+
Wohnen, Handel, Hotel, Kita: Auf dem Ludl-Geländ e ist einiges möglich. 

Ludl-Gelände

Der neue Ortsteil nimmt Gestalt an

Gegen die Stimmen von vier Bündnis-für-Karlsfeld-Gemeinderäten hat das Gemeindegremium in seiner jüngsten Sondersitzung zum Bebauungsplan Ludl-Gelände die Festlegung der Stellplätze und das Mobilitätskonzept abgesegnet. Statt im „schlimmsten Fall“ 1036 oder gar nach Stellplatzsatzung 1700 Stellplätzen sollen hier 883 genügen. Doch entstehen werden wohl noch etliche mehr.

Karlsfeld – „Wenn wir nicht den Mut haben, mit der Verkehrswende anzufangen, werden wir scheitern“, betonte CSU-Fraktionsvorsitzender Bernd Wanka. Es gehe auch um einen Erziehungseffekt für die neuen Bewohner, beim Kauf eines Autos zu überlegen, „wo stelle ich es hin“? Dagegen wetterte Birgit Piroué (Bündnis): „Wir sind nicht gewählt, den Bürger zu erziehen. Das ist schon heftig.“

Sie und ihre Fraktionskollegen, aber auch Beate Full (SPD) äußerten teils heftige Bedenken gegen die reduzierten Stellplätze, was wiederum auf der CSU-Seite im Gemeinderat Kopfschütteln auslöste. „Vielleicht kann dieses Quartier ein Kristallisationspunkt werden“, meinte Tobias Kipp vom begleitenden Team Red in München. Im Übrigen wollte er lieber von Angeboten für die Bürger sprechen. Denn der Nahverkehr sei hier überall erreichbar, auch wenn die S-Bahn nicht direkt um die Ecke sei. „In den nächsten 50 Jahren wird sich die Mobilität ganz gravierend geändert haben.“

Den Wandel im eigenen Mobilitätsverhalten sieht Wolfgang Offenbeck (CSU) an sich selbst: „Noch vor einem Jahr hätte ich auch Bedenken gehabt.“ Aber nach dem Kauf eines E-Bikes für Freizeitzwecke setze er es nun häufig für Fahrten im Ort ein.

Bei den neuen Sozialwohnungen genügte ein Stellplatzschlüssel von 1,0 (pro Wohneinheit ein Stellplatz) erklärte Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU). „Und es funktioniert. Bei der Neuen Mitte haben wir einen Schlüssel von 1,3 und es funktioniert. Wir müssen einfach mal anfangen.“

Bei den Wohn-Bebauungsfeldern im Ludl-Areal soll 1,5 gelten. Bei den verschiedenen Bebauungsarten wie Einzelhandel, Kindertagesstätte oder Hotel gelten unterschiedliche Werte. So teilen sich etwa der zukünftige Lidl-Markt und der dominante, ellipsenförmige Hotelbau hinter dem Grünanger an der Münchner Straße eine gemeinsame Tiefgarage mit Zufahrt von der über die Münchner Straße verlängerten Gartenstraße.

Denn es kämen, wie SPD-Fraktionschef Franz Trinkl durchaus einräumte, die Hotelgäste meist erst abends und die Leute auf Einkaufstour tagsüber. Ob das so funktioniert, bezweifelte Peter Neumann (Bündnis): „Der Investor spart sich das Geld und wir haben, wenn es nicht klappt, hinterher das Problem, denn wir können nicht nachträglich zu buddeln anfangen.“

Zuvor hatten die verschiedenen Planer das Gesamtkonzept vorgestellt. So setzt sich die Grünfläche um die alte Ludl-Kapelle an der Münchner Straße und vor dem Hotel im Norden des Baugebiets in Richtung Würmaue fort, erklärte Dietmar Sandler vom Architekten- und Stadtplaner-Büro BGSM aus München. Es entstehe auf dem Ludl-Gelände ein neues urbanes Gebiet mit einem Mischgebiet samt höherem Wohnanteil sowie einem Sondergebiet mit Einzelhandelsflächen. In Letzteres soll auch der Einzelhandel von der Allacher Straße umziehen. Es werde eine „Stadt der kurzen Wege“.

Das ellipsenförmige Hotel erhält sechs Obergeschosse und zusätzlich eine Bar auf dem Dach. In der Mitte des Baugebiets sollen ein Quartiersplatz mit einem Café sowie dahinter im Obergeschoss eine Kindertagesstätte entstehen.

Der geförderte Wohnungsbau ist für den Nordwesten des Areals neben dem Grünzug zur Würmaue in den Obergeschossen vorgesehen. In den Erdgeschossen wollen die Planer Geschäfte und Büros unterbringen.

Das gilt auch für die Wohnbebauung in den übrigen Baufeldern auf dem Ludl-Areal. Verkehrsmäßig erschlossen wird es laut Verkehrsplaner Swen Gräfe vom Ingenieurbüro Vössing aus München vom Norden über die verlängerte Garten- und von Süden über die Nibelungenstraße. Dazwischen dürfen nur Busse, Feuerwehr und Rettungsdienste oder die Müllabfuhr sowie Fußgänger und Radfahrer verkehren. Das stellen versenkbare Poller sicher. Gleiches gilt zwischen den beiden Seiten der Nibelungenstraße. So soll Schleich-Durchgangsverkehr von vornherein verhindert werden.

Die Stellplätze sind in erster Linie in Tiefgaragen unter den Gebäuden untergebracht. Das von Tobias Kipp vorgestellte Mobilitätskonzept sieht unter anderem den Einkauf von Fahrkarten im Quartier, Fahrrad-Abstellanlagen mit Schließfächern für den Fahrradhelm, ein Fahrradgeschäft, Car-Sharing und einen Lastenfahrradverleih vor. Information und Kommunikation sollen den Nutzungsgrad öffentlicher Verkehrsmittel verbessern. Auch ein eigenes Quartierssekretariat ist geplant.

„Und wer bezahlt das alles?“, fragte Beate Full. Kipp antwortete: „Irgendwem gehört das alles. Das ist wie bei einer Tiefgarage. Da zahlt auch die Eigentümergemeinschaft.“

Um die nötigen Regenwasser-Rückhaltebecken unterzubringen, sind mindestens 60 Prozent der Flachdächer zu begrünen. Der Schallschutz ist nach den Worten von Dietmar Sandler sichergestellt. Das bezweifelte Architekt Bernd Rath (Bündnis). Deshalb forderte er sogar einen anderen Standort für die Kindertagesstätte.

Solange es bei je einer Tiefgaragen-Etage bleibt, ist das Grundwasser kein Problem. Sollten doch irgendwo zwei Tiefgeschosse gebaut werden, würden teure Grundwasser-Pumpen erforderlich, die sich jedoch unter den möglichst kostengünstig zu bauenden Sozialwohngen nicht rechnen.

Um mit nur einem Tiefgeschoss auszukommen, sind SUV-fähige Duplex-Garagen unter manchen Wohngebäuden geplant. Bedenken von Stefan Theil (CSU) konnte Klaus Kehrbaum vom gleichnamigen Münchner Architekturbüro, der Planer der Investoren, mit diesem Hinweis zerstreuen.

Ausgleichsflächen von 1,8 Hektar fürs Ludl-Areal wird es anderswo, im Norden Karlsfelds beidseits der Würm, geben. 20 übers Baugebiet verteilte Lastenfahrradplätze sollen den Umstieg vom Auto erleichtern. Die Tiefgaragen müssen zumindest schon für Elektro-Auto-Ladestationen vorbereitet werden. Ladestationen für Fahrräder an den Einzelhandelsgeschäften wurden wieder gestrichen, da die Leute ihre Fahrräder hier viel zu kurz abstellten.

„Eigentlich müsste das Mobilitätskonzept auf die ganze Gemeinde angewendet werden“, sagte Adrian Heim (Bündnis). „Wer entwickelt dieses Konzept in der Zukunft weiter?“, wollte Franz Trinkl wissen. Kipp: „Solange es funktioniert, sollten Sie es laufen lassen. Wenn es nicht mehr geht, müssen sich die Gemeinde und alle Verantwortlichen zusammensetzen.“

Als Klaus Kehrbaum im Schnelldurchgang schließlich noch eine Alternative zu den lang und breit diskutierten Vorschlägen vorstellte, war es mit dem Sitzfleisch der Gemeinderäte um 22.45 Uhr nach fast vier Stunden öffentlicher und einer Stunde nichtöffentlicher Sitzung vorbei. Darüber wollten sie nun nicht auch noch beraten. Adrian Heim verlangte sogar eine Vertagung des ganzen Themas, doch Bürgermeister Kolbe bestand zumindest auf einem Billigungsbeschluss zur Grundvariante, der dann auch erfolgte.

Die Alternative hätte beinhaltet, in den Erdgeschossen nicht nur Gewerbe und Büros vorzusehen, sondern auch Stellplätze und Technikräume. Diese sollten den Investoren nicht auf die Grundflächenzahl von 0,9 angerechnet werden. Vielmehr sollten sie durch erhöhtes Baurecht auf den Wohngebäuden im Südwesten des Ludl-Areals an der nördlichen Nibelungenstraße ausgeglichen werden. Damit will sich der Gemeinderat noch beschäftigen.

R.-DIETMAR SPONDER

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Feuerwehr sichert für Kinder Martinsumzug - Autofahrer beschimpfen sie wüst
300 Menschen treffen sich zu einem Martinsumzug mit Gesang und Laternen. Die Feuerwehr sperrt eine Straße zum Schutz der Kinder - und wird von Autofahrern übel …
Feuerwehr sichert für Kinder Martinsumzug - Autofahrer beschimpfen sie wüst
Stilvolles Jubiläumskonzert des Zitherklubs
Der Zitherklub Dachau ist mittlerweile eine Institution: Am 14. November 1959 traten die Musikanten, die sich der Pflege der Volksmusik verschrieben haben, zum ersten …
Stilvolles Jubiläumskonzert des Zitherklubs
TSV Arnbach bleibt unter bewährter Führung
Edeltraud Lachner bleibt Vorsitzende des TSV Arnbach. Sie geht in ihre achte Amtszeit.
TSV Arnbach bleibt unter bewährter Führung
Widderzwerge eignen sich gut zum Schmusen
Der Kleintierzuchtverein Indersdorf zeigt wieder seine Rassetiere bei einer großen Ausstellung. Bei allem Spaß an der Veranstaltung: Die Züchter haben Sorgen.
Widderzwerge eignen sich gut zum Schmusen

Kommentare