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Leisten Kriminalitätsopfern schnelle und unbürokratische Hilfe: Susanne Seßler und Wolfgang Bössenroth vom Weissen Ring Dachau. 

Tag der Kriminalitätsopfer

Der Täter darf lügen, das Opfer nicht

Dachau - Sie sind da, wenn sich die Opfer allein gelassen fühlen. Der Weisse Ring besorgt medizinische Hilfe oder einfach nur: Geld. Am Tag der Kriminalitätsopfer erzählen die Verantwortlichen der Dachauer Außenstelle von ihrer Arbeit. Überraschend ist: Immer mehr Männer suchen Hilfe.

Vor Wolfgang Bössenroth, dem Dachauer Außenstellenleiter des Weissen Rings, stand dieser Mann: zwei Meter groß – und ein Häulein Elend. Ein Ohr halb abgerissen, und in seinem Gesichtausdruck spiegelte sich pure Verzweiflung wider. „Immer wenn sie getrunken hat“, sagt der Hüne zu Wolfgang Bössenroth, „schlägt sie mich.“ Als Bössenroth fragt, warum er zum Weissen Ring gekommen sei, erwidert der traurige Riese: „Was glauben Sie, was passieren würde, wenn ich mich einmal wehren würde. Da wär’ der Teufel los.“ Bössenroth und seine neun Mitarbeiter wissen, wie schwer es für Männer ist, mit einer solchen Lebenssituation klarzukommen. „Das ist eine verrückte Sache, denn: gehen Sie mal mit so einem Mann zur Polizei. Glauben die ihm?“, so Bössenroth. Und: Wohin soll der geprügelte Hüne gehen, um seiner Frau zu entfliehen? Männerhäuser gibt es nicht. Am Ende landete der Mann bei Verwandten.

Immer mehr Fälle mit Männern in der Opferrolle landen hingegen beim Weissen Ring. „Und die Dunkelziffer ist viel, viel höher“, sagt Bössenroths Stellvertreterin Susanne Seßler. Klar: Die Männer schämen sich oder wollen keine Schwächen zeigen. Und: Das Thema ist ein gesellschaftliches Tabu. 

Für Seßler und Bössenroth ist ihre ehrenamtliche Aufgabe mittlerweile ein Halbtagesjob. Sie verwenden „ungezählte Arbeitsstunden“ (Bössenroth) in individuelle Gespräche mit Gewaltopfern sowie dem Organisieren und Koordinieren von ärztlicher, therapeutischer und monetärer Unterstützung. Insgesamt waren es 46 Fälle, die sie 2015 auf dem Tisch hatten (siehe Kasten). Ihr Vorteil ist: Sie können schnell und ohne behördliches Brimborium helfen. Doch eine weitere menschliche Tragödie zeigt die Probleme, die der Opferschutzverein dennoch hat; aber auch die Freude, die der Job mit sich bringen kann. 

Ada Agali (Name geändert) arbeitet in Nigeria in einer Klinik als Krankenschwester, als dieser deutsche Tourist eingeliefert wird. Ada Agali pflegt den Mann gesund. Sie verlieben sich ineinander. Er sei aus dem schönen Bayern, sagt der Mann und überredet die Afrikanerin mit ihm nach Dachau zu kommen. Es ist das Jahr 2012. Anfangs geht alles gut. Es wird Hochzeit gehalten, das Paar bekommt einen Buben. Der Mann scheint glücklich, Ada Agali ist es nicht. Denn ihr Mann zeigt nach und nach sein wahres Gesicht; das eines manischen Kontrolleurs, der über jeden Schritt Adas Bescheid haben möchte. Der Mann beginnt Ada zu schlagen. Immer öfter, immer heftiger. Dachau wird für Ada zur Hölle, ihre Wohnung zum Gefängnis. Nach zwei Jahren flieht sie mit ihrem Sohn ins Dachauer Frauenhaus. Dort bekommt sie Kontakt zum Weissen Ring.

Wolfgang Bössenroth und seine Mitarbeiter kümmern sich fortan um die Nigrianerin. Ärztliche und therapeutische Betreuung, Polizei- und Behördengänge sowie die – nicht eben leichte – Suche nach einer Wohnung folgen. In diesem Zusammenhang erklärt der Opfervereinschef die Schwierigkeiten, auf die der Weisse Ring immer wieder trifft. „Der Nachweis für Straftaten in der Familie ist oft schwer zu führen. Meist ist niemand sonst dabei. Für Richter sind Opfer Zeugen, die zur Wahrheit verpflichtet sind. Der Täter hingegen kann lügen“, so Bössenroth. Dazu kommt, dass die Tat bei Prozessbeginn oft sehr lange zurückliegt. Und vom Opfer wird verlangt, sich in einer großen Stresssituation an alle Einzelheiten zu erinnern. Ein zusätzliches Problem: Die Opfer haben oft ihre Verletzungen aus Angst oder Scheu gar nicht oder erst lange nach der Tat von einem Arzt behandeln lassen. 

Im Fall von Ada Agali ist alles gut geworden. Seit November 2015 lebt sie mit ihrem Sohn, der mittlerweile dreieinhalb Jahre alt ist, in einer eigenen Wohnung. Der Kontakt zu ihrem Mann ist abgebrochen. Vom Jobcenter erhielt sie eine Grundausstattung. Das reichte für nicht viel mehr als ein Bett und einen Tisch. Als Wolfgang Bössenroth und seine Mitstreiter auch hier tätig wurden, waren schwuppdiwupp die Einrichtung und das Glück von Ada Agali komplett.

Der Weisse Ring Dachau ist unter der Telefonnummer 0 81 31/90 87 92 zu erreichen.

Thomas Zimmerly

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