Ort lustiger und kurioser Geschichten: Auch im Winter war die Tankstelle von Biberbach eine wichtige Einrichtu ng für den Verkehr. fotos: bb

Enkel der einstigen Pächter erzählt

Kuriose Geschichten um die frühere Tankstelle Poitner in Biberbach: Hochwürden hatte stets Kredit

Die Tankstelle Poitner in Biberbach gab es von Anfang der 50er Jahre bis 1991. Um den Treffpunkt des Ortes ranken sich viele Geschichten, an die sich der Enkel der einstigen Pächter, Michael Poitner, noch gut erinnern kann – etwa an die ungewöhnliche Benzinpreisbildung, nächtliche Rowdys und Kredite für Herrn Hochwürden.

Biberbach Der Artikel in den Dachauer Nachrichten über die Tankstelle Rabl in Hebertshausen vom Mittwoch, 29. August, hat Michael Poitner aus Biberbach ins Gedächtnis gerufen, wie es bei der Tankstelle seiner Großeltern Anton und Rosalie Poitner zuging. Beide betrieben die Tankstelle von Anfang der 50er Jahre bis zum Jahresende 1991 an der Dachauer Straße in Biberbach. 

Als Bub hat der heute 39 Jahre alte Kunstschmiedemeister beim Tankstellenbetrieb, der sich damals auf rund zehn Tankkunden pro Tag beschränkte, allerhand historisch Interessantes aber auch viel Süffisantes erlebt, das er den Lesern der Dachauer Nachrichten nicht vorenthalten wollte.

Der Kunstschmiedemeister Michael Poitner kann über die Tankstelle seiner Großeltern viel erzählen.

Bei den Poitners wurde anfangs noch aus Fässern von Esso getankt, ab 1953 gab es dann einen 3000-Liter-Tank für Benzin. Die Poitners führten von da an eine Vertragstankstelle von Caltex und später von Chevron, woran die heute noch vorhandenen alten Chevron-Schilder erinnern. In den 60er Jahren wurde die Tankstelle ausgebaut, was zwei neue große Tanks erforderte, die sich heute noch im Untergrund befinden.

Es gab damals schon einen kleinen Waschplatz für Autos, einen Druckluftanschluss und den bei allen Tankstellen üblichen Handhebelmischer für Gemischtbenzin, außerdem ein Ölkabinett. Wenn Kunden zum Tanken kamen, fuhren die Fahrzeuge über einen am Boden liegenden Schlauch, der im Geschäft der Poitners eine Glocke ertönen ließ. Aus der damaligen Werkstätte für Metallbau, die Michael Poitner heute für sein Kunstschmiede-Unternehmen nutzt, kam sodann ein Mitarbeiter oder sein Großvater heraus, um als Tankwart die Kunden mit Sprit zu versorgen.

Die Poitner-Tankstelle wurde bis zum Schluss nie auf Selbstbedienung umgestellt. So war sie für viele Kunden auch ein willkommener Treff zu einem kleinen Ratsch. „Oft war der Kunde 20 Minuten da, um sich mit meinem Großvater oder meiner Großmutter über diverse Neuigkeiten auszutauschen. Ich selbst kann mich an das eine oder andere Trinkgeld erinnern, als ich als Kind bei mancher Gelegenheit selbst Tankwart machen durfte. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die für mich als Kind riesig wirkenden Mähdrescher, welche damals ja alle noch mit Benzin gefahren sind“, erinnert sich Michael Poitner.

Diesel hatte man damals nicht im Angebot, denn diese Art von Kraftstoff hatten die Bauern ja auf ihren Höfen. Und an einige Rowdys, die spät am Abend über die Glockenschläuche fuhren, nur um seinen Großvater zu ärgern und den vor die Türe zu locken, erinnert sich Michael Poitner auch noch gut. „Meist endeten solche Scherze mit einem ärgerlichen Schimpfen des Großvaters, der im Nachtgewand vor die Haustüre geläutet wurde“, weiß der Enkel des damaligen Tankstellenbesitzers. Nachts war die Tankstelle ja offiziell geschlossen, aber keiner der in Benzinnot geraten war und klingelte, sei bei den Poitners abgewiesen worden.

Hochinteressant ist, wie sich die Benzinpreisgestaltung damals vollzogen hat. So mussten die Schlosser im Betrieb Poitner, immer, wenn sie von den Baustellen aus Dachau und München zurückkehrten, den aktuellen Spritpreis an der Tankstelle Rabl in Hebertshausen notieren, „und unsere Tankstelle blieb dann immer einen Pfennig darunter“. Für heutige Verhältnisse unvorstellbar erfolgte auch die Abrechnung. Das Geld blieb tagsüber in einer in einem unverschlossenen Tankhäuschen aufbewahrten Handkasse. Quittungen wurden per Hand ausgestellt, und die Buchführung wurde bis zuletzt handschriftlich in einem Büchlein eingetragen.

Manche Kunden hatten ein eigenes Kreditbüchlein und bekamen monatlich oder quartalsmäßig eine Abrechnung wie beispielsweise die Schloßbrauerei Mariabrunn oder der Vierkirchner Pfarrer Wolfgang Lanzinger, der auch für Biberbach seelsorgerisch tätig war. Auf dessen Büchlein stand ganz groß geschrieben „Herrn Hochwürden Pfarrer Lanzinger“.

So liefert die einstige Tankstelle von Biberbach den Beweis, dass es Zeiten gab, in denen man auch ohne Internet und Digitalisiertung gut und zufrieden lebte.

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