Jetzt auch offiziell: Der Karlsfelder Marktplatz heißt auch Marktplatz.
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In Karlsfeld, hier der Marktplatz, treibt die Bande ihr Unwesen.

Abschiebung keine Option

Politiker fordern Härte gegen brutale Jugendbande: Opfer sollen sich melden - „Schweigen hilft nur den Tätern“

  • VonThomas Leichsenring
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  • Christiane Breitenberger
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Die Kommunalpolitiker fordern von Polizei und Gericht Strenge und Härte gegen die Mitglieder der Jugendbande in Karlsfeld. Und sie appellieren an die Opfer, Anzeige zu erstatten.

Karlsfeld – Stefan Kolbe, Bürgermeister der Gemeinde Karlsfeld, weiß seit geraumer Zeit, dass Jugendliche massiv Ärger machen und die beiden Rädelsführer in einer Karlsfelder Flüchtlingsunterkunft wohnen. Das Ausmaß der von dieser Bande verübten Gewaltdelikte überrascht aber auch ihn: „Ich bin in Karlsfeld geboren und aufgewachsen, so etwas habe ich hier noch nie erlebt, es entsetzt mich!“ Die Gemeinde Karlsfeld werde „in ein Licht gerückt, das wir nicht verdienen“.

Brutale Jugendbanden in Karlsfeld: Staatsorgane müssen mit aller Härte durchgreifen

Wie berichtet, ist in Karlsfeld eine kriminelle Jugendbande aktiv. Nach Angaben des Jugendbeamten der Polizei Dachau, Thomas Kirner, haben sich bis zu 30 Jugendliche im Alter zwischen 13 und 17 Jahren den beiden Anführern, die derzeit beide im Gefängnis sitzen, angeschlossen. Verschiedene Gewaltdelikte stehen im Raum: schwere Körperverletzungen, Sexualdelikte, Kämpfe, Platzkriege.

Kolbe wird deutlich: Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte müssten hier „mit aller Härte durchgreifen“. Mit den Tätern dürfe man „nicht so weichgespült“ verfahren und argumentieren, „die haben es ja so schwer gehabt. Das würde hier in Karlsfeld niemand verstehen“.

Grundsätzlich gebe es in der Gemeinde mit den hier lebenden Flüchtlingen keine gravierenden Probleme, betont der Bürgermeister. Die beiden Jugendlichen hätten nach ihrer Flucht in Deutschland gute Voraussetzungen vorgefunden, „doch jetzt muss man befürchten, dass sie zu Schwerkriminellen mutieren“.

Kriminelle Bande in Karlsfeld: Landrat fordert Polizei und Gerichte auf „Kante zu zeigen“

Die Möglichkeiten der Einflussnahme seien für die Gemeinde begrenzt. Man werde weiter auf Gewaltprävention und Jugendsozialarbeit setzen und den Karlsfelder Jugendlichen weiterhin ein möglichst großes Angebot unterbreiten, zum Beispiel im Jugendhaus an der Jahnstraße. „Aber auf Personen wie die beiden Anführer haben wir keinen Zugriff.“

Auch Landrat Stefan Löwl fordert Polizei und Gerichte auf, in diesem Fall „Kante zu zeigen, mit allen Konsequenzen und aller Strenge“. Ihm ist der Fall seit einiger Zeit bereits bekannt, auch, weil es sich um Jugendliche mit Migrationshintergrund handelt und deshalb verschiedene Bereiche des Landratsamtes involviert sind.

„Schweigen hilft nur den Tätern“, sagt Löwl. Er rät allen Opfern von Gewalt und Bedrohungen, Anzeige zu erstatten. „Aber ich kann natürlich jeden verstehen, der Angst hat. Wichtig ist, dass wir hinter den Opfern stehen und das auch deutlich zum Ausdruck bringen.“

Jugendbanden in Karlsfeld: Landrat stellt klar - Abschiebung keine Option

Dass die jugendlichen Täter Deutschland zeitnah wieder verlassen müssen, hält Löwl für wenig wahrscheinlich. „Wir können einen 15-Jährigen sicher nicht alleine in sein Heimatland zurückschicken.“

Fälle wie dieser in Karlsfeld zeigten, „wo die Grenzen der Jugendhilfe und der Rechtsstaatlichkeit liegen“. Löwl: „Wir müssen und grundsätzlich die Frage stellen, wie wir künftig mit solchen Fällen umgehen.“

Ein Hauptproblem ist: Es dauert zu lange, bis ein Täter für sein Handeln eine Konsequenz erfährt. Bis ein Gerichtstermin ansteht, vergeht nicht selten ein halbes Jahr bis ein Jahr. Die Strafe auf eine Tat – gerade im Jugendbereich – sollte laut Polizeihauptkommissar Thomas Kirner schnell folgen, doch die Realität sieht anders aus.

In der Zeit von der Tat bis zur Gerichtsverhandlung vergeht – ohne Konsequenzen – so viel Zeit, dass der Täter inzwischen weitere Straftaten begeht. Gerade bei Wiederholungstätern hat Kirner schon erlebt, dass sie überhaupt nicht wissen, für welche Tat sie gerade eigentlich vor Gericht stehen. Der Angeklagte hat keinen Bezug mehr zur Tat. Doch derzeit sieht Kirner hier keine Besserung. Sowohl bei Polizei als auch Staatsanwaltschaft fehlt das Personal.

Susanne Seßler vom Weißen Ring erklärt, was Kinder und Eltern im Notfall tun können 

Was kann ich tun, wenn ich Opfer von Bandengewalt werde?

Auf keinen Fall damit alleine bleiben, sondern sich jemandem anvertrauen! Wer schweigt, lässt sich viel schneller einschüchtern. Der Weiße Ring bietet eine Online-Beratung an, bei der man erste Schritte besprechen kann oder eine Telefonberatung bei der Dachauer Außenstelle unter 01 51/55 16 46 69.

Wie gehe ich mit der Angst um, dass jemand Rache an mir nimmt, wenn ich eine Anzeige schalte?

Ich muss mir klar sein: Die Angst wird immer da sein, ob ich mir Hilfe suche oder alleine damit bleibe. Und deswegen ist es in jedem Fall besser, so etwas zusammen durchzustehen. Wir vom Weißen Ring bieten auch an, Betroffene als Beistand zu Anwaltsgesprächen oder zur Polizei zu begleiten. Wir bereiten auch alles Nötige für diese Schritte zusammen mit den Opfern vor. Denn nur wer sich Hilfe sucht, kommt auch aus der Opferspirale raus, die sonst nicht aufhört. Ich vertrete die Ansicht, dass Gewalttaten geahndet werden müssen – und das geht nur, wenn sie jemand zur Anzeige bringt. Im Einzelfall muss man natürlich immer schauen, dass dies nicht auf Kosten der Opfer geschieht.

Was können Eltern tun, deren Kind Opfer von Gewalt wird?

Als erstes: Nehmen Sie ihr Kind ernst und bieten Unterstützung an. Fallen Sie nicht auch in eine Opferrolle. Suchen Sie sich Hilfe bei den professionellen Stellen und zeigen Sie ihrem Kind: Es ist ein Zeichen von Stärke, wenn man sich Hilfe sucht. Auch hier unterstützen wir.

Ist der Weiße Ring im Zusammenhang mit der Karlsfelder Bandengewalt involviert?

Die dortige Jugendarbeit kontaktierte uns, da die Gewalt absolut zunimmt und Eltern, die Hilfe suchen, kamen beim Aktionstag „Karlsfeld steht auf“ auf uns zu.

Interview: Christiane Breitenberger

Kommentar: Versäumnisse von früher

Nach dem Bekanntwerden der Gewalttaten der Jugendlichen in Karlsfeld werden die Stimmen laut, die Strenge und Härte fordern, womöglich eine Verschärfung der Strafen für Jugendliche. Dabei zeugen diese Ideen hauptsächlich davon, dass in der Vergangenheit viel versäumt wurde: Kindern bessere Lebensbedingungen zu verschaffen, frühzeitig und schnell die jugendlichen Straftäter Konsequenzen spüren zu lassen, natürlich auch Asylbewerber zu integrieren.
Alles aber auf geflüchtete Jugendliche zu schieben, wäre zu einfach. Zu der Bande gehören bis zu 30 Anhänger, darunter wohl auch viele, die schon hier geboren wurden. Statt dem Ruf nach mehr Härte sollten wir eher die Ursachen der misslungenen Erziehung beleuchten: Eltern, die Vollzeit arbeiten müssen, Kinder, die sich selbst überlassen sind, Helden in Computerspielen, mit denen die Kinder mehr Zeit verbringen als mit ihren Eltern. Die Basis für eine tragfähige Beziehung zum Kind fehlt. Auch hier könnte die Politik ansetzen, etwa mit einem Fokus auf Kinder- und Jugendförderung sowie Gewaltprävention.

Nikola Obermeier

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