieses Kirchlein wurde im Jahr 1453 durch einen Neubau an der Straße von Dachau nach München ersetzt. Das Kirchlein war neben der Schwaige, einem viehhaltenden Betrieb – es war die erste Erwähnung der Rothschwaige. Die Kapelle wurde zwar im Jahr 1802 abgerissen, das Gut gibt es aber noch immer – und dort wird heuer ein Jubiläum gefeiert.

Seit 100 Jahren ist es in Familienbesitz. 97 Jahre davon hat Gertrud Kauppe miterlebt: Sie ist auf der Rothschwaige zur Welt gekommen, hat den größten Teil ihres langen Lebens dort verbracht und alle Hochs und Tiefs mitgemacht. Im Jahr 1919 kaufte ihr Vater Peter Paul Winkler gemeinsam mit ihrer Mutter Elisabeth Winkler den Betrieb. Winkler war ein Bauerssohn aus der Pfalz, der sich nach seinem Landwirtschaftsstudium bis zum Regierungsrat hochgearbeitet hatte. Mit der Rothschwaige erfüllte er sich den Traum vom eigenen Hof.

Leicht war das Leben dort nicht. Der Boden war nicht sehr fruchtbar, in den 20er Jahren traten immer mehr Missernten und Tierkrankheiten auf. „Unser Leben war sehr armselig“, erinnert sich Kauppe. „Einmal hatten wir schon die Koffer für die Zwangsversteigerung gepackt.“ Doch: Irgendwie ging es immer weiter. Winkler untersuchte, was dem Boden fehlte – und stellte fest, dass Mangan zugesetzt werden muss. Auch, als 1936 die Scheune auf der Rothschwaige brannte, forschte er nach der Ursache. „Die Rauchwolke war überall zu sehen, alles ist abgebrannt“, berichtet Kauppe. Ihr Vater fand schließlich heraus, dass sich feuchtes Heu selbst entzündet hatte. Für seine Verdienste und Erkenntnisse in der Landwirtschaft bekam er später das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Die beiden älteren Schwestern von Gertrud Kauppe waren auf einem Internat, für das jüngste Kind aber war kein Geld mehr dafür. Kauppe blieb zu Hause und ging in München auf die höhere Schule. Eine Kindheit auf der Rothschwaige bedeutete eine Kindheit mit viel Arbeit, aber auch eine Kindheit mit viel Freiheit. „Ich war immer auf dem Feld und bei den Tieren“, erzählt sie. Zwischen 20 und 30 Knechte und Mägde waren auf dem Hof, es gab Schweine, Kühe, Hühner und vier Pferde als Arbeitstiere. „Es war immer etwas los“; sagt Kauppe.

Doch auf die Familie warteten auch immer neue Herausforderungen: Im März 1939 wurde den Bauern mitgeteilt, dass sie Grund abgeben müssen, da Kies für die Reichsbahn abgebaut werden soll. Peter Paul Winkler weigerte sich zunächst – ohne Erfolg. 40 Hektar musste das Gut Rothschwaige abgeben, das war ein Drittel der Betriebsfläche. „Es war ein schwerer Eingriff“, sagt Kauppe. „Aber wir hatten einfach keine Macht.“ Nach dem Krieg nutzten die Amerikaner die Kiesgrube zu militärischen Übungen, bevor in den 60er Jahren dort der Karlsfelder See entstand.

Gertrud Kauppe arbeitete während des Zweiten Weltkrieges als Krankenschwester, in Polen erlebte sie das ganze Elend mit. Ihr Traum war damals, Medizin zu studieren: „Eigentlich wollte ich nie den Hof übernehmen“, sagt sie. Nach dem Ende der Nazi-Zeit musste die Familie ihr Haus räumen, der Hof wurde zur landwirtschaftlichen Ausbildungsstätte für junge Holocaust-Überlebende. Gertrud heiratete derweil ihren Mann Rudolf Kauppe, einen Diplom-Landwirt, der in Plattling die Moorversuchsstelle leitete. „Wir wollten nicht weg von dort“, sagt sie. „Mein Mann hatte so eine gute Stellung.“ Auf Bitten des Vaters übernahm das Ehepaar schließlich doch die Rothschwaige – und musste noch einmal von vorne anfangen. „Wir hatten nur noch eine einzige Kuh im Stall“, erinnert sich Kauppe. Langsam bauten die beide die Landwirtschaft wieder auf, das Paar bekam außerdem fünf Töchter.

Eine schöne Kindheit sei es auf dem Hof gewesen, erzählt die jüngste Tochter Susanne (59). „Es war wie ein großer Abenteuerspielplatz, wir hatten viel Freiraum und es war immer etwas los.“ Sie hat die Begeisterung der Eltern für die Landwirtschaft geerbt und entschied sich für ein landwirtschaftliches Studium. Ihr Mann Wolfgang Offenbeck jedoch war ausgebildeter Lehrer – aus Liebe gab er aber seinen Beruf auf und führte mit seiner Frau das Gut weiter. „Man will nicht die Generation sein, die es aufgibt, nachdem es so lange in Familienbesitz ist“, sagt Susanne Offenbeck.

Das Ehepaar übernahm den Hof 1987 als reinen Ackerbaubetrieb – und ging wieder neue Wege. „Uns war klar, dass wir ein zweites Standbein brauchen“, erklärt Susanne Offenbeck. Zuerst experimentierten die beiden mit Pilzkulturen – doch der Versuch scheiterte. Erfolgreicher war dagegen die Zucht von Beeren. „Der Moosboden eignet sich gut für Erdbeeren“, erklärt Susanne Offenbeck. „Sie schmecken einfach besser.“ 1993 kamen Himbeeren, 2001 Johannisbeeren und 2016 Heidelbeeren hinzu. Insgesamt bewirtschaften die Offenbecks heute 107 Hektar, auf 15 Hektar davon wächst Beerenobst. Die Idee mit den Heidelbeeren hatte Paul Offenbeck, der Sohn von Susanne und Wolfgang Offenbeck. Er ist Landwirtschaftsmeister und wird das Gut Rothschwaige weiterführen. Auch seine Schwester Theresa arbeitet Teilzeit auf dem Betrieb mit. Die älteste Tochter Anna arbeitet außerhalb der Landwirtschaft, kümmert sich im Sommer aber um die Verpflegung der Beeren-Mannschaft. Die nächste Generation – sie steht schon in den Startlöchern.

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