In Gemeinde unbekannter Kandidat

Das Wagnis der Karlsfelder SPD bei der Bürgermeisterwahl 2020

Die Karlsfelder SPD setzt bei der Bürgermeisterwahl 2020 auf einen in der Gemeinde gänzlich unbekannten Kandidaten.

Karlsfeld – Diese Sozialdemokratische Gemeinschaft für Kommunalpolitik, kurz SGK, ist eine bemerkenswerte Einrichtung: Sie bringt Kandidaten und Kandidaten Suchende zusammen. Mithilfe der SGK hat die Karlsfelder SPD einen Bürgermeisterkandidaten gefunden, Dr. Bernhard Goodwin (40) tritt am 15. März 2020 gegen Amtsinhaber Stefan Kolbe an.

Nicht Fraktionschef Franz Trinkl soll das einst rote Karlsfelder Rathaus für die SPD zurückerobern, wie erwartet wurde, und auch nicht eine erfahrene Gemeinderätin wie Venera Sansone – sondern ein in der Gemeinde gänzlich unbekannter Kandidat aus München.

Das Wagnis der Karlsfelder SPD bei der Bürgermeisterwahl 2020: Bernhard Goodwin tritt gegen Stefan Kolbe an

Zweifelsohne ein Wagnis. Denn der Amtsinhaber wird schwer zu schlagen sein. Stefan Kolbe ist in Karlsfeld bekannt, vernetzt und verwurzelt. Schon vor seiner Kandidatur 2008 sammelte der CSU-Mann als Hauptamtsleiter im Karlsfelder Rathaus viel Erfahrung. In Sachen Kommunalpolitik, das ist keine Übertreibung, ist Kolbe mit allen Wassern gewaschen. Und in Karlsfeld kennt er jeden Grashalm.

Nicht nur der gegen Null gehende Bekanntheitsgrad kann für Herausforderer Goodwin zu einem hemmenden Faktor werden, sondern auch die Art und Weise, wie er zum Kandidaten für den wichtigsten Posten in der Gemeinde wurde. Die SGK, so könnte man spotten, hat was von Datingbörse. Goodwin wird in den kommenden Wahlkampfmonaten ordentlich beschäftigt sein, einem Eindruck entgegenzuwirken: Dass er, der 2017 in München als Bundestagskandidat unterlag, jetzt halt Bürgermeister werden will – einerlei wo, Hauptsache endlich in Amt und Würden.

Die SPD tat gut daran, ihren Bürgermeisterkandidaten frühzeitig zu nominieren: Sie hat sich und Goodwin damit Zeit verschafft. Der promovierte Kommunikationswissenschaftler und ehemalige Pressesprecher der Münchner SPD wird jede Gelegenheit nutzen, sicht- und wahrnehmbar zu werden.

Für die Karlsfelder Sozialdemokraten war es sicher keine Option, bei der Kommunalwahl im kommenden Jahr auf einen eigenen Kandidaten zu verzichten. Seit Jahren sind sie bemüht, sich von der CSU abzugrenzen, das eigene Profil zu schärfen, wie es so schön heißt. Kolbe das Feld kampflos zu überlassen, wäre da nicht gut für die Reputation gewesen.

2014 schickte die Karlsfelder SPD zum zweiten Mal Reinhard Pobel in den Kampf um den Bürgermeistersessel. Schließlich hatte Pobel sechs Jahre zuvor gegen den erstmals antretenden Stefan Kolbe die Stichwahl nur hauchdünn verpasst. Doch im zweiten Versuch rutschte Pobel ab, von 34,78 Prozent 2008 auf 25,27 Prozent 2014. Ein schlimmes Ergebnis für einen gestandenen SPD-Gemeinderat in der früher einmal roten Hochburg Karlsfeld.

Bürgermeisterwahl 2020 in Karlsfeld: Chancenlos ist der SPD-Mann nicht

„Vielleicht müssen wir von der SPD stärker polarisieren“, sagte Pobel am Abend seiner Wahlniederlage. Der oft praktizierte Schulterschluss mit der CSU war für die Sozialdemokraten schlichtweg zum Problem geworden, im Ort sprach man schon von der „Karlsfelder GroKo“. Das Bündnis für Karlsfeld bedankte sich, es erschien vielen Wählern die einzig wahre Alternative zu Kolbes CSU zu sein.

Das Dilemma von 2014 bleibt. Die SPD muss den Spagat hinkriegen, einerseits zu „polarisieren“, wie es Pobel damals formulierte, und andererseits den Eindruck zu vermeiden, sie betreibe Opposition nur der Opposition willen. Diese Ausgangslage macht es für Bernhard Goodwin sicher nicht einfacher.

Chancenlos ist der SPD-Mann jedoch nicht. Man denke nur an die Kommunalwahl 2014 im benachbarten Dachau. Die SPD schickte mit Florian Hartmann einen zwar jungen, aber weitgehend unbekannten Stadtrats-Hinterbänkler ins Rennen gegen OB Peter Bürgel von der CSU. Bürgel, so sehen es heute viele, war sich seiner Wiederwahl sicher. Jetzt praktiziert er wieder als Rechtsanwalt, und der Dachauer Oberbürgermeister heißt Florian Hartmann.

Stefan Kolbe und dem CSU-Ortsverband Karlsfeld sei also geraten, den SPD-Herausforderer nicht zu unterschätzen. Auch wenn der über die SGK rekrutiert wurde.

THOMAS LEICHSENRING

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