Freifläche zwischen Feldmoching und Ludwigsfeld wird womöglich bebaut

Die SEM sorgt für große Aufregung

München dehnt sich aus. Eine gigantische städtebauliche Entwicklungsmaßnahme würde sich auch auf Karlsfeld und den Landkreis Dachau auswirken.

Karlsfeld/Ludwigsfeld – Der Münchner Norden soll wachsen. Mindestens vier neue Siedlungen werden in den nächsten Jahren am dortigen Rand der bayerischen Landeshauptstadt entstehen. Außerdem hat das Münchner Rathaus eine städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM) für freie Flächen rund um Feldmoching, nördlich der Fasanerie und östlich der Siedlung Ludwigsfeld angedacht. Langfristig könnte sich die Landeshauptstadt dadurch auch hier lückenlos bis an die Grenze zu Karlsfeld ausdehnen. Viele Münchner wenden sich gegen das Wachstum.

Die Metropole München steht seit Jahren unter Hochdruck. Sie bietet immer neue Arbeitsplätze, doch der Wohnraum ist mehr als knapp. Normalverdiener können ihn sich kaum mehr leisten. Ständige Nachverdichtung sowie der Bau neuer Siedlungen sollen das Problem lösen.

Doch erst vor Kurzem versammelten sich über 1000 Menschen in der Feldmochinger Mehrzweckhalle, um ihren Unmut über die Pläne der Stadtregierung für den Münchner Norden zu äußern und alternative Lösungen zu diskutieren. Große Sorgen bereitet vielen Menschen die SEM. Diese Maßnahme würde ein 900 Hektar großes Areal betreffen.

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) leitete die Vorbereitungen dazu im Februar ein. Damals hieß es, das Planungsreferat würde dem Stadtrat noch in der ersten Jahreshälfte 2017, „einen Einleitungsbeschluss zu vorbereitenden Untersuchungen einer Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme“ vorlegen. Bis heute ist das nicht passiert. Ein Grund dafür mögen die Anwohnerproteste sein. Schon auf der Bürgerversammlung des Bezirks Feldmoching-Hasenbergl 2017 stellten sich lokale Verbände und Initiativen gegen das Projekt. Eine SEM wird nur für Gebiete eingeleitet, die für eine städtebauliche Entwicklung von öffentlichem Interesse sind. Sie soll der Stadt einheitliche, rasche und konzeptionell geschlossene Baumaßnahmen ermöglichen.

Mit der Bekanntgabe des Vorhabens durch Reiter wurde der Bodenpreis im Untersuchungsgebiet praktisch eingefroren. Der Bodenwert nimmt zwar an der konjunkturellen Entwicklung teil, planungsbedingte Wertsteigerungen werden jedoch ausgeschlossen. Das ärgert die Bauern, Gärtner und anderen Landeigentümer im betroffenen Areal maßlos. Die einen fürchten um ihre Pfründe, die anderen bangen um ihre Existenz. 300 Personen sind derzeit Mitglied bei der Initiative Heimatboden, die gegen die SEM kämpft.

Rechtsanwalt Benno Ziegler, der die Initiative berät, sagt: „Ein Landwirt in Ludwigsfeld kann nicht mehr schlafen, seitdem das Rathaus die Pläne bekannt gegeben hat. Sein Hof, sein Grundstück – das liegt alles im SEM-Bereich. Und das Ziel einer SEM ist es, dass das Eigentum an den betroffenen Arealen an die Stadt übergeht.“ Zu einem Wert, der ohne Aussicht auf die Entwicklungsmaßnahme zustande kommen würde. Notfalls ermöglicht eine solche Maßnahme auch Enteignungen.

Die Münchner Stadträtin Heide Rieke (SPD) aber beruhigte bei der jüngsten Versammlung in Feldmoching: „Enteignung ist für mich nur schwer vorstellbar.“

Doch geht es den Bewohnern nicht nur um die SEM. Auch ohne sie wird das Stadtviertel anschwellen. Im Norden Feldmochings entstehen bald 600, östlich der S-Bahnlinie 900 Wohnungen. Auch im Südwesten Feldmochings und in der Lerchenau sind Siedlungen in Planung. Dort könnten weitere 4500 Wohnungen gebaut werden. „Dieses Wachstum werden wir auf Dauer nicht tragen können“, sagt Dirk Höpner von der Interessengemeinschaft Fasanerie aktiv. Neben der Verstädterung dörflicher Randgebiete, Umweltschäden sowie dem Niedergang stadtnaher Landwirtschaft fürchten viele den Verkehrskollaps. Bereits jetzt ist die U2 nach Feldmoching in Stoßzeiten überfüllt, die Straßen sind verstopft. Da der Münchner Norden stark mit dem Umland verbunden ist, würde sich der Druck auf Nachbargemeinden auswirken – auch durch die vielen Pendler. Busse und Autos gelangen über Ludwigsfeld nach Karlsfeld und Dachau. Außerdem hat der 24. Stadtbezirk Anschluss zur A99, und die S-Bahn verbindet Feldmoching mit Ober- und Unterschleißheim. Schon seit Jahren basteln Behörden und Politiker am Verkehrskonzept Münchner Norden. Viel passiert ist nicht.

Ob und wann die SEM kommt, ist derzeit ungewiss. So kann das Planungsreferat nicht garantieren, dass der Beschlussentwurf noch heuer dem Stadtrat vorgelegt wird. Überdies scheinen die großen Parteien uneins. Während die SPD dafür ist, sieht es bei der CSU anders aus. Erst bei der jüngsten Bewohnerversammlung in Feldmoching verkündete die bayerische Landtagsabgeordnete Mechthilde Wittmann: „Die CSU wird wohl nicht zustimmen.“

Katrin Hildebrand

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