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Ersatztür: Im April 2015 wurde in der KZ-Gedenkstätte Dachau ein rekonstruiertes Metalltor montiert.

Ein Jahr nach dem Diebstahl der Tür 

Die Spurensuche im KZ geht weiter

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Dachau Vor einem Jahr stahlen unbekannte Täter die Eingangstür der KZ-Gedenkstätte Dachau mit der zynischen Inschrift „Arbeit macht frei“. Trotz vieler Fehlschläge gibt die Polizei nicht auf – und eine DNA-Spur macht Hoffnung.

Die Tatzeit: die Nacht von Samstag auf Sonntag, 1./2. November 2014, zwischen 23.45 Uhr und 5.30 Uhr. Die Täter: mindestens zwei Personen, wahrscheinlich eher drei. Das Delikt: Bandenkriminalität – und zwar der ungewöhnlichen Art. Als der Fürstenfeldbrucker Kripo-Chef Manfred Frei an jenem Sonntag von der gestohlenen KZ-Tür erfährt, ist er zwar im Dienst, aber eigentlich mit einem ganz anderen Fall beschäftigt: dem Mord an einer Rentnerin in Erdweg. Ein SEK-Kommando verhaftet just an diesem Sonntag den Täter. Gestern, also ein Jahr später, wurde der 27-Jährige zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die Diebe der KZ-Tür sind noch nicht gestellt. „Trotz des Mords haben wir die gestohlene Tür sofort mit der gebotenen Wertigkeit behandelt“, betont Frei. Er sitzt in seinem kleinen Büro im ersten Stock des Fürstenfeldbrucker Polizeigebäudes. Die Sekretärin reicht Kaffee, und Frei zieht Bilanz über ein Jahr Fahndung. Erfolgloser Fahndung, wie er weiß. „Wir haben derzeit keine erfolgversprechende Spur“, sagt er. Was ihn ebenso ärgert wie den stellvertretenden Leiter des Fürstenfeldbrucker Staatsschutzes, Gerhard Drexl. Die Tür zu einem ehemaligen KZ zu stehlen, „so was macht man einfach nicht“. Dabei haben sie, so versichern die Polizisten, alles versucht. Wirklich alles.

Einmal, im Frühsommer, glaubten sie, ganz dicht dran zu sein. Da signalisierte der Computer einen so genannten Spur-Spur-Treffer – eine DNA-Spur konnte einer Person zugeordnet werden. Und Drexl fuhr nach München. Dazu muss man wissen, dass die Spurensicherung der Polizei noch am vermutlichen Tattag vor dem Eingang zur KZ-Gedenkstätte zwei Zigarettenkippen gesichert hatte. Außerdem Hautschuppen am Flügeltor aus Maschendraht, das nachts vor dem Eingang als Zusatzsicherung verschlossen wird. Die Täter mussten darüber klettern, als sie die fast 100 Kilo schwere schmiedeeiserne Tür darüber hievten.

Erst ortete der Computer aber denjenigen, der vor der Tür geraucht hatte. Der Mann, ein Münchner, war nach dem Einbruch in eine Arztpraxis festgenommen worden. Eine Speichelprobe ergab, dass er die Zigarettenstummel hinterlassen hatte. War er auch der Dieb der KZ-Tür? Die Hoffnung zerstob rasch. Denn der Mann konnte nachweisen, dass er die Gedenkstätte wenige Stunden vor der Tat zusammen mit einer Bekannten aus Spanien besucht hatte. Ein geschichtsinteressierter Einbrecher also. Die Polizei ließ sich von der Spanierin sogar Handyfotos vom KZ-Gelände schicken, ehe sie diese Spur ad acta legte.

Wie so viele weitere. Eine Spur führte nach Schweden: Dort lebt ein gewisser Anders Högström, der früher Rechtsextremist war und hinter einem ganz ähnlichen Diebstahl steckte: 2009 war in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz auch der Schriftzug „Arbeit macht frei“ gestohlen worden. War der damals verurteilte Högström auch jetzt der Auftraggeber? Frei sagt: „Das konnte mit höchster Sicherheit ausgeschlossen werden.“

Der Verdacht gegen rechts aber bleibt. Dass das ehemalige KZ viele stört, merkte der Ermittler, als er sich eine Liste mit Straftaten geben ließ, die in der Gedenkstätte in den vergangenen zehn Jahren verübt worden waren. „Das größte Problem ist die Respektlosigkeit“, sagt Frei. Immer wieder gibt es Schmierereien und Sachbeschädigungen. Oder Besucher zeigen den Hitlergruß. Zwei Mal drangen Unbekannte in die orthodoxe Kirche ein und brachen den Opferstock auf.

Manche Menschen haben auch seltsame Angewohnheiten. Zum Beispiel ein Baden-Württemberger, der kurz vor Mitternacht an der Gedenkstätte vorbeikam und Fotos vom Eingangsbau, dem so genannten Jourhaus, schoss. Weil sich der Mann freiwillig als Zeuge meldete und die Fotos vorlegte, wissen die Polizisten jetzt wenigstens, dass die KZ-Tür am 1. November um 23.30 Uhr noch da war.

Gewisse Hoffnung machten Augenzeugen, die in der Tatnacht einen hellen Kombi-Pkw gesehen haben wollten. Oder war er dunkel? Auch diese Angaben gab es. Mal sprachen die Insassen mit skandinavischem Akzent, mal hieß es, sie seien Polen gewesen. Obwohl die Polizei das Personal von Tankstellen und Schnellrestaurants im Großraum Dachau befragte, Videoaufzeichnungen sichtete, den Augenzeugen Kennzeichen verschiedener Staaten vorlegte, versandete die Spur.

Die Polizei sicherte sich auch die Funkzellendaten im Umkreis der Gedenkstätte. Vielleicht hatte ja ein Täter via Handy Kontakt mit Auftraggebern? Ins Visier gerieten so die Mitglieder einer rechtsextremen „Kameradschaft“ aus der Oberpfalz, die just im September 2014 die KZ-Gedenkstätte aufgesucht hatten. Doch der Abgleich ihrer Handys mit den Funkzellendaten blieb negativ. Die Polizei schickte Taucher in die Amper und andere Flüsse der Umgebung – vielleicht war die Tür ja einfach reingeworfen worden. Offenbar aber nicht.

Ein Bekennerschreiben, das in unserer Dachauer Redaktion eintraf, wurde auf DNA-Spuren überprüft. Wieder kein Ergebnis. Der vorerst letzte Hinweis ging dann im Sommer ein, als ein Praktikant anzeigte, die Tür im Garten seines Chefs gesehen zu haben. Der junge Mann muss nun mit einer Anzeige wegen falscher Verdächtigung rechnen – die Story war frei erfunden.

Bleiben die Hautschuppen an dem Flügeltor aus Maschendraht. Die DNA des gewonnenen Zellmaterials ist in der bundesweiten Analysedatei gespeichert und auch im DNA-Straftäter-Verzeichnis von zwölf europäischen Staaten. Nach jeder Aktualisierung wird die Spur neu abgeglichen – bis jetzt ergebnislos. „Aber das ist heute unsere größte Hoffnung“, sagt Drexl.

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