Vor dem Festakt zur Befreiung 

"Arbeit macht frei": Gestohlenes KZ-Tor wird kopiert

  • Marcus Mäckler
    vonMarcus Mäckler
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Dachau – Die Hoffnung, das gestohlene Tor der KZ-Gedenkstätte Dachau noch zu finden, ist gering. Nun soll eine Kopie den leeren Platz einnehmen. Die Entscheidung des Stiftungsrats hat symbolischen Charakter: Die Diebe sollen nicht triumphieren.

Das Loch klafft wie eine offene Wunde zwischen Stahlgittern – und wenig deutet auf Linderung hin. Seit Unbekannte Anfang November 2014 das historische Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ gestohlen haben, haben die KZ-Gedenkstätte und die Polizei einiges unternommen, um den Tätern auf die Schliche zu kommen. Die Belohnung wurde auf 10 000 Euro erhöht. Der Fall wurde in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ groß verhandelt. Aber bislang fehlt noch immer jede Spur.

Die Wunde klafft, aber die Verantwortlichen wollen das nicht länger hinnehmen. Darum hat der Stiftungsrat Bayerische Gedenkstätten beschlossen, die Lücke mit einer Kopie des Tores zu füllen. „Bis zum Befreiungstag wollen wir das neue Tor haben“, sagte der CSU-Politiker und Stiftungsdirektor Karl Freller unserer Zeitung. Am 29. April jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau zum 70. Mal.

Kurz nachdem die Täter das rund 100 Kilogramm schwere schmiedeeiserne Tor in der Nacht zum 2. November aus seinen Angeln gehoben hatten, bot Dachaus italienische Partnerstadt Fondi an, der Gedenkstätte eine Rekonstruktion zu schenken. „Das war ein außergewöhnliches Angebot, das uns sehr gefreut hat“, sagt Freller. Unter Umständen könne man darauf zurückkommen – allerdings drängt bis zum offiziellen Gedenkakt am 3. Mai die Zeit. Der Auftrag soll nun ausgeschrieben werden. Geht es nach Freller, könnte die originalgetreue Kopie bis Ende April hängen.

Damit wäre die offene Lücke zumindest provisorisch geschlossen. Für Freller ist der Schritt aber nicht nur eine optische Korrektur, sondern ein symbolischer Akt. „Die Diebe freuen sich wahrscheinlich, dass der zynische Spruch ‚Arbeit macht frei‘ nicht mehr zu lesen ist“, sagt Freller. „Diesen Triumph wollen wir ihnen aber nicht länger gönnen.“ Das gelte gerade mit Blick auf den feierlichen Gedenkakt, zu dem Überlebende aus der ganzen Welt eingeladen sind. Wenn sich einer von ihnen an diesem Tag Gedanken über den Verbleib des Tors machen müsste, sagt Freller weiter, wäre das schade.

Die Entscheidung ist ein Bruch in der bisherigen Linie der Gedenkstätte. Der wissenschaftliche Beirat, der in der Regel in solchen Fragen herangezogen wird, hat sich seit 1995 stets gegen originalgetreue Repliken ausgesprochen, wie Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann betont. „Ich hätte mir eine längere Diskussion über dieses heikle Thema gewünscht.“ Aber natürlich sei der Wunsch des Stiftungsrats, in dem auch viele Überlebende sitzen, zu akzeptieren.

Trotzdem wird der wissenschaftliche Beirat um den Historiker Wolfgang Benz nachträglich zusammenkommen. Schließlich, sagt Hammermann, sei die Entscheidung für eine Kopie weitreichend. „Es stellt sich nun die Frage, wie wir künftig mit Schäden an der baulichen Substanz umgehen.“ Bisher habe man Rekonstruktionen nie originalgetreu gehalten. Wurde ein Stück Boden ersetzt, so setzte man es mit Edelstahl ab, um den Unterschied zum Original deutlich zu machen.

Auch praktisch wird die Kopie des Tors eine Herausforderung werden. Hammermann will Experten vom Landesamt für Denkmalpflege hinzuziehen. „Schließlich haben wir keine Erfahrung damit.“ Baupläne gibt es nicht. Bei der Rekonstruktion wird sich die beauftragte Firma also an den umgebenden Gittern und an Fotos orientieren müssen.

In der Diskussion um Original und Replik ist auch das gestohlene Tor schon eine Art Zwitter. Während die Gitterkonstruktion wohl aus der Nazizeit stammt, ist die zynische Aufschrift eine Nachbildung aus dem Jahr 1972. Die Hoffnung, das Tor doch noch wiederzufinden, ist laut Freller mehr als gering. Auch die Polizei sagte auf Nachfrage, dass es bislang keine heiße Spur gebe. Die „Aktenzeichen“-Sendung habe genauso wenig ergeben wie ein internationaler DNA-Abgleich, sagte ein Sprecher. Das Vergleichsmaterial stammt unter anderem von Zigarettenstummeln, die am Tatort gefunden wurden. Trotzdem geht die Suche weiter. Unlängst haben Polizeitaucher nochmals die Amper durchsucht. Ohne Ergebnis.

Der Diebstahl von Dachau war nicht der erste seiner Art. Schon 2009 demontierten Diebe das Eingangstor des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz. Bald stellte sich heraus, dass sie im Auftrag eines Rechtsextremen gehandelt hatten. Stiftungsdirektor Freller kann sich einen ähnlichen Hintergrund auch im Dachauer Fall vorstellen. Das ist allerdings reine Spekulation.

Technik soll künftig dabei helfen, solche Vorfälle zu vermeiden. Ende Januar hatte die Stiftung entschieden, Videokameras in den KZ-Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg (Oberpfalz) zu installieren. Denn so viel ist klar: Einmal geschlossen, soll im Eingangsbereich der Dachauer KZ-Gedenkstätte möglichst nie wieder eine Lücke sein.

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