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„Nichts anderes wollten wir erreichen.“ Lange hatte sich das Konzert der Blaskapelle Karlsfeld verzögert. Jetzt durfte sie vor dem Altenheim St. Josef auftreten – mit großem Erfolg.

Blaskapelle darf doch für Senioren spielen

Eine kleine Nachmittagsmusik – endlich

Ach, das Leben kann so schön sein. Wenn dann noch Frühling ist, und die Blasmusik spielt auf – Herz, was willst du mehr. Im zweiten Anlauf hat‘s in Karlsfeld geklappt.

Karlsfeld – Einen wunderbaren Nachmittag bescherten zehn Musikanten der Blaskapelle Karlsfeld denen, die im Caritas-Altenheim St. Josef ihr Haus nicht verlassen dürfen, und das sind ja derzeit alle. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt“, das war das erste Lied. Na ja, ganz so weit schickt er denn doch nicht, aber wenigstens auf die Balkone. Sobald die ersten schwungvoll gespielten Töne zu hören waren, füllten sie sich. Es wurde rhythmisch mitgeklatscht zum Marsch und der Polka. Und beim Walzer im Dreivierteltakt wiegten sich – vor allem die Damen – sanft nach links, sanft nach rechts. Man winkte einander zu, von Balkon zu Balkon. Die da oben und die da unten hatten ihre Freude miteinander. Manche fidele Seniorinnen dirigierten mit, und nach jedem Stück gab es Beifall, Bravo-Rufe und Zugabe-Wünsche. „Da könnt‘ man ja direkt einen Hut aufstellen“, scherzt einer von der Blaskapelle.

Es gab rührende Szenen. „Mama, hallo, ich bin‘s“, ruft die Tochter von der Wiese unten hinauf in den zweiten Stock. Diese kann aber nicht auf den Balkon gehen, ist bettlägerig. „Die Pflegerin hat mir gesagt, dass die Mama von ihrem Bett aus zugehört hat und mit den Händen geklatscht hat,“ erzählt die Tochter beglückt.

An drei Seiten des Altenheims gaben sie ihr Ständchen. Es war die Idee von Ulrike Winkelmeier, Leiterin des Sozialdienstes im Heim, der „Sozialen Begleitung“, wie es dort heißt. Sie freute sich riesig, dass das heute geklappt hat und spendierte der Musik Wasser und Bier – Blasmusikinstrumente machen ja bekanntlich so durstig.

Schon zu Ostern wollte diese kleine Abordnung vor dem Heim eine kleine „musikalische Ablenkung“ bieten. „Wir hatten schon die Liste mit den beteiligten Musikern eingereicht,“ berichtet Reinhard Hagitte, Leiter der Blaskapelle Karlsfeld. Am Gründonnerstag, 9. April, kam das Verbot, in einer E-Mail gerichtet an die Gemeinde: „Bitte haben Sie Verständnis, dass hierfür seitens des Landratsamtes keine Ausnahmegenehmigung ausgestellt werden kann und das Verlassen der eigenen Wohnung zur Darbietung musikalischer Einlagen keinen wichtigen Grund darstellt.“ Geschrieben und unterzeichnet von Sonja Köhler, der Sachgebietsleiterin der Abteilung Öffentliche Sicherheit und Ordnung.

Das empörte Reinhard Hagitte. „Ich verstehe das nicht. Da verliert man jede Lust“, sagt er dazu. „Alle, die Kultur machen, kämpfen sowieso schon seit Jahren.“ Er wollte eine Erklärung von Köhler, warum in Dachau die Knabenkapelle die Genehmigung bekommen hatte, an den Osterfeiertagen vor dem Altenheim Friedrich-Meinzolt-Haus zu spielen „und für die dortigen Bewohner für etwas musikalische Abwechslung zu sorgen. Nichts anderes wollten wir mit unserer Aktion erreichen.“ Er schrieb auch an Landrat Löwl und bekam am Karfreitag, 10. April, die Antwort, dass „kein Konzert und keine komplette Kapelle, allenfalls eine Combo“, wohl aber diese kleine „musikalische Ablenkung“ analog zur „Nachbarschaftshilfe“ möglich sei. Unter strengen Auflagen: „Ohne jeglichen direkten Kontakt mit Bewohnern, unter Einhaltung der Sicherheitsabstände zwischen den Musikern sowie gegenüber den Bewohnern/Fenstern und ohne weitere Zuschauer im Umfeld.“ Auch das Reichen von „Liedblättern“ in die Fenster sei zu unterlassen. „Sollten beispielsweise Spaziergänger stehen bleiben“, müsse das Vorspiel „unverzüglich beendet werden“. Zu Ostern haben sie es nicht mehr hingekriegt, aber jetzt am vergangenen Samstag war es endlich soweit – nach seitenweise Mailverkehr zwischen Heim, Kapelle, Gemeinde und Landratsamt hin und zurück. „Ich habe Stunden damit verbracht“, sagt Ulrike Winkelmeier. Zumal sie ja noch die Vorstellung hatte, dass dieses Konzertchen öfter samstags und mittwochs ihre Bewohner erfreuen könne. Doch nix damit, so die E-Mail aus dem Landratsamt: „Selbstverständlich kann auch künftig in Einzelfällen zu besonderen Anlässen (z.B. Maifeiertag oder ein runder Geburtstag) eine Genehmigung erfolgen, nicht jedoch für regelmäßig am Samstag und Mittwoch stattfindende Vorspiele der Blaskapelle.“ Ach, das Leben könnte so schön sein...

ep

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