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Meister des königlichen Spiels

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Von: Thomas Leichsenring

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Mann an Schachbrett
Am Brett, das für ihn die Welt bedeutet: Max Berchtenbreiter bereitet sich auf seine Partien in Deutschlands höchster Liga vor. © Habschied

Karlsfeld – Franz Beckenbauer hat viel Zitierenswertes und Zitiertes von sich gegeben. So forderte er einst mit Nachdruck, man möge die Schachspieler doch bitteschön aus dem ruhmreichen FC Bayern entfernen: „Die Klötzleschieber brauch mer net!“, grantelte der Kaiser. Nun, Beckenbauers Appell verhallte, der FC Bayern hat immer noch eine Bundesliga-Schachtruppe – und die trifft bald auf den Stadtrivalen Münchner SC.

Der wiederum hat einen jungen Mann aus Karlsfeld im Team: Max Berchtenbreiter, 27, will die Bayern ebenso ärgern wie den Rest der Schach-Bundesliga.

Ein Liganeuling gibt gemeinhin den Klassenerhalt als Saisonziel aus. Berchtenbreiter ist da ein wenig forscher: „Ich denke, ein Mittelfeldplatz ist realistisch, wir sind schon gut.“

Der Münchner SC ist einer der ältesten Schachclubs in Bayern, gegründet 1836. Seit vier Jahren ist Berchtenbreiter dabei, zuvor hat der 27-Jährige in seinem Heimatort Rosenheim Vereinsschach gespielt. „Mit dem SC ging es stets bergauf, seit ich da bin, aber das lag natürlich nicht an mir“, lacht Berchtenbreiter.

Fakt jedoch ist, dass der verheiratete Vater eines Sohnes nie so gut gespielt hat wie heute. Der Welt-Schachverband FIDE hat einst die sogenannte Elo-Zahl eingeführt, um die Stärke von Spielern bemessen zu können. Berchtenbreiters aktuelle Elo-Zahl ist 2507. „So weit oben war ich noch nie“, berichtet er. Ein passabler Durchschnittsspieler hat eine Elo-Zahl etwa von 1400 bis 1700, Weltmeister Magnus Carlsen aus Norwegen ist mit 2882 unerreicht.

Alireza Firouzjas Elo-Zahl gibt FIDE im Oktober mit 2770 an. Das ist bärenstark für einen 18-Jährigen, über 2700 liegen gerade mal 120 Spieler – weltweit. Der iranischstämmige Großmeister aus Frankreich gilt deshalb als künftiger Herausforderer von „König Magnus“, hat ihn in einem Online-Match auch schon besiegt.

Wie gut, wenn man so jemanden im Team hat. Firouzja ist beim SC Berchtenbreiters Teamkollege. Das 18-jährige Supertalent tritt für die Münchner an Brett eins an. An Bundesligaspieltagen sind pro Mannschaft acht Spieler mit dabei. Der an eins Gesetzte spielt gegen eins, zwei gegen zwei und schließlich acht gegen acht. Berchtenbreiter ist in der Brettrangfolge für die Plätze sechs bis acht vorgesehen.

Wer genau der Gegner ist, erfährt man erst am Spieltag. Das erschwert eine gezielte Vorbereitung natürlich. Doch Berchtenbreiter schaut sich zu Hause schon so manche Partie der in Frage kommenden Kontrahenten an. Übertreiben will er die „Heimarbeit“ jedoch nicht: „Ich bin ja immer noch Amateur.“

16 Mannschaften umfasst die eingleisige Schach-Bundesliga, bis nach Hamburg und Kiel führen die Spieltagsreisen. Der Großteil der Bundesligisten dürfte für den Aufsteiger aus München in Griffweite liegen. An die Spitzenteams wie Serienmeister Baden Baden mit den bärenstarken Ausländern in den Reihen „kommt man aber nicht ran“, wie Berchtenbreiter weiß. Saisonstart ist erst im Januar, denn wegen der Corona-Verzögerungen wird in der ersten Liga noch immer die alte Runde gespielt.

Attacke oder Defensive? Berchtenbreiter lacht bei der Frage, wie er denn bevorzugt vorgeht bei der Arbeit auf den 64 schwarzen und weißen Feldern: „Da gibt es die Selbstwahrnehmung und die Fremdwahrnehmung. In meiner Selbstwahrnehmung ist mein Spielstil relativ universell, in der Fremdwahrnehmung gelte ich wohl eher als aktiver, aggressiver Spieler.“

Das königliche Spiel hat Berchtenbreiter als kleiner Bub von seinem Papa gelernt, der in Rosenheim auch im Club spielte, allerdings nur unterklassig. Das besondere Talent des Sohnes war schnell erkannt, der junge Max gehörte bald zu Deutschlands besten Nachwuchsspielern. Schon mit etwa zehn Jahren trat er zu einer Partie an, die er sein Leben lang nicht vergessen wird: Gegner war der Großmeister Viktor Kortschnoi, der einst der Legende Anatoli Karpow in zwei Wettkämpfen um den Weltmeistertitel gegenübergesessen war und diesmal gegen deutsche Nachwuchsspieler simultan spielte. An sein genaues Alter erinnert sich Berchtenbreiter nicht mehr, aber natürlich an den Ausgang der Partie: „Ich habe verloren...!“

Der Bub wird’s verschmerzt haben. Denn gerade als Kind und später als Jugendlicher war Berchtenbreiter sehr erfolgreich. 2012 wurde er deutscher Meister der U18, später folgte der Titel bei der U25, viele andere Titelgewinne stehen in Berchtenbreiters Vita. Mit der deutschen U14-Nationalmannschaft nahm er 2014 in Vietnam an der Weltmeisterschaft teil.

Schon seit 2013 darf sich der Karlsfelder „IM“ nennen, Internationaler Meister, nach dem Großmeister der höchste Ehrentitel im Schach. Ein maßgebliches Kriterium für die Großmeisterwürde hat Berchtenbreiter mittlerweile erreicht: mindestens 2500 Punkte im Elo-Ranking.

Max Berchtenbreiter arbeitet nach seinem Studium in Geschichte und Politikwissenschaften derzeit an seiner Doktorarbeit. Titel: „Wahlkampf und Imagepolitik – eine Medienbiographie Edmund Stoibers 1978 bis 2002“. In Lockdown-Zeiten hatte der junge Karlsfelder ausreichend Zeit, mit der Dissertation voranzukommen. Auf angemessene Schachgegner musste er allerdings nicht verzichten – Berchtenbreiter wich wegen Corona wie so viele Schachspieler aufs Internet aus. Auf der weltweiten Online-Plattform Lichess machte er sich vor allem in den schnellen Varianten Blitz und Bullet einen Namen.

Der Zweikampf mit kurzer und ultrakurzer Bedenkzeit liegt ihm. Berchtenbreiter: „Hier bin ich einen Ticken besser als im klassischen Schach.“

THOMAS LEICHSENRING

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