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Winterlust: das Sinfonieorchester Karlsfeld unter Leitung von Bernhard Koch.

Sinfonieorchester Karlsfeld

Aus Winterfrust wird Winterlust

Tolles Orchster, toller Solist: Das „Konzert im Advent“ des Karlsfelder Sinfonieorchesters begeisterte das Publikum.

Karlsfeld – Den einen oder die anderen mag der Schnee am Nachmittag und der folgende Matsch auf den Straßen davon abgehalten haben, sich aus der warmen Stube ins Bürgerhaus aufzumachen. Wer es trotzdem tat, wurde eindeutig belohnt: mit viel innerer Wärme und echter vorweihnachtlicher Freude. Das Karlsfelder Sinfonieorchester schaffte es bei seinem „Konzert im Advent“, „dass aus Winterfrust Winterlust wurde“ – so wie es der Wunsch des Dirigenten Bernhard Koch war.

Gleich zu Beginn verbreitet die Ouvertüre zur Oper „Die heimliche Ehe“ von Domenico Cimarosa eine beschwingte Stimmung, die auch von der Spielfreude des Orchesters ausgeht. Und das Andante aus Joseph Haydns Sinfonie Nr. 101, „Die Uhr“, lässt angenehme Gefühle aufkommen durch die gleichmäßige, beruhigende Simulation des Uhrentickens der zupfenden 2. Geigen und der Celli. Manches bedrohliche Ticken löst sich wohlwollend in Dur wieder auf und lässt pure Gelassenheit zurück.

Wie im richtigen Leben wechseln sich auch in Franz Schuberts Sinfonie „Die Tragische“ (in c-Moll) betrübliche Elemente mit erleichternden Phasen ab. Schubert selbst hat die Namensgebung seiner Sinfonie im Sinne von „aufgewühlten Momenten“ erläutert. Das ist herauszuhören im zweiten Satz, dem Andante, wenn es in Halbtönen mühsam aufwärts geht und dann in wohltuender Harmonie endet.

Wie Bernhard Koch sein Orchester führt, zeigt sich auch an dieser Stelle: Die Schlussakkorde wollte er nicht zu kräftig. Es reicht eine dämpfende Geste mit der linken Hand – und die Violinen spielen ganz zart.

Dieses Konzert am 2. Advent hat so gar nichts von getragenen alpenländischen Adventsmusik-Nachmittagen oder barocken Festabenden. Es ist klassisch und modern, besinnlich und lustig. Und es ist europäisch. Den ersten Teil des Abends beschließt die „Christmas Overture“ von Samuel Coleridge-Tayler, einem englischen Komponisten. Mit allem, was Weihnachten aufzubieten hat, wird hier aufgespielt, mit Pauken und Trompeten und jubelnden Geigen.

Der zweite Teil beginnt mit einem weiteren Europäer, dem norwegischen Komponisten Johan Halvorson und einigen Sätzen aus seiner „Suite ancienne“. Will man das mit „alt“ oder gar „ältlich“ übersetzen, wird man dieser frischen, aufmunternden Musik nicht gerecht. Eher trifft es „von früher“. Der fünfte Satz, der Bourrée, der filigran beginnt und sich dann fulminant steigert, erinnert an schottische Tänze. Man sieht förmlich den kleinen Lord und die Bediensteten auf dem Schloss seines gräflichen Großvaters beim Weihnachtsfest herumhüpfen. Das fährt auch den Kleinsten an diesem Abend in die Beine, und sie tanzen fröhlich auf dem Platz vor der ersten Reihe.

Auch in diesem Konzert darf sich das Orchester auf die Zusammenarbeit mit einem Instrumentalsolisten freuen: Relja Kalapis. Der 21-Jährige ist seit 2015 Student an der Hochschule für Musik und Theater München in der Fagottklasse von Dag Jensen. Er ist gebürtiger Belgrader. Und seit Sonntag ein Liebling der musikinteressierten Karlsfelder und vermutlich vor allem der Karlsfelderinnen.

Da kommt er auf die Bühne, locker, lächelnd, begrüßt die erste Geigerin Claudia Barth und legt los, das schwere Fagott lässig in den Händen. Manchmal hat man ja bei jungen Musikern etwas Sorge, bangt mit ihnen und ihrem Lampenfieber. Bei Relja Kalapis nicht. Er spielt selbstbewusst und souverän dieses Konzert in d-Moll für Fagott, Streicher und Basso continuo von Antonio Vivaldi (am Cembalo Halina Bertram, Cello: Hilke Kristiansen), vom ersten Ton bis zum letzten, bei den schnellsten Passagen und in den ruhigen tiefsten Schichten. Das Zusammenspiel von Solist, Dirigent und Orchester ergänzt sich aufs Beste. Es macht allen sichtlich Spaß.

Genauso wie dem Publikum: Das klatscht Relja Kalapis dreimal raus, anerkennende Pfiffe und Bravo-Rufe dazu. Aber leider, leider gibt es von ihm keine Zugabe. Von den restlichen 36 Fagott-Konzerten, die Vivaldi geschrieben hat, wäre doch wenigstens noch eines drin gewesen.

Aber auch mit dem abschließenden Walzer von Franz Lehár „Gold und Silber“ wippt man beschwingt mit bei den ersten dreiviertel Takten. Die einzige Zugabe ist dann die „Winterlust“ von Joseph Strauss. Und die hält tatsächlich an, sogar beim Heimweg auf den rutschigen Straßen. Frust ade.

Elfriede Peil

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