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Sogar Heu gab’s beim Lebensmittler: Vorne Ilsa Oberbauer, links Detlef Steuer, hinten Ursula Töldrian, rechts vorne Rosi und Horst Rubröder.

Heimatmuseum Karlsfeld

Eine längst vergessene Welt

Mit dem Heimatmuseum in die Vergangenheit eintauchen – das klappt auch mit der neuesten Ausstellung „Handel & Handwerk im Wandel der Zeit“ prächtig.

Karlsfeld– „Handel & Handwerk im Wandel der Zeit“, ist das Thema der neuen Sonderausstellung im Heimatmuseum Karlsfeld. Über 50 „Donatoren“, wie Kuratorin Ilsa Oberbauer sagt, also Geber, haben dazu beigetragen, dass sich dem Betrachter eine längst vergessene Welt auftut.

Da werden Erinnerungen wach. Man sieht ihn vor sich, den Schuster Hans Huf, an der Ledernähmaschine oder an der Kasse. Er brachte auch hoffnungslos vernachlässigte Schuhe wieder auf die Beine. Und man wunderte sich immer, wie er aus den voll bepackten Regalen die richtigen, nun wieder bestens reparierten Stiefel herausfischte. Geboren 1929, starb er am 17. November 2009.

Seine Familie hat einen großen Teil der Werkstatt dem Heimatmuseum vermacht. Und weil man sich in Karlsfeld kennt und einander hilft, haben junge Burschen der Feuerwehr die schweren Trümmer ins Heimatmuseum geschafft.

Oder die Ecke mit Erinnerungsstücken aus den Friseurläden. Die Waschschüssel und die Scheren. „Damit ging der Friseur von Haus zu Haus und hat die Haare gemacht“, sagt Ilsa Oberbauer. Die Brennschere für die Lockenherstellung war noch in den 50er Jahren die Quelle der Schönheit. Ablösung fand sie in den Lockenwicklern, und dafür brauchte man eine Trockenhaube. Ältere Damen erinnern sich gewiss, wie sie in einem jüngeren Alter unbedingt eine solche zuhause haben mussten. Sie können sich nun unter ein gelbes Museumsstück setzen und von schönen Zeiten träumen.

Oder das „erste Gewerbegebiet“ Karlsfelds in der Rothschwaige. Gewiss, an „Sport Berger“ erinnern sich auch noch Jüngere. Aber die Firma Heinrich Wunder mit den legendären Gepäckträgern fürs Auto und den Skibindungen ist längst bei vielen vergessen. Dass es dort einmal eine Fleischwarenfabrik Wülfert gab, ebenfalls. Fotos und Dokumente und ein altes Paar Ski helfen der Erinnerung auf die Sprünge.

Oder die Lebensmittelgeschäfte, die Supermärkte von damals. Es gab (fast) alles, was der Mensch zum Leben brauchte. Es wurde aufs Gramm genau abgewogen und in Tüten verpackt. Etliche altertümliche Waagen sind dort zu bestaunen.

Und weil es anfangs auch Futtermittel zu kaufen gab, hat Ilsa Oberbauer extra in eine Holzschale Heu drapiert. Woher sie das hat? „Von meinem Sohn Peter. Der hat ja Viecher.“ Ihm und ihnen sei‘s gedankt. Überhaupt ist die Ausstellung sehr liebevoll aufgebaut. Oberbauer und die weiteren Vorstandsmitglieder des Heimatmuseums, Christine Kofler und Horst Pajung, haben lange an dieser effektvollen Präsentation gebastelt und gehämmert. Zu jedem Handwerkszweig haben sie eine Liste aller Betriebe nach dem Krieg zusammengestellt. Alle Metzger, alle Bäcker, alle Schreiner, Gemischtwarenläden und Kioske, einfach alles.

Beim großen Sauerkrauttopf gibt es sogar ein Rezept, wie man auch heute noch das gesunde Kraut selbst herstellen kann. „Bei Dingen, die junge Leute nicht mehr kennen, haben wir Schilder gemacht.“ Denn wer weiß schon, was ein Käseschneider ist oder eine Wurstspritze. Mit letzterem machen laut Oberbauer die Alten aus dem „Batschka“, die sogenannten Volksdeutschen aus den 50er Jahren, ihre Paprikasalami noch heute selber. Genau so wie sie damals ihren eigenen Wein machten. Die Trauben aus der Großmarkthalle wurden zum legendären „Heinrichs Tröpfchen“ gekeltert.

Wenn die Kuratorin ins Erzählen kommt, muss sowieso die Zeit stehen bleiben. Deshalb kommen auch viele „Stammgäste“ ins Heimatmuseum, um ihre Geschichten, die Geschichte sind, zu hören. Wie Ursula Töldrian: „Ich bin immer da, bei jeder neuen Ausstellung. So schöne Raritäten. Und was die Frau alles zu erzählen weiß!“

Die nächste Möglichkeit, das alles zu hören und zu sehen, ist an den Sonntagen, 4. und 18. Februar, sowie später immer jeden ersten und dritten Sonntag im Monat – aber nur noch bis Ende April. Von Elfriede Peil

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