Aus der Versenkung geholt haben (v.l.) Nikolaus Wachsmann, Rebecca Boehling, Sybille Steinbacher und Bernd Weisbrod die Geschichte der Konzentrationslager. foto: dg

Der Weg in die Katastrophe

Dachau - Was vielen Menschen nicht in Erinnerung ist, versuchte das 14. Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte in die Köpfe zurückzubringen: Die Konzentrationslager waren ursprünglich errichtet worden, um die linke Opposition mit Gewalt zu zerschlagen. Ihre Funktion im „Rassekampf“ erlangten sie erst später.

Am 21. März 1933 verkündet Heinrich Himmler im Völkischen Beobachter die Errichtung des Dachauer Konzentrationslagers. „Ohne Rücksicht auf kleinliche Bedenken“ und „zur Beruhigung der nationalen Bevölkerung“ habe man diese Entscheidung getroffen, so Himmler. Entgegen der weitläufigen Erinnerung sind die frühen Lager zu diesem Zeitpunkt noch kein Instrument zur Durchsetzung der Rassenpolitik. Das NS-Regime errichtete die frühen Lager, um die linke Opposition mit Gewalt zu zerschlagen. Diesem Thema widmete sich jetzt das 14. Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte - mit einem deutsch-englischen Brückenschlag.

Sybille Steinbacher, die das Symposium im Jugendgästehaus nun im zweiten Jahr leitet, hat sich Unterstützung aus London gesucht. Der aus München stammende und an der Londoner Birkbeck University lehrende Historiker Nikolaus Wachsmann trat in diesem Jahr als Mitveranstalter auf. Unter dem Titel „Die Linke im Visier“ untersuchten Historiker aus verschiedenen Nationen den Terror gegen Links zum Ende der Weimarer Republik und die Strategie der Nationalsozialisten zur Zerschlagung der Oppositionellen nach der Machtergreifung 1933.

„Zu Beginn rechneten viele noch damit, die politischen Stürme überstehen zu können“, erklärt Wachsmann in seiner Einführung. Doch Hitler hatte sich zum Ziel gesetzt SPD wie KPD zu vernichten - „und er hielt sein Wort“, bilanziert der Lagerexperte. Dazu benötigte das Regime ein geeignetes Unterdrückungsmittel, die Idee des Konzentrationslagers entstand. „Sie mussten die Lager erst erfinden“, so Wachsmann, „um damit eine politische Botschaft mit offiziellem Anstrich zu verbreiten.“ Diese Botschaft war: Widerpruch und Widerstand werden nicht geduldet.

Dass sich die Lager nach dem Sieg über die linke Opposition vorübergehend wieder leerten und nur durch Himmlers Einsatz die spätere Funktion zur Vernichtung und zum „Rassenkampf“ übernahmen, sei in den vergangenen Jahren der Forschung ein wenig aus dem Blick geraten, findet Wachsmann. Deshalb habe man sich zum 80. Jahrestag der Eröffnung des Dachauer Lagers dazu entschlossen, diesen Aspekt „wieder aus der Versenkung zu holen“, wie Sybille Steinbacher erklärt.

Die Beiträge reichen von Mitarbeitern der KZ-Gedenkstätte über Historiker aus York und London bis nach Jerusalem. Kim Wünschmann etwa präsentierte etwa die Ergebnisse ihrer in Israel angestellten Forschungen zu jüdischen politischen Häftlingen im frühen Lager Dachau, die demnächst als Buch erscheinen werden. Unter den engagierten und aktiven Teilnehmern befanden sich neben vielen Historikern, Studenten und Dachauer Lehrern auch Gäste des israelischen „Massuah Institute for Holocaust Studies“.

In der abschließenden Podiumsdiskussion formulierten die Historiker noch einmal die Tagungsergebnisse. Etwa die These Bernd Weisbrods: Er ist der Ansicht, dass die Möglichkeit zur Gewalteingrenzung da gewesen wäre, sich das Bürgertum jedoch in großen Teilen mit dem harten Vorgehen von SS und SA abgefunden hatte. Durch die alltägliche Gewalt in den Straßen sei „jeglicher moralische Kompass verloren gegangen“, so der emeritierte Professor. „Die nationalsozialistische Ideologie war die Mobilisierung des inneren Schweinehunds.“

Diesen Ansatz führt Richard Bessel fort: „Die Bevölkerung war der Meinung, die Nazis würden schon aufräumen“, so der Professor aus York, „das hat schließlich den Weg in die Katastrophe eröffnet“.

Wie so häufig in der Geschichtsforschung fassen die Teilnehmer auch hier zusammen: Es gibt keine einfachen Erklärungen. „Die Differenzierung ist wichtig“, betont Steinbacher nach den Vorträgen. Zu einer differenzierten Betrachtung will das Symposium jährlich seinen Beitrag leisten. Und dabei auch „kleinliche Bedenken“ nicht außer Acht lassen.

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