1. Startseite
  2. Lokales
  3. Dachau
  4. Karlsfeld

Radreise durch Europa: Oberbayer (25) über ein Jahr alleine unterwegs - ohne Plan und Ziel

Erstellt:

Von: Verena Möckl

Kommentare

Grenzenlose Freiheit: Daniel Großhans reiste ein Jahr alleine mit dem Fahrrad durch Europa. Unser Bild zeigt ihn beim Wildzelten an der irischen Westküste.
Grenzenlose Freiheit: Daniel Großhans reiste ein Jahr alleine mit dem Fahrrad durch Europa. Unser Bild zeigt ihn beim Wildzelten an irischen Westküste. © Daniel Großhans

13 Monate war er unterwegs. Daniel Großhans (25) ist mit seinem Fahrrad quer durch West- und Nordeuropa gefahren. Allein. Ohne genauen Plan. Immer auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer.

Karlsfeld – Daniel Großhans kauert in seiner Hängematte. Irgendwo in einem Waldstück bei Crans-Montana in der Schweiz. Er wagt es nicht, sich zu bewegen. Das Bellen, das ihn um drei Uhr nachts aus dem Schlaf gerissen hat, wird immer lauter.

Auf einmal sind da Schritte. Sie klingen schwer und laut und kommen immer näher. Ob von einem streunenden Hund oder einem anderen vergleichbar großen wilden Tier, weiß der 25-Jährige in diesem Moment nicht. Daniel Großhans hat Angst. Riesenangst. Es ist stockfinster. Doch er traut sich nicht, seine Stirnlampe anzuschalten. Doch dazu später mehr.

Die beste Zeit seines Lebens: Karlsfelder (25) macht Radreise durch Europa

Quer durch Europa reiste Daniel Großhans mit seinem Fahrrad.
Quer durch Europa reiste Daniel Großhans mit seinem Fahrrad. © Daniel Großhans

„Das war die schrecklichste Nacht, die ich auf meiner ganzen Reise erlebt habe“, sagt Daniel Großhans heute, knapp ein Jahr später. Er sitzt auf einer Bank am Westufer des Karlsfelder Sees. Vor ihm steht sein Fahrrad. Es sieht unscheinbar aus, etwas in die Jahre gekommen. Nichts Besonderes. Doch der Schein trügt.

Das Rad hat Daniel Großhans quer durch West- und Nordeuropa gebracht. 13 Monate war der Karlsfelder unterwegs. Er bereiste 13 Länder. Seine Haare sind 13 Zentimeter gewachsen, seit er losgefahren ist. Ohne Plan und erst Mal ohne Ahnung, wann er wieder heimkommen wird.

Es gab nur ihn und sein Fahrrad. Dabei gehört es streng genommen gar nicht ihm. „Drei Wochen bevor ich mit meiner Europareise beginnen wollte, wurde mir mein Rad am Karlsfelder Bahnhof geklaut“, erzählt Daniel Großhans und zuckt mit den Achseln. „Ich hab’ mir dann halt das Rad von meinem Papa ausgeliehen.“ Das Rad ist ihm zwar zu klein. Aber egal. Hauptsache los.

Die Tour: Daniel Großhans radelte 13 Monate durch 13 Länder.
Die Europatour: Daniel Großhans radelte 13 Monate durch 13 Länder. © Grafik: Münchner Merkur

Radreise unlimited: 13 Monate, 13 Länder, 13 Zentimeter längere Haare

Daniel Großhans ist eben die Sorte Mensch, die so schnell nichts aus der Ruhe bringen kann. 43 Nächte schlief er am Stück während seiner Reise draußen – auf Campingplätzen oder größtenteils ungeschützt im Freien. Insgesamt 169 Tage zeltete er wild. Mit nichts anderem als seinem Zelt oder seiner Hängematte. Auf Feldern irgendwo im Nirgendwo. Oder in Wäldern wie in jener Horrornacht in der Schweiz.

In den ersten zwei Monaten waren die Nächte schlimm.

Radreisender Daniel Großhans

Nach einer gefühlten Ewigkeit sei das Tier zum Glück verschwunden, und das unheimliche Bellen hörte auf, erzählt er. „In den ersten zwei Monaten waren die Nächte schlimm, weil ich da noch nicht wusste, wie die unterschiedlichen Tiere klingen.“

Doch das konnte ihn nicht von seinem Reisevorhaben abschrecken. Zu stark ist sein Drang nach Freiheit, nach Nervenkitzel, nach Abenteuer. „Ich bin nicht der Typ, der auf Städteurlaub steht.“ Daniel Großhans wandert lieber abseits der Touristenpfade. Worum es ihm geht: die Komfortzone zu verlassen. Die eigenen Grenzen auszutesten.

Radreise durch Europa: Karlsfelder erlebt härtesten Anstieg in seinem Leben

Portugal, Serra da Estrella, 1. Februar 2022: Daniel Großhans ist auf dem Weg zum Torre hinauf, dem mit knapp 2000 Metern höchsten Berg auf dem portugiesischen Festland.

Mit voller Kraft tritt er in die Pedale, kämpft gegen den immer stärker werdenden Wind an. Er schwitzt – trotz der Böen, die ihm ins Gesicht peitschen. Die Fähnchen an seinem Gepäckträger flattern hektisch im Wind. Die beiden Fahnenstangen sind stark gebogen. Wenn es weiterhin so stürmt, werden sie nicht mehr lange durchhalten – ähnlich geht es ihrem Besitzer.

Man kann alles im Leben schaffen, egal wie stark der Wind ist.

Daniel Großhans

Immer wieder muss Daniel Großhans absteigen. Er stellt sich breitbeinig auf die Straße, den Lenker seines Fahrrads fest umklammert. Doch er will nicht aufgeben. Umdrehen ist keine Option. Im Schneckentempo kriecht er den Berg hinauf. Meter für Meter. Er weiß, er muss sich beeilen, denn die Sonne geht bald unter.

Endlich kommt er oben an. Geschafft! Daniel Großhans wird überflutet von Glücksgefühlen. Er ist den Tränen nahe. „Es war der härteste Anstieg meines Lebens“, sagt er heute. „Diese extreme Erfahrung hat mich bekräftigt, nie aufzugeben. Man kann alles im Leben schaffen, egal wie stark der Wind ist.“

Wild zelten in der Idylle des Iberischen Scheidegebirges, der Serra da Estrella in Portugal.
Wild zelten in der Idylle des Iberischen Scheidegebirges, der Serra da Estrella in Portugal. © Daniel Großhans

Alleine mit dem Fahrrad durch Europa: Zwangspause in Portugal - wegen schwerer Verletzung

Dass er ein Kämpfer ist, bewies Daniel Großhans auch, als er sich schwer verletzte und gezwungen war, eine Zwangspause einzulegen. Portugal, wenige Wochen vor dem Anstieg auf den Torre: Der Unfall passiert im Stehen. Bei dem Versuch, sein Fahrrad vor dem Umfallen zu bewahren, hebelt er sich das Kettenblatt in seinen Knöchel. Der Schnitt ist klein. Aber tief.

Daniel Großhans sieht das Weiße seines Knochens. Er schleppt sich ins nächste Dorf. Beim Arzt stellt sich heraus: Er muss in die Notaufnahme. Da das Krankenhaus 40 Kilometer entfernt ist, nimmt er ein Uber, eine Art Taxi. Es ist eins der wenigen Male, dass er sein Fahrrad zurücklässt.

Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s auch in unserem regelmäßigen Dachau-Newsletter.

Mit fünf Stichen muss seine Verletzung genäht werden. Laut dem Arzt ist Fahrradfahren die nächste Zeit erst Mal nicht drin. Das kann Daniel Großhans jedoch nicht aufhalten. 30 Kilometer radelt er noch am Folgetag, bis er eine günstige Unterkunft findet.

Was die Reise für Daniel Großhans so besonders macht

Nach zwei Wochen Schonzeit kann Daniel Großhans endlich wieder weiterziehen. Jagt einen schönen Sonnenuntergang nach dem anderen. „Ich bin süchtig danach.“ Das, was die Reise für ihn aber so wertvoll macht, ist das Gesamtpaket, sagt er.

Einer der glücklichsten Momente seiner Radreise: Daniel Großhans trifft auf Schafe, seine Lieblingstiere.
Einer der glücklichsten Momente seiner Radreise: Daniel Großhans trifft auf Schafe, seine Lieblingstiere. © Daniel Großhans

 Schöne Momente kommen und gehen.

Daniel Großhans

„Schöne Momente kommen und gehen. Das, was die Reise für mich so besonders macht, ist das Gefühl von grenzenloser Freiheit.“ Keine Termine, keine Verbindlichkeiten und kein festes Datum zu haben, an dem die Reise zu Ende ist.

Nach Reise mit dem Fahrrad: „Jetzt weiß ich, was der Sinn meines Lebens ist“

Auf in ein neues Abenteuer: Daniel Großhans möchte mit seinem Fahrrad wieder los. Diesmal in Richtung Osten.
Auf in ein neues Abenteuer: Daniel Großhans möchte mit seinem Fahrrad wieder los. Diesmal in Richtung Osten. © Daniel Großhans

Vor knapp eineinhalb Jahren traf Daniel Großhans, wie er sagt, die beste Entscheidung seines Lebens, als er entschloss, eine Auszeit von seinem Beruf als Mediengestalter für Bild und Ton zu nehmen. „Jetzt weiß ich, was der Sinn meines Lebens ist“: Mit dem Fahrrad die Welt erkunden. Jedenfalls für die nächsten Jahre.

Im November möchte er wieder aufbrechen. Diesmal mit seinem eigenen Rad, eins das ihm auch von der Größe passt. Ein konkretes Ziel und einen konkreten Plan, wann er wieder heimkommt, hat der Karlsfelder nicht. Er möchte einfach immer Richtung Osten, sagt er. Am liebsten bis nach Asien, in ein neues Abenteuer.

Fünf Fragen an den Radreisenden Daniel Großhans

Was nimmt man auf so einer Reise an Gepäck mit. Noch dazu, wenn es auf dem Fahrrad nicht gerade viel Platz gib?

Daniel Großhans: Da ich leidenschaftlich gerne filme und schneide, hatte ich sehr viel technischen Kram dabei. Also Spiegelreflexkamera, GoPro, Drohne, Stativ, Mikro, Musikbox, Laptop. Und die ganzen Ladekabel dazu. Zum Anziehen hatte ich eigentlich immer eins meiner beiden Werder-Bremen-Trikots an und extra Fahrradbekleidung, Regenjacke, und eine lange, wasserdichte Hose durfte natürlich auch nicht fehlen. Je nachdem, wie kalt es draußen ist, hatte ich noch einen Pulli und eine Stoffjacke dabei und eben alles, was man sonst so zum Zelten braucht.

Was war der wichtigste Gegenstand, den Sie dabei hatten?

Ganz klar meine Bluetoothbox. Zum Musikhören habe ich immer Kopfhörer genutzt, was ganz schön gefährlich ist im Straßenverkehr. Nach ’nem halben Jahr bin ich dann erst auf die Idee gekommen, mir so ’ne Box zu holen, damit ich laut Musik hören konnte. Ab dem Zeitpunkt habe ich nicht mehr verstanden, wie ich die sechs Monate ohne auskommen konnte.

Wie haben Sie Ihre Reise finanziert?

Hauptsächlich aus Erspartem. Das war möglich, weil ich bei meinen Eltern wohne und keine laufenden Ausgaben für Miete und Nebenkosten habe. Meine Freunde und meine Familie haben mich auch durch Spenden unterstützt. Später ist auch ein wenig Geld über meinen Youtube-Kanal reingekommen.

Wie viel Geld braucht ein Radreisender so am Tag?

Ich habe im Schnitt 30 Euro gebraucht. Das ist aber ganz schön viel für einen Radreisenden. Das lag vor allem daran, dass ich mich längere Zeit in teuren Ländern wie der Schweiz aufgehalten habe. Das geht auf jeden Fall deutlich günstiger.

Sie sind ein Jahr lang alleine rumgereist. Haben Sie dabei nie einsam gefühlt?

Ich bin ein sehr introvertierter Mensch. Ich komme alleine sehr gut zurecht. Vor allem nach dem Reise-Jahr habe ich das gemerkt. Das kann, glaub’ ich, nicht jeder machen. Da musst du schon der Typ dafür sein, dass du alleine so lange rumfährst. Was geholfen hat, ist, dass ich Youtuber bin.

Da ich mich ständig gefilmt habe und in die Kamera gesprochen habe, hab ich mich nicht so einsam gefühlt. Mein Mitteilungsbedürfnis konnte ich dadurch stillen, dass ich Videos von mir gemacht habe und zu meinen Abonnenten gesprochen habe. So konnte ich alle meine Momente teilen.

Radreise Unlimited heißt sein Youtube-Kanal, auf dem er regelmäßig Videos seiner Reise hochlädt.

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Dachau finden Sie auf Merkur.de/Dachau.

Große Tour: Stimmen Sie mit ab.

Auch interessant

Kommentare