Konrad Eggert chauffierte sogar Wilhelm II.

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Dachau - Wenn Konrad Eggert mit dem Auto durch Dachau gefahren ist, haben sich sofort alle nach ihm umgedreht. Denn Eggert steuerte das erste Auto.

10 000 Goldmark zu besitzen - davon konnten die meisten Dachauer nur träumen. Mit 10 000 Goldmark hätten sie ausgesorgt gehabt, sie hätten sich von dem Geld einen großen Gutshof kaufen können. Die Wirtsleute vom Zieglerbräu hatten 10 000 Goldmark - doch die investierten sie weder in einen Gutshof, noch legten sie sie auf die hohe Kante. Stattdessen kauften sie sich 1905 ein Auto. Genauer gesagt: einen französischen Luxuswagen. Er war vor 110 Jahren das erste Auto in der Stadt.

Ein Dach hatte es nicht, genauso wenig wie elektrische Lichter, Stoßdämpfer und ein Kennzeichen, das auf Dachau zugelassen war. Statt DAH stand II B auf dem Nummernschild vorne am Wagen. Die Kombination steht für Bezirk Oberbayern, genauere örtliche Unterteilungen waren nicht nötig, denn den Führerschein machten damals sowieso nur absolute Visionäre.

Konrad Eggert war so ein Visionär. Er stammte aus Dünzelbach, einem kleinen Dorf im Landkreis Fürstenfeldbruck. Eggerts Eltern betrieben dort eine Waffen- und Hammerschmiede, er wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Die große Welt war weit weg, trotzdem hatte er einen Traum: Auto fahren. Als 18-Jähriger meldete er sich in München bei der Fahrschule an und bestand im Jahr 1905 beim Automobiltechnischen Bureau Ernst Libotte die Führerscheinprüfung. Bei seiner ersten Fahrt nach der Prüfung war die halbe Familie dabei, vom Großvater bis hin zu seinen Brüdern saßen alle zum ersten Mal in einem Auto. Ganz in Chauffeursmanier mit langem Mantel, Mütze und Brille kutschierte er seine Familie nach Hause.

Das Autofahren gefiel Eggert. „Autos waren sein Ding, er ist auf motorisierte Fahrzeuge gestanden“, erinnert sich sein jüngster Sohn Karl Eggert. Nur einen eigenen Wagen konnte er sich nicht leisten. Doch da kam seine andere Leidenschaft ins Spiel: das Schießen. Konrad Eggert war ein begeisterter Schütze, mit dem Radl ist er von München bis Augsburg überall zum Schießen hingefahren. Durch den Schießsport verschlug es ihn nach Dachau. Dort bewarb er sich beim Zieglerbräu erfolgreich als Jagdaufseher und Chauffeur. Örtliche Honoratioren, Künstler und sogar Ludwig Thoma hat Konrad Eggert mit dem luxuriösen französischen Wagen zur Jagd gefahren.

„Man ist gemütlich gefahren. Wenn er ruckartig gefahren wäre, hätte sich die Obrigkeit beschwert“, erzählt sein Sohn Karl Eggert. Die Straße zwischen Dachau und München war noch ein Feldweg, auf dem man mit rund 50 Kilometer pro Stunde unterwegs war. Noch langsamer musste Konrad Eggert oft in den Dörfern fahren. Als Fahrer war er dort zwar eine Respektsperson, viele Leute beneideten ihn aber auch.

Einmal ist er im Schneckentempo durch einen kleinen Ort im Landkreis gefahren. Irgendjemand war so neidisch, dass er während der Fahrt auf Eggert losgegangen ist und ihm das Nasenbein gebrochen hat. Die Leute im Dachauer Land hat Konrad Eggert trotzdem gemocht: „Dachau hat er immer geliebt“, sagt sein Sohn. Sein Vater war sehr engagiert bei der Königlich Privilegierten Feuerschützengesellschaft Dachau und wurde sieben Mal hintereinander Schützenkönig. Im Dachauer Moos ging er gerne auf die Jagd.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde Konrad Eggert als Kraftfahrer einberufen. In Frankreich sollte er wichtige Persönlichkeiten, Generäle und hohe Offiziere chauffieren. Sogar Kaiser Wilhelm II. hat er im Krieg gefahren. Kurz vor Kriegsende meldete sich Konrad Eggert freiwillig, um mit gehisster weißer Fahne Parlamentäre durch die Frontlinie hindurch zu Friedensverhandlungen zu fahren. Alles ging gut. Konrad Eggert überstand den Krieg ohne schlimme Verletzungen.

Danach machte er ein Landmaschinengeschäft in Mammendorf (Kreis Fürstenfeldbruck auf). Die Zeit als erster Autochauffeur in Dachau hat er aber sein ganzes Leben lang nicht vergessen. Immer wieder hat er die dortige Försterin besucht, und jedes Jahr ging er mit seiner Familie auf das Dachauer Volksfest. Dann hat er seinen Kindern den Zieglerbräu gezeigt. „Schaut, das war mein Fenster“, hat er jedes Jahr zu ihnen gesagt.

Konrad Eggert starb im März 1970 im Alter von 82 Jahren.

(cla)

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