Frau hält Brief in der Hand
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In diesem Brief fordert Katja Caspari unter anderem den Rücktritt von Kultusminister Michael Piazolo.

Brief an den Minister

Dachauer Digitalisierungsexpertin im Bildungsbereich fordert: „Herr Piazolo, treten Sie zurück“

  • vonLeyla Yildiz
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Der Schulstart verlief am Montag alles andere als reibungslos. Die Plattformen für den Heimunterricht funktionierten nur teilweise oder gar nicht.

  • Der Schulstart am Montag sorgt für Zündstoff. 
  • Die Plattformen für den Heimunterricht funktionierten nur teilweise oder gar nicht.
  • Doch nicht alle Schulen im Landkreis Dachau berichten Negatives vom ersten Schultag nach den Weihnachtsferien.

Landkreis – „Treten Sie zurück, um weiteren Schaden abzuwenden“, schreibt Katja Caspari in einem Brief an den bayerischen Kultusminister Michael Piazolo. Die Dachauerin ist Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern und Unternehmensberaterin im Bereich Digitalisierung in Aus- und Weiterbildung.

Der ausschlaggebende Grund für ihre Forderung: der holprige Schulstart am Montag, an dem die Schulen, Lehrer, Schüler und Eltern mit zahlreichen Problemen mit den für den Heimunterricht konzipierten Lern- und Unterrichtsplattformen wie Mebis zu kämpfen hatten. „Piazolo hat keine Lösungen“, sagt Caspari. „Wir brauchen aber eine Richtung, wo aufgerüstet werden muss.“

Schulleiter Peter Mareis: „BigBlueButton ist völlig in die Knie gegangen“

Dass tatsächlich Handlungsbedarf besteht, zeigt sich in einigen Erfahrungsberichten der Schulen im Landkreis Dachau. Das Josef-Effner-Gymnasium arbeitet mit Mebis, einer eigenen Schulcloud und dem Video-Konferenz-System BigBlueButton. „Wir hatten teilweise Probleme“, sagt Schulleiter Peter Mareis. „BigBlueButton ist völlig in die Knie gegangen.“ Diese Erfahrung hat er selbst gemacht. Am Montag wollte er mit seiner Klasse eine Live-Videoübertragung des Unterrichts starten, doch er kam nicht einmal in das System rein. Genauso wie in die Schulcloud. „Alles war überbelastet“, sagt er.

Ganz überraschend kam der Zusammenfall der Unterrichtsplattformen für ihn aber nicht. „Ich habe damit gerechnet, denn die Systeme werden bayern- beziehungsweise deutschlandweit genutzt.“ Der Schulleiter „will die Probleme nun so schnell wie möglich beheben“, räumt den Systemen allerdings noch eine Regenerationszeit von ein bis zwei Tagen ein.

Lehrer schwenkten auf E-Mail-Verkehr und Telefonate um

Die Schulleiterin der Mittelschule Dachau-Süd, Anja Kreter, hatte ähnliche Probleme. Mebis und BigBlueButton sind beide zusammengebrochen, weshalb die Lehrer auf E-Mail-Verkehr und Telefonate umgeschwenkt sind. Für die Zukunft möchte sich Kreter technisch breiter aufstellen. „Wir installieren gerade MS-Teams“, sagt sie.

Die Videokonferenzplattform von Microsoft nutzt die Realschule Dachau schon länger, zusätzlich zu dem schuleigenen Portal RSD intern und dem Elternportal. „Bei uns ist alles ganz stabil gelaufen, weil alles auf unserem eigenen Server liegt“, sagt die Schulleiterin Tanja Huber. Mebis könnten die Schüler und Lehrer als Zusatzplattform nutzen.

Um Kollaps des Systems zu entgehen: Schulleiterin Cordula Weber setzt auf andere Nutzungszeiten

An der Grund- und Mittelschule Odelzhausen hätten sich laut Schulleiterin Cordula Weber keine Probleme mit Mebis ergeben. „Ein paar Klassen der Mittelschule nutzen Mebis“, sagt sie. Um dem Kollaps des Systems zu entgehen, hat Weber bewusst auf andere Nutzungszeiten gesetzt. Ab 10 Uhr seien Lehrer und Schüler auf Mebis gegangen und da hätte alles einwandfrei funktioniert.

Schalten Sie Mebis ab! Das ist eine Technologie aus den 90ern.

Katja Caspari, Digitalisierungsexpertin im Bildungsbereich

Auch an der Grund- und Mittelschule Hebertshausen benutzen nur einige Klassen der Mittelschule Mebis. „Das hat funktioniert, zumindest wenn man nicht zu den Stoßzeiten rein gegangen ist“, sagt der Schulleiter Christian Deusel. Alle anderen Klassen arbeiten mit der eigenen Next-Cloud. Da seien nur zwei Eltern-Teile nicht reingekommen.

Grund- und Mittelschule Haimhausen ist gänzlich von Mebis abgewichen

Seine Schulleiter-Kollegin in der Nachbargemeinde Haimhausen, Cornelia Stock, ist momentan gänzlich von Mebis abgewichen. „Es haben zwar alle einen Zugang, aber wir nutzen das System nicht“, sagt sie. Stattdessen unterrichten die Lehrer mit der eigenen Schulcloud, MS-Teams und Lern-Apps wie Anton. Das hätte alles einwandfrei funktioniert. „Nur beim Schulmanager für Elternbrief gab es einen kleinen Aussetzer“, sagt Stock.

Für Katja Caspari hingegen lief am Montag vieles schief. Während bei ihrer Tochter, die Schülerin auf der Klosterschule in Dachau ist, alles reibungslos ablief, ging bei ihrem Sohn gar nichts. Er geht auf das Effner-Gymnasium und konnte sich gerade noch in der Schulcloud anmelden, um sich „geistesgegenwärtig alle Materialien herunterladen“, bevor das System komplett zusammengebrochen ist, wie Caspari sagt.

Wegen der schlechten Digitalisierung der Schulen fordert sie deshalb neben dem Rücktritt von Piazolo nun noch 14 weitere Punkte, die das Kultusministerium unbedingt angehen muss. Unter anderem sollten die Schulen moderne, zeitgemäße und leistungsfähige Internettechnologien nutzen, einen professionellen IT-Service beauftragen, der eine Hotline bei Fragen bereit hält und die Notengebung komplett aussetzen, da die Beteiligung der Kinder technisch nicht gewährleistet ist. Ihre klarste Forderung ist aber: „Schalten Sie Mebis ab! Das ist eine Technologie aus den 90ern.“

Überlastete Server, gute Kommunikation: Die Erfahrungen von Eltern zum Schulstart

Die Heimatzeitung hat Eltern im Landkreis gefragt, ob die Lern- und Unterrichtsplattformen an den Schulen ihrer Kinder Probleme zum Schulstart bereiteten. Die Erfahrungen gehen auseinander.

Mandy Tabor: „Meine Tochter geht auf die Gregor-Märkl-Grundschule in Röhrmoos. Unser Distanzunterricht ist angelaufen, und ich muss sagen, ich bin begeistert. Mit Mebis arbeiten wir nicht. Wir haben ein virtuelles Klassenzimmer, mit dem die Kinder mit ihrer Lehrerin kommunizieren können. Das Padlet (Anm: digitale Pinnwand) mit den Arbeitsaufträgen gab es schon Tage zuvor, damit man vorbereiten konnte. Jetzt treffen sie sich jeden Morgen ab acht Uhr bis Mittag und arbeiten ihre Aufträge durch – wer Fragen hat, stellt sie direkt. Wenn man fertig ist, wird ein Foto gemacht, zur Lehrerin geschickt, und die gibt ihr Ok. Das ist tolle Kommunikation.“

Martina Sigl: „Leider haben wir seit Montag einen Totalausfall. Meine Tochter geht in die Glonntal-Realschule in Odelzhausen in die sechste Klasse und verwendet den Schulmanager. Entweder konnten sich keine Schüler oder die Lehrer nicht einloggen. Ärgerlich nicht nur für Kinder und Eltern – sondern auch für die Lehrer, die sich andere Möglichkeiten einfallen lassen müssen, um den Lehrstoff zu vermitteln.“

Melanie Biberger: „Zum ersten Schultag in diesem Jahr fällt mir leider nichts Positives ein. Ich habe zwei Kinder – eins in der zweiten Klasse und eins in der fünften Klasse. Beide gehen in Erdweg zur Schule. Meine Tochter in der zweiten Klasse hätte um 9 Uhr mit Big Blue Button eine Konferenz mit ihrer Lehrerin gehabt, das hat natürlich nicht funktioniert. Auch um 11.30 Uhr zum zweiten Termin war nur ein Error auf dem Bildschirm zu sehen. Dann hat die Lehrerin eine super Padletseite erstellt, mit der man die Arbeitsblätter ausdrucken, Lernvideos anschauen kann usw. Na ja, außer einem Error war auch hier leider nicht mehr zu sehen. Genauso mit der Lernapp Anton konnte nicht gearbeitet werden. Mein Sohn in der fünften Klasse soll mit Mebis arbeiten. Wegen der schlechten Erfahrungen im Dezember ist er um 6 Uhr aufgestanden und hat sich eingeloggt. Das ging erstaunlicherweise auch gleich. Klassenkameraden hatten aber nicht so viel Glück und konnten sich bereits um 7 Uhr nicht mehr einloggen. Digitalisierung ist in der Schule leider nicht angekommen. Es wurde den ganzen Sommer nichts dafür getan, dass die Kinder im so überraschend kommenden Distanzunterricht ordentlich arbeiten können. Eins muss man auch sagen: Die Lehrer an unserer Schule sind super, sehr bemüht und immer erreichbar für die Kinder.“

Franziska S. (Name geändert): „Mein Sohn geht in die neunte Klasse auf der Mittelschule Hebertshausen, und leider gab es gleich Probleme mit der Lernplattform Mebis.“

ly

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