Keine freien Flächen im Gewerbegebiet

Sorgen, Zweifel und jede Menge Vorwürfe

Karlsfeld - Die Bürgerinitiative „Ortsentwicklung Karlsfeld“ hat Stefan Kolbe 350 Unterschriften überreicht - weil sie sich große Sorgen um die Gemeindeentwicklung macht, schreibt sie. Und weil sie das Gewerbegebiet an der Hochstraße verhindern will. Wenige Stunden nach der Übergabe hat der Gemeinderat den Bebauungsplan dafür beschlossen.

Der Sitzungssaal im Karlsfelder Rathaus war selten so voll wie am Donnerstagabend. Grund dafür sind die Punkte 5 und 6 auf der Tagesordnung: die Änderung des Flächennutzungsplans und die Aufstellung eines neuen Bebauungsplans für die vier Hektar große Fläche zwischen Hoch- und Bajuwarenstraße. Genau an dieser Stelle will die Gemeinde ein neues Gewerbegebiet bauen, von dem sie zwei Hektar der Karlsfelder Firma Artdeco zur Verfügung stellen möchte. Der Kosmetikhersteller will expandieren und ist auf die Gemeinde zugekommen. Wenn Karlsfeld der Firma keine Gewerbeflächen bieten kann, droht sie ihr größtes Unternehmen an eine andere Gemeinde zu verlieren - und mit ihm wertvolle Gewerbesteuereinnahmen.

Dass es oberste Priorität hat, Artdeco zu halten, darüber sind sich alle einig. Nur bei der Frage über den neuen Standort gehen die Meinungen auseinander. Die neugegründete Bürgerinitiative „Ortsentwicklung Karlsfeld“ will verhindern, dass das neue Gewerbegebiet in unmittelbarer Nähe des Erholungsgebiets am Karlsfelder See entsteht. Sie befürchtet nicht nur Verkehrsprobleme, sondern auch, dass es nicht bei den geplanten vier Hektar bleibt und sich das Gewerbegebiet irgendwann bis zur Wohnbebauung im Süden ausdehnt. In einem Brief an Stefan Kolbe fordern die BI-Mitglieder Informationen, welche anderen Standorte in Karlsfeld überprüft wurden und warum diese für Gewerbe nicht geeignet sind. Für ihr Anliegen haben sie innerhalb weniger Tage mehr als 350 Unterschriften gesammelt. „Wir sind der Meinung, dass in Karlsfeld noch einige Alternativen zu haben sind“, schreibt die BI in ihrem Brief. Ihr Favorit: Die Grundstücke in der Nähe des Heizkraftwerkes an der Nibelungenstraße.

Bei dem Treffen in seinem Amtszimmer musste sich Kolbe am Donnerstagvormittag viel Kritik anhören: an seiner Verhandlungsstrategie mit Grundstückseigentümern, an seiner Informationspolitik, an der Ortsplanung der vergangenen Jahre. Kolbe versuchte, das Gespräch mit den Bürgern zu nutzen, um ihnen die Hintergründe für die Entscheidung zu erklären, Artdeco an der Hochstraße unterzubringen.

„Der Gemeinderat hat alle Möglichkeiten ausreichend untersucht und es sich wirklich nicht einfach gemacht“, betonte er. Auf der Karte zeigte er seinen Gästen, welche Flächen der Gemeinde für Gewerbe noch zur Verfügung stehen. Im Gewerbegebiet am Burgfrieden wäre das lediglich ein etwa 8000 Quadratmeter großer Streifen, in dem nur ein sehr langes und sehr schmales Gebäude entstehen könnte. Für Artdeco sei diese Fläche viel zu klein. Weder MAN noch MTU seien bereit, freistehende Flächen an die Gemeinde zu verkaufen.

Und auch im diskutierten Bereich an der Nibelungenstraße gehört der Gemeinde nur ein Teil der Grundstücke. Außerdem ist dort die Seniorenvilla geplant. Und noch ein wichtiger Grund spreche gegen dieses Gebiet: „Artdeco möchte dort nicht hin“, sagte Kolbe. Das Unternehmen hatte sich deutlich für den Standort an der Hochstraße ausgesprochen. Auch verkehrstechnisch seien die Flächen an der Nibelungenstraße die ungünstigere Alternative. Denn die Autos müssten dann über die sowieso schon stark belastete Münchner und über die Allacher Straße fahren. Für die Pläne an der Hochstraße hat die Gemeinde hingegen inzwischen eine Zusage vom Straßenbauamt bekommen, dass eine Erschließung über die Bajuwarenstraße und damit eine Entlastung der Hochstraße möglich wäre, berichtete Kolbe.

„Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich Artdeco auch lieber an einer ganz anderen Stelle gehabt hätte“, spielte Kolbe auf den verlorenen Bürgerentscheid zum geplanten Gewerbegebiet im Grünzug an. „Der Gemeinde sind nun einfach die Hände gebunden.“ Gleichzeitig betonte er, dass er an dieser Entscheidung nicht mehr rütteln werde. Die Bürgerinitiative könnte sich das allerdings sehr wohl vorstellen. „Hätten die Karlsfelder damals zwischen den Alternativen Grünzug oder Erholungsgebiet entscheiden müssen, wäre der Bürgerentscheid mit Sicherheit anders ausgefallen“, sagte Antonie Müller. Die neue Bürgerinitiative spielt mit dem Gedanken, ein Bürgerbegehren anzustoßen und dadurch die Flächen an der Schleißheimer Straße wieder ins Spiel zu bringen.

Zunächst einmal mussten die Vertreter der BI aber wenige Stunden später dabei zusehen, wie der Gemeinderat den Bebauungsplan für das Gebiet an der Hochstraße aufstellte. Eine Entscheidung, die nicht weiter hinausgezögert werden könne, sagte Kolbe. Doch auch im Gemeinderat sorgte das Thema trotz langer Vorberatung im Bauausschuss für eine zweieinhalbstündige Diskussion.

Zahlreiche Karlsfelder waren gekommen, um mitzuverfolgen, wie und mit welchen Argumenten das von ihnen gewählte Gremium entscheidet. Sie alle erlebten einen handfesten Streit mit. Und das, obwohl sich die Gemeinderäte im wichtigsten Punkt einig sind: Sie wollen Artdeco in Karlsfeld halten. Dennoch stimmten die drei Bündnis-Mitglieder Mechthild Hofner, Marco Brandstetter und Peter Neumann letztendlich gegen die Änderung des Flächennutzungsplans an der Hochstraße. Denn auch aus ihrer Sicht wäre die Fläche beim Heizkraftwerk städtebaulich besser geeignet für Gewerbe. Dem Vorschlag, Artdeco an der Hochstraße unterzubringen, hätte das Bündnis mit großen Bauchschmerzen zugestimmt, betonte Fraktionssprecherin Hofner. Den weiteren zwei Hektar allerdings nicht. Diese seien aber notwendig, um die Verkehrsanbindung über die Bajuwarenstraße zu gewährleisten, sagte Kolbe.

„Wenn Karlsfeld jetzt nichts tut, ist Artdeco weg“, appellierte Dag Hogh-Binder (CSU) an seine Kollegen, den Wunsch des Unternehmens nach dem Standort an der Hochstraße zu berücksichtigen. „Wir können uns von Firmen nicht die Entwicklung in unserer Gemeinde vorschreiben lassen“, schoss Peter Neumann zurück. Eleonore Haberstumpf (Bündnis) stimmte zwar für die Pläne des Gemeinderats, bezeichnete den Appell Dag Hogh-Binders als „klare Absage an die Demokratie“. Ein Angriff, den er nicht erwartet habe und nicht akzeptieren könne, sagte der CSU-Gemeinderat. Er verließ nach der Abstimmung die Sitzung.

(kwo)

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