Jetzt oder nie: Elke Schäl arbeitet die kommenden Monate in einem Krankenhaus in Pakistan. foto: np

Kreißsaal-Einsatz im Krisengebiet

Dachau - Elke Schäl verlässt für neun Monate ihre Hebammenpraxis. Für eine große Spende: Sie spendet ihre Arbeitskraft an ein Krankenhaus in Pakistan.

Elke Schäl tauscht ein Leben in Wohlstand gegen eines inmitten der Armut, verlässt Luxus und Überfluss. Um etwas weiterzugeben. Jetzt oder nie, hat sie sich gedacht, sie hat das Können, die Fähigkeiten, die Lebenserfahrung. All dies wollte Elke Schäl auch einmal anderswo einbringen. Nicht nur in ihrer Hebammenpraxis in Petershausen. Sondern irgendwo, wo sie wirklich gebraucht wird. Und nun hat sie die Möglichkeit dazu. Denn sie geht nach Pakistan. Neun Monate wird sie dort für Ärzte ohne Grenzen arbeiten. In einem Krankenhaus in der Stadt Chaman, direkt an der Grenze zu Afghanistan.

Ein Krisengebiet. „Ich betrachte das als Zeitspende“, sagt Elke Schäl. Sie sitzt in ihrer Hebammenpraxis in Petershausen, die Wände sind sonnenstrahlengelb gestrichen, und auf ihnen hängt die lachende Sonne selbst. Alles strotzt nur so von Freundlichkeit, Fröhlichkeit, Glück. So ist das eben bei einer Hebamme. Sie ist umgeben von Menschen, die voller freudiger Erwartung eines neues Lebens sind - eines neuen Lebens voller Glücksgefühle und Verzückung. „Es ist ein schöner Job“, sagt Elke Schäl. „Auch wenn es mal Probleme gibt - wir sind immer an einem Anfang. Er nimmt immer ein positives Ende.“

Jedenfalls hier in Deutschland, wo die Kindersterblichkeit „kein Thema ist“, sagt Elke Schäl. „Wir sind reich und hochentwickelt. Hier werden die Frauen im Kreißsaal gehätschelt und getätschelt.“ Was nicht schlimm ist, fügt sie schnell hinzu - aber in Pakistan ist das eben anders. Die Schwangeren kommen dort erst kurz vor der Geburt ins Krankenhaus, und sie bleiben nicht dort. „Jeder, der gehen kann, geht wieder“, erklärt Elke Schäl. Das Leben dort ist anders. Schon die Voraussetzungen dafür. Wie bei der Kindersterblichkeit. In Pakistan sterben von 1000 Neugeborenen etwa 80. In Deutschland sind es vier - mit eingerechnet die ganz kleinen Frühchen. „Ich werde mich umgewöhnen müssen“, sagt Elke Schäl.

Dafür ist sie bereit. Dabei war sie zunächst einmal schockiert, als das Angebot ins Haus flatterte. Sie hatte sich bei Ärzte ohne Grenzen beworben. Denn: „Jeder sollte einmal im Leben etwas Gutes tun“, findet Elke Schäl. Sie hatte schon lange mit dem Gedanken gespielt. Doch es kam immer etwas anderes dazwischen: Erst ihre beiden Kinder, dann die Praxis, die aufgebaut werden musste. Doch jetzt sind die Kinder groß, die Praxis etabliert, Elke Schäl ist 50 Jahre alt, und dachte sich: Später bin ich vielleicht zu alt dafür. Ihr Mann steht hinter ihr - nicht nur, weil er es akzeptiert, sondern weil er es versteht.

Und so musste die erfahrene Hebamme zum Vorstellungsgespräch. Sie wurde sofort akzeptiert und dann international bei allen Stationen der Ärzte ohne Grenzen angeboten, erzählt die Petershauserin. „Das geht manchmal schnell, manchmal dauert es aber auch lange, bis man ein Angebot bekommt.“ Bis eine Stelle in der Welt genau solch eine Person mit genau solchen Kenntnissen brauchen kann. Bei Elke Schäl ging es sehr schnell: Im November kam der Brief: Das Krankenhaus in Chaman braucht Hebammen. Ende Januar kann es losgehen. Und Elke Schäl musste erst einmal schlucken. Jetzt? Nach Pakistan? Wo Terroranschläge, Gewalt und die Todesstrafe derzeit die Schlagzeilen bestimmen? Dann sprach sie mit einem Bekannten, der bereits im Ausland im Einsatz war. Er sagte nüchtern: „Solch ein Einsatz ist immer in einem Krisengebiet.“ Und Elke Schäl wurde plötzlich klar: Irgendeinen Grund dagegen wird sie jedes Mal finden. Natürlich hätte sie das Angebot ablehnen können, auch das nächste, und auch das übernächste. „Wer möchte, findet Wege - und wer nicht möchte, der findet Argumente“, sagt sie heute. Also hat sich Elke Schäl dafür entschieden.

Für Chaman. Eine Stadt, in der mehr als 100 000 Menschen leben, darunter viele afghanische Flüchtlinge. Im Bezirkskrankenhaus in Chaman bieten die Ärzte ohne Grenzen Geburtshilfe, Neugeborenen-Versorgung und eine Notaufnahme an. Das Krankenhaus ist für die breite Masse der Menschen in der Stadt Chaman die medizinische Anlaufstelle. Elke Schäl wird dort also nicht die einzige Hebamme sein, nein, dort arbeiten schon einige einheimische Hebammen. Sie sind ausgebildet, „das wird kein Laien-Unterricht“, sagt Elke Schäl. Doch sie soll die Teams schulen, Strukturen ändern, Prozesse optimieren. Also den heimischen Hebammen dabei helfen, ihre Arbeit zu verbessern.

Genau dafür wurde sie perfekt vorbereitet, das will sie auf jeden Fall „lobend erwähnen: Die Ärzte ohne Grenzen sind optimal strukturiert.“ Elke Schäl musste einige Online-Seminare absolvieren, auf Englisch. Vor ihrem Abflug bekommt sie eine fünftägige Fortbildung, außerdem noch eine persönliche Einweisung. Es gab schon Video-Telefonate über den Internetdienst Skype mit den Helfern in Chaman. Dabei hat sie schon ihr zukünftiges Wohnzimmer gesehen und ihre Mitbewohner kennengelernt. Denn Elke Schäl wird mit fünf anderen Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen zusammen in einem Haus wohnen, das direkt neben dem Krankenhaus liegt.

Das wird ihr Wirkungskreis, ihr Leben, ihr Zuhause sein. Neun Monate lang. Denn alleine darf sie ihr Haus nicht verlassen. Nicht durch die Stadt schlendern, nicht über Märkte bummeln, nicht die Hochebene rund um Chaman erkunden. Elke Schäl wird dort nur ihre Schichten im Krankenhaus arbeiten und ihre gesamte Freizeit im Haus verbringen. Zu ihrer Sicherheit. Chaman ist ein absolutes Krisengebiet, die Sicherheitsstufe ist dort sehr hoch angesetzt. Aber: „Es gibt einen kleinen Hof“, fügt Elke Schäl hinzu. Vielleicht wird sie ab und zu dort draußen sitzen, alleine, in der Sonne, und ihre Ärmel ein wenig über den Ellbogen schieben können.

Denn das ist so eine Sache mit der Kleidung. Aus Respekt vor den Menschen dort wird Elke Schäl Arme und Beine immer bedeckt haben - und ein Kopftuch tragen. „Ich hab’ schon zwei eingepackt, die vielleicht nicht ganz so schrecklich aussehen“, sagt sie und lacht. Die Menschen dort sind überwiegend muslimischen Glaubens. Sie haben ihre eigenen kulturellen Regeln und Gebote. In die wurde Elke Schäl schon eingewiesen. „Händeschütteln gibt es dort nicht“, sagt sie. „Und ich darf den Kindern nicht über den Kopf streicheln.“ Das alles ist sehr wichtig - schließlich soll der erste Kontakt mit den neuen Patienten nicht gleich durch kulturelle Missverständnisse erschwert werden. „Es ist einfach nicht zu vergleichen mit hier“, betont Elke Schäl.

Trotzdem hat sie sich darauf eingelassen. Sicherlich denkt sie auch an all die Gefahren, die dort vielleicht auf sie warten. Sie hat auch schon Vollmachten verfasst, nur für den Ernstfall. „Was man aber eigentlich auch tun sollte, wenn man nicht weg geht“, fügt sie dann hinzu. Aber: Sie will nicht ständig nur an die Gefahren denken. „Denn dann kann man nicht gehen.“

Immerhin hat sie einmal Urlaub, zwei Wochen. In denen will sie aber nicht nach Deutschland zurückkehren, das wäre wohl zu viel auf einmal. Sie wird nach Indien fliegen - und dort ihren Mann treffen. Der ist zwar eigentlich kein Fernreisender, doch für diesen Fall macht er eine große Ausnahme. Wenn sich Elke Schäl und ihr Mann also am 27. Januar verabschieden, dann heißt es: Bis in ein paar Monaten also. Am Taj Mahal.

Jetzt oder nie.

(Nina Praun)

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