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„Das Video-Interview mit einem Zeitzeugen ist am lebendigsten“, sagt Albert Knoll, Archivar der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Die KZ-Gedenkstätte Dachau will die Berichte der Zeitzeugen bewahren

Der Versuch, Erinnerungen zu konservieren

Dachau - Mit Max Mannheimer ist einer der prominentesten Überlebenden der Konzentrationslager in der NS-Zeit verstorben. Albert Knoll, Archivar der KZ-Gedenkstätte Dachau, erklärt, wie die Erinnerungen der Zeitzeugen bewahrt werden.

Dachau – Ganz leise, aber dennoch mit kräftiger Stimme sprach Max Mannheimer vor rund einem Jahr auf dem Vorplatz der Versöhnungskirche in das Mikrofon. Plötzlich begannen am die Glocken der Versöhnungskirche zu läuten. Max Mannheimer aber sprach unbeirrt weiter. Und alle anwesenden Zuhörer gaben sich trotz des Lärms größte Mühe den damals 95-Jährigen bei der Gedenkfeier zu verstehen, seinen Worten über die Erlebnisse im Konzentrationslager Dachau zu folgen. So wichtig war das Gesagte, so einprägsam übermittelt von Max Mannheimer. 

Mit ihm ist einer der prominentesten Überlebenden der Konzentrationslager in der NS-Zeit verstorben. Ein biologischer Prozess, der sich nicht aufhalten lässt. Doch wie kann die NS-Diktatur möglichst lebensnah erfahren werden, wenn Zeitzeugen der NS-Diktatur im Laufe der Jahre versterben? 

Die Gedenkstätte Dachau versucht, die Erinnerungen, Erlebnisse und Geschichten der Zeitzeugen zu konservieren. Denn: „71 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ist es natürlich so, dass Zeitzeugen nicht nur langsam, sondern sehr rapide sterben“, sagt auch Albert Knoll, Archivar der KZ-Gedenkstätte Dachau. Die Gedenkstätte lade zwar im Abstand von einigen Monaten immer wieder Zeitzeugen zum Gespräch ein. „Das wird einfach weniger, weil wir fast niemanden mehr finden, der dazu in der Lage ist.“ 

Die Videoaufzeichnung ist im heutigen Zeitalter, indem die Menschen vor allem auf audio-visuelle Medien als Informationsquellen zurückgreifen, für die Bewahrung der Erinnerungen das wichtigste Mittel. „Das Video-Interview mit einem Zeitzeugen ist am lebendigsten“, meint Albert Knoll. Die Gedenkstätte hat mit dieser Arbeit bereits vor 20 Jahren angefangen. Auch mit den noch verbliebenen, ehemaligen KZ-Häftlingen könne die Gedenkstätte jetzt Interviews in guter Qualität aufzeichnen – auch in den Muttersprachen der Verfolgten. „Von Max Mannheimer gibt es sogar aufgezeichnete Gespräche mit Zuschauern“, weiß Albert Knoll. Sie sind aus mehreren Blickwinkel gefilmt, beziehen also auch Schüler als Fragesteller mit ein. 

Können diese Aufzeichnungen aber der realen Begegnung mit einem Zeitzeugen gerecht werden? Albert Knoll verneint. „Die persönliche Wirkung eines Überlebenden überträgt sich auf das Publikum.“ Das könne ein einzelner Satz des Überlebenden sein. Oder auch ein Witz, den die Person macht. „Das ist alles sehr einnehmend und unersetzlich.“ 

Auch Originaldokumente und Fotos aus der NS-Zeit setzt die Gedenkstätte ein. Als Nachweis aus dieser Zeit sei das vor allem für Schüler sehr augenfällig. Ein abwechslungsreicher Geschichtsunterricht – das funktioniert aber vor allem mit den Besuchen der Zeitzeugen.

Erwin Lenz, Schulleiter des ITG, ist derselben Meinung: „Die Wirkung bei den Schülern reicht in ihrer Bandbreite von ,begeistert‘ bis ,erschüttert‘.“ Das Gymnasium sei sehr froh über die Zusammenarbeit, bisher finden zwei Mal jährlich Veranstaltungen mit Zeitzeugen statt. Das funktioniere derzeit auch noch ganz gut. „Klar wird das mit der Zeit schwieriger, das ist aber bei uns noch Zukunftsmusik.“ Der Lehrplan müsse dann aber entsprechend verändert werden.

Um gerade junge Menschen dennoch lebensnah mit der NS-Zeit zu konfrontieren, kann vielleicht auch das Gespräch mit Kindern oder sogar Enkelkindern eine Möglichkeit sein. „Aus verschiedenen Gesprächen mit Vertretern der zweiten oder dritten Generation wissen wir, dass sie das Vermächtnis ihres Ahnen nicht dem Vergessen überlassen wollen“, kann auch Albert Knoll feststellen. Das funktioniert auch mit Filmen über die Familiengeschichte oder Führungen durch die Gedenkstätte. Oder die Lagerkomitees, die Vereinigungen der politisch Verfolgten, und das jüdische Kultusministerium verwalten das Gedenken und die Erinnerung der Überlebenden. „Dort sind die Kinder bereits Entscheidungsträger."

Maximilian Pichlmeier

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