Führung durch die eigene Ausstellung: Schwester Elija Boßler zeigt Max Mannheimer ihre Portraits. Foto: cla

KZ-Gedenkstätte Dachau: Ausstellung mit 30 Portraits von ehemaligen Häftlingen

Dachau - Sie hatten alles verloren: ihre Freiheit, ihre Heimat und ihr Glück. Auch ihre Namen wurden durch Nummern ersetzt, niemand sollte sich an ihre Geschichte erinnern. So haben die Nationalsozialisten KZ-Häftlingen das Gesicht genommen. Schwester Elija Boßler vom Karmelkloster „Heilig Blut“ in Dachau gibt es ihnen wieder zurück.

Die Ordensfrau hat Fotoportraits von Überlebenden angefertigt, die noch bis Sonntag, 29. September, in der Ausstellung „Das Überleben festhalten“ im Sonderausstellungsraum der KZ-Gedenkstätte zu sehen sind. Die Ausstellung ist schlicht gehalten, die 30 Bilder sind nur mit einem Namen versehen, ansonsten sollen sie für sich selbst stehen.

Ganz groß sind die Gesichter der Häftlinge abgebildet, alle sind in schwarz-weiß-gehalten. Manche Gesichter schauen ernst, die Frauen und Männer wirken nachdenklich und vielleicht auch ein bisschen traurig, andere lachen und strahlen über das ganze Gesicht. Manchen sieht man an, dass sie auf ein langes, ereignisreiches Leben zurückblicken, andere sind jünger, aus ihren Augen blitzt die Neugierde auf das heraus, was die Zukunft für sie noch alles bereithält.

Schwester Elija hat Anfang der 1990er Jahre angefangen, Opfer des NS-Regimes abzulichten. Mittlerweile sind über 100 Portraits entstanden. Im Laufe der Zeit hat sie unzählige Geschichten gehört, viele Schicksale erfahren und neue, langjährige Freundschaften geknüpft. „Mit kam es auf die Begegnung und auf das Gespräch an. Viele Überlebende treffe ich immer wieder“, erzählt Schwester Elija.

Einer von denen, die regelmäßig nach Dachau zurückkehren, ist Dr. Vladimir Feierabend. „Schwester Elija bringt Sonne in das graue Gelände des Lagers“, findet er. Deshalb sei er besonders gerne zur Ausstellungseröffnung gekommen, um dort seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Es war im Spätsommer 1942, Vladimir Feierabend war damals 18, ein junger Gymnasiast voller Zukunftspläne und Lebensfreude, als das Schicksal seinen Lauf nahm. Zusammen mit seiner ganzen Familie wurde er von Prag ins Konzentrationslager in Dachau transportiert. Der Alltag im Lager war hart, es gab viele Krankheiten, auch Vladimir litt an Typhus. „Ich hatte trotzdem Glück“, meint er sich rückblickend. Gegenüber anderen Gefangenen hatte er nämlich den Vorteil, gut und schön schreiben zu können. Also musste er Verwaltungsarbeiten in der politischen Abteilung des Lagers erledigen. Die Verlegung in ein anderes Lager blieb ihm erspart. „Die Transporte waren schrecklich. Da gab es sogar Kannibalismus“, erinnert sich der heute 89-Jährige. Über die Zeit während der Inhaftierung ist ihm nur eine Sache positiv im Gedächtnis geblieben: der Zusammenhalt unter den Gefangenen. „Mein Großvater bekam eine Lungenentzündung, weil wir so lange auf dem Appellplatz stehen mussten. Nur die Solidarität der anderen Häftlinge hat ihn vor dem Invalidentransport gerettet.“ Zusammen mit ihm und seinem Vater konnte Vladimir nach der Befreiung nach Tschechien zurückkehren.

Über das Leben nach 1945 wird selten beichtet. „Wir wissen relativ wenig über die Geschichten nach 1945“, erklärt Dr. Michaela Haibl, die Koordinatorin der Ausstellung „Das Überleben festhalten“. Zusammen mit Schwester Elija hat sie sich darum dazu entschlossen, eine Begleitbroschüre herauszugeben, in der neben den Portraitfotos kurze Lebensläufe der Überlebenden stehen. „Die Biografien sollen nach außen dringen und weiterleben“, erklärt sie.

Deshalb hat sich Michaela Haibl sehr viel Zeit genommen, den weiteren Werdegang der Gefangenen nachzuvollziehen. Eine Aufgabe, die nicht immer leicht war. Haibl: „Viele Biografien sind unendlich komplex, da war es ganz schwierig, den einzelnen Personen gerecht zu werden. Es ist wichtig, ein Stück von ihrer persönlichen Identität einzubringen“.

Persönliche Identität, die den Inhaftierten während der NS-Zeit genommen worden ist - genauso wie ihr Gesicht. (cla)

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