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Hoffen bis zuletzt: Sozialpädagogin Gisella Gigliotti, Schulleiterin Petra Weindl, Maxi Grill und Mutter Svenja Grill (von links).

"Tragödie, wenn Schule schließt"

Bamberger-Schule vor dem Aus

Karlsfeld - Die Dr.-Elisabeth-Bamberger-Schule in Karlsfeld steht vor dem Aus. Doch was passiert mit den rund 60 Kindern, die als "nicht beschulbar" gelten?

Maxi ist erst 13 Jahre alt. Doch er hat schon viel durchgemacht. Weil er unter ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) leidet, konnte er nicht wie andere Kinder in den Kindergarten gehen, eine Grund- und eine weiterführende Schule besuchen.

Maxi war von Anfang an anders, erzählt Mama Svenja Grill. „Er konnte bereits mit neun Monaten laufen, war sehr aktiv. Mit 18 Monaten ging ich mit ihm in die Frühförderung, und da wurde schon klar, dass er nicht in einen normalen Kindergarten gehen kann.“ Deshalb besuchte der kleine Maxi zunächst einen Integrationskindergarten in seiner damaligen Heimat Hallbergmoos. „Er hat andere Kinder geschlagen und gebissen. Es gab immer wieder Unfälle, weil er zum Beispiel mit Steinen geworfen hat.“ Dennoch kam er zunächst auf eine Regelschule – unter der Einnahme von Medikamenten schaffte er es bis in die zweite Klasse.

Doch dann gab es mehrere Vorfälle. Svenja Grill wurde mitgeteilt, ihr Sohn sei „nicht tragfähig“. Maxi wurde in die Heckscher Klinik nach München eingeliefert, blieb etwa acht Wochen. Währenddessen erlitt Svenja Grill selbst einen Zusammenbruch, konnte sich nicht um Maxi kümmern. Deswegen zog er nach dem Klinikaufenthalt ins SOS-Kinderdorf nach Eichstätt.

Zwei Jahre lang wohnte er dort. Dann ging seine Mutter mit ihm nach Dachau, die beiden kamen sich wieder näher. Maxi kam auf die Dr.-Elisabeth-Bamberger-Schule, ein Angebot für Kinder und Jugendliche, die wegen ihrer sozial-emotionalen Entwicklung einer sonderpädagogischen Förderung und heilpädagogischen Betreuung bedürfen. Seitdem geht es bergauf. „Er weiß nun seine Aggression umzuwandeln und läuft nicht mehr wie ein Haudegen durch die Gegend, macht Mobilar kaputt oder schlägt seine Mitschüler“, sagt Mama Svenja, die auch Elternbeiratsvorsitzende ist.

Maxi ist Klassensprecher, spielt Fußball beim TSV Dachau 1865. „Er ist jetzt teamfähig, findet Lösungen, ist kreativ. Ohne diese Schule wäre das nicht möglich gewesen.“ Nach der neunten Klasse könnte Maxi seinen Mittelschulabschluss machen. Aber wird es die Schule da noch geben?

Rund 60 Kinder besuchen derzeit das private Förderzentrum. Nach Meinung von Svenja Grill könnten vielleicht fünf davon im Falle der Auflösung eine Regelschule besuchen – darunter Maxi. Für alle anderen müsste ein Platz an einer anderen Förderschule gefunden werden. Doch das ist bei diesen Kindern nicht einfach.

„Wir haben gerade in diesem Schuljahr sehr schwierige Fälle bekommen. Wir machen uns Sorgen. Wo sollen diese schwer traumatisierten Kinder hin?“, fragt Schulleiterin Petra Weindl. Die Schüler hätten häufig Bindungsstörungen.

„Wir haben Drittklässler, die haben schon drei verschiedene Schulen besucht. Meistens sind wir die Ersten, die ihnen Stabilität geben. Hier sind Leute, die halten die Kinder aus und machen weiter. Das sind sie nicht gewohnt“, berichtet der stellvertretende Schulleiter Rainer Cox. „Wenn die Schule schließt, ist das eine Tragödie für die Kinder, deren Familien und auch für uns als Team, denn unsere Arbeit ist mehr als sinnvoll“, sagt Schulleiterin Weindl. So sinnvoll, dass fast täglich Anfragen wegen eines Schulplatzes kommen. Auch jetzt noch.

„Wir bräuchten nur mehr Platz, dann könnten wir zwei weitere Gruppen bilden.“ Aber es sieht nicht gut aus. Der Mietvertrag ist gekündigt, denn der Freistaat übernimmt die Mietkosten nur zu etwa 70 Prozent, wie der Trägerverein jetzt, vier Jahre später, erfuhr. Das ist einer von drei Gründen für die Aufgabe der Trägerschaft.

Die anderen sind die hohen Rückbaukosten in den Mieträumen in der Ohmstraße in Karlsfeld sowie die hohen Organisations- und Verwaltungskosten, die der Freistaat nicht übernimmt, berichtet Norbert Blesch von Kinderschutz München.

Die Regierung von Oberbayern sieht das Problem beim Verein Kinderschutz. Als vor einigen Jahren die Dr.-Elisabeth-Bamberger-Schule in der Dachauer Hermann-Stockmann-Straße aufgegeben und Neubaupläne nicht umgesetzt wurden, stand die Lehranstalt schon einmal vor dem Aus. „Um den Schulbetrieb sichern zu können, wurde der Träger schon damals staatlich unterstützt. In diesem Rahmen wurde der Mietzins für die kurzfristig zur Unterbringung der Schüler angemieteten Objekte für eine Übergangszeit von zwei Jahren als Notlösung in voller Höhe refinanziert, obwohl der Mietzins in zwei Gebäuden über der ersatzfähigen ortsüblichen Vergleichsmiete lag“, erklärt Michaela Krem von der Regierung von Oberbayern.

Sie sieht für die Schule schwarz. „Eine Fortführung der Übergangslösung wäre haushaltsrechtlich nur vertretbar, wenn der Träger ein tragfähiges Konzept für eine dauerhafte Unterbringung der Schule vorlegen würde. Dies ist bislang nicht erfolgt.“

Dennoch hoffen Schüler, Eltern und Lehrer auf Rettung in letzter Minute. Dafür nötig wären: ein neuer Träger und neue Räume. Svenja Grill will dafür kämpfen. Zusammen mit den anderen Eltern will sie Briefe an die Regierung von Oberbayern schreiben. Auch eine Demonstration und eine Petition sind angedacht. Die Eltern geben nicht auf – für die Schule und für ihre besonderen Kinder.

sue

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