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Von wegen Mythos: Emil existierte wirklich.

Vor 50 Jahren verschwand ein Krokodil im Karlsfelder See

Karlsfelds Nessie heißt Emil

Der bislang zweifelsohne berühmteste Karlsfelder hieß Emil, war 1,30 Meter lang, hatte vier Beine, ein veritables Raubtiergebiss und starb vor genau 50 Jahren einen langen und wohl auch qualvollen Tod. In der Geschichte der Gemeinde wird der Kaiman immer seinen Platz haben, Emil ist gewissermaßen unsterblich. Doch eines ist er nicht: ein Mythos.

Karlsfeld – In den Tiefen des Loch Ness lebt schon seit Jahrtausenden ein Ungeheuer – sagt die Legende. Ein riesiges, einem Wassersaurier ähnliches Tier. Der Karlsfelder See ist einganzes Stück kleiner als der dunkle, mystische See inmitten der schottischen Highlands. Entsprechend geringer fallen auch die Ausmaße des dortigen See-Ungeheuers aus. Doch der maßgebliche Unterschied zwischen Nessie und Emil ist: Emil existierte tatsächlich.

Es ist sicher und verbrieft: Im Sommer vor genau 50 Jahren verschwand ein etwa 1,30 Meter großer Kaiman im Karlsfelder See. Und ward nie wieder gesehen.

„Das so etwas passiert, hat sich keiner vorstellen können“, sagt Ilsa Oberbauer vom Karlsfelder Heimatmuseum. Es verwundert daher nicht, dass mancher die Geschichte vom Karlsfelder Kaiman für eine Erfindung hielt.

Und hält. Ilsa Oberbauer: „Sogar heute noch glauben viele alte Karlsfelder nicht, dass Emil existierte!“ Doch die putzige Panzerechse, die der damals 22 Jahre alte Dachauer Klaus Hager in einem Kaufhaus (!) erstanden und mit nach Hause genommen hatte, ist keine Sagengestalt.

Das Leben in Terrarium und Badewanne allein war für Emil nicht das Gelbe vom Ei. Weshalb Hager seinen Exoten an heißen Tagen immer wieder mal mit an den See zum Schwimmen nahm. „Zur Abkühlung“, betonte Hager stets. Und dass Emil dabei stets angeleint gewesen sei. An jeden Sommertag vor 50 Jahren aber fehlte die Leine oder sie wurde durchtrennt.

Was dann geschah, hat der Mundartdichter Gerhard Winkler zusammen gefasst:
S’Herrle hat sie no im Schatten

vor dem Bad a weng verschnauft

s’Krokodil kanns net derwarten

springt ins Wasser und dasauft

Hausechse Emil ist schicksalhafterweise wohl zu weit abgetaucht. In etwa sechs Metern Tiefe hat der Karlsfelder See selbst im Hochsommer selten mehr als zwölf Grad. Für den bedauernswerten Kaiman war das schlicht zu kalt. Wegen der viel zu niedrigen Temperaturen setzte die Kältestarre ein. Des Reptils Herz schlug seltener und seltener und dann gar nicht mehr. Etwa drei Monate, so schätzte Hager, habe es gedauert, bis Emil in den Tod gedämmert war.

Mit Emils Abtauchen bzw. Ableben nahm die tierische Geschichte erst so richtig Fahrt auf. Deutschlandweit berichtete die Presse über Emil, titelte zum Beispiel „Ein Dorf zittert vor einem Krokodil“. Sogar die Tagesschau und eine thailändische Zeitung erzählten vom bayerischen Krokodil.

Höchst kuriose Kapitel folgten in der außergewöhnlichen Tierstory. Badegäste berichteten über angebliche Begegnungen mit dem Ungeheuer von Loch Karlsfeld, präsentierten als Beleg sogar Biss- und Kratzspuren. Andere bestatteten einen angeschwemmten 40-Pfund-Karpfen, den Emil angeblich ins Jenseits befördert hatte. Um den womöglich ja noch lebendigen Exoten zu fangen, wurden Fachleute konsultiert, von Prof. Bernhard Grzimek über den Hellabrunner Tierparkdirektor bis hin zum Krokodilexperten aus Ägypten (tatsächlich wurde nach Emil getaucht). Der Verein der Emil-Geschädigten setzte ein Kopfgeld von 10 000 Mark aus (wertloses Inflationsgeld allerdings), andere schickten Droh- und Protestbriefe an Hager und die Gemeinde, die das Viech doch bitteschön im Sinne der Sicherheit für die Badenden einfangen müsse.

Emil blieb verschwunden. Auch Überreste fanden sich nie. Vermutlich deshalb verwandelte sich Emil im Laufe des Jahres zunehmend in eine Fiktion.

Ilsa Oberbauer tritt dem nach wie vor mit Vehemenz entgegen. Emil hat gelebt und starb einen traurigen Tod. Und der Kaiman bleibt bis auf Weiteres der berühmteste Karlsfelder. tol/kwo

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