Jubiläum

50 Jahre "Amperland": Das Revoluzzerblatt

  • Thomas Radlmaier
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Dachau - „Amperland“ informiert über die Heimatgeschichte der Landkreise Freising, Dachau und Fürstenfeldbruck. Nun feiert die Zeitschrift ihr 50-jähriges Jubiläum. Ein Rückblick auf die Historie einer historischen Zeitung.

Eins vorweg, damit auch jedem klar ist, womit er es hier zu tun hat: Die heimatkundliche Vierteljahresschrift Amperland ist ein Revoluzzerblatt. Freilich nicht wegen der Themen, die sich ja auf die Geschichte der Städte und Landkreise Freising, Dachau und Fürstenfeldbruck beschränken. Und sicher auch nicht, weil die Autoren den Untergang des politischen Systems fordern würden. Sondern weil Amperland gegen jede Regel modernen Zeitschriftendesigns verstößt – und damit auch noch Erfolg hat.

Das Cover ist unauffällig und altmodisch. Meist zeigt es ein einziges Foto, oft ist es eines der Stadt-Wappen. Daneben stehen die Überschriften der Beiträge. Im Heft selbst sieht es nicht viel spritziger aus. Unter der Überschrift Text, Text, Text, dann seitenlange Quellenangaben. Auch mit Bildern ist Chefredakteur Wilhelm Liebhart sparsam. Er sagt: „Der Bahnhofskiosk ist sicher kein Ort für Amperland. Wir sind ja keine Boulevardzeitung.“

Doch es gibt natürlich einen Grund, weshalb sich die sechs kommunalen Träger die Zeitschrift seit einem halben Jahrhundert leisten. Sie hat ihren Lesern einmal ein Versprechen gegeben, das jede Ausgabe aufs Neue erfüllt. Wer Amperland liest, der versteht das Amperland.

Dachau. Schlossberg. Erster Teil der Geschichtsstunde. Der Regen prasselt auf Wilhelm Liebharts Schirm. Vor dem 64-jährigen Historiker hat sich ein Stück nebelbedeckte Heimat aufgetan. Er blickt vom Aussichtspunkt am Dachauer Schlossberg Richtung München. An diesem grauen Vormittag fehlen die Alpen im Panorama. Am Fuße des Berges schlängelt sich die Amper durch Dachau. Die hohe Luftfeuchtigkeit lässt sie rauchen.

Liebhart ist nicht nur Chefredakteur, er ist auch Geschichtsprofessor. Er hat als erster herausgefunden, dass Theodor Heuss, der erste Bundespräsident, am Dachauer Schlossberg seine Doktorarbeit verfasste. Er wohnte in einem der drei Pavillons im Schlosspark. „Der hat die ganze Arbeit in nur sechs Wochen verfasst“, erzählt Liebhart und hebt den Zeigefinger. Seine Brille beschlägt. Dann deutet er auf den Berghang und sagt, dort sei im 17. Jahrhundert Wein angebaut worden.

Das alles erzählt Liebhart, um zu zeigen: „Der historische Stoff geht nie aus.“ Und schon gar nicht für jemanden wie ihn, der sein Interesse für Geschichte mit dem Heimtabegriff verknüpft. „Die engere Heimat ist für mich mein Geburts- und Wohnort. Die weitere Heimat ist diese Region. Und ich will wissen, sie zu dem geworden ist, was sie ist.“

Liebhart lebt in Altomünster (Kreis Dachau). Dort leitet er das Klostermuseum. 1998 übernahm er das Ruder bei Amperland. Damals starb Zeitschriftengründer Gerhard Hanke, ein Volkswirt und Wirtschaftshistoriker. Sein Nachfolger Liebhart versteht die Zeitschrift, die 1995 als beste deutsche Regionalzeitschrift mit dem Bundespreis deutscher Heimatanschriften ausgezeichnet wurde, als eine Ergänzung zu den Schriften der historischen Vereine, die es in Freising, Dachau und Fürstenfeldbruck gibt.

Amperland ist eben Wissenschaft. Und ein Forscher-Prinzip lautet: Trage stets etwas bei zu einer aktuellen Debatte. Das versucht jeder einzelne Artikel. Ein Text beschäftigt sich etwa mit dem Kloster Fürstenfeld in spätgotischer Zeit. Der Autor weist darauf hin, dass auch in Fürstenfeld zu beiden Seiten der Fassade ein sechseckiges Türmchen stand, eine sogenannte Schnecke. Das seien „Ausstattungsstücke, die der Öffentlichkeit zugängig gemacht werden sollen“. In einem anderen Artikel wundert sich der Autor darüber, das die kunstgeschichtliche Literatur an keiner einzigen Stelle von Moosburger Kunsthandwerkern des 17. und 18. Jahrhunderts berichtet. Man kann nun überrascht sein oder auch nicht. Fakt ist: Wer etwas über Moosburger Kunsthandwerker der Barockzeit lesen will, findet das nur in Amperland.

In einem Artikel mit der Überschrift „Amperlands Zukunft“ hat sich Liebhart einmal direkt an die Leser gewandt: „Wir fordern alle Leser auf, sich mit uns Gedanken zu machen, wie sich Amperland künftig weiterentwickeln soll.“ Liebhart sagt, er habe daraufhin etwas Farbe in die Zeitschrift gebracht. Seitdem haben sie farbige Bilder im Blatt. Außerdem ließ der neue Chef das Deckblatt neu gestalten. Hinzu kommt, dass er der aktuellen Zeitgeschichte mehr Platz einräumt. Nun schreiben Autoren zum Beispiel über die Zeit des Nationalsozialismus in ihrer Stadt. Liebhart sagt, das sei früher lange Zeit zu kurz gekommen.

Dachau. Stadtarchiv. Zweiter Teil der Geschichtsstunde. Stadtarchivar Andreas Bräunling und Wilhelm Liebhart haben die erste Ausgabe des Amperlandes hervorgekramt. Optisch sieht sie genauso aus wie die aktuelle Ausgabe: Din-A-4-Format, blaues Cover, glänzendes Magazin-Papier. Bräunling, Pferdeschwanz und Knebelbart, erklärt, dass Dachau und Fürstenfeldbruck historisch zusammengehören, Freising dagegen eine ganz andere Geschichte habe. Daher bestreitet er, dass es so etwas wie eine Amperland-Identität gebe. „Amperland ist ein rein geografischer Begriff.“ Hanke, der Dachauer war, hätte stets über den Tellerrand hinausgeschaut und sich daher auch für die Freisinger Geschichte interessiert. „Der Begriff Amperland geht auf ihn zurück.“

Die Geschichte des Amperland-Gründers ist inzwischen selbst Geschichte und vor dem Hintergrund der Flüchtlingkrise aktueller denn je. Hanke, ein Sudetendeutscher, landete 1958 in Dachau, und blieb wie tausende andere Heimatvertriebene. Die Neu-Dachauer wohnten direkt nach dem Krieg teilweise in den Baracken des Konzentrationslagers, später in der neuen Siedlung Dachau-Ost. Es dauerte Jahrzehnte, bis die alteingesessenen Dachauer die Neuen akzeptierten.

Hanke, der Wissenschaftler, wollte wissen, wie seine neue Heimat tickt, wie sie zu dem geworden ist, was sie ist. 1963 schrieb er: „Nur was man kennt und versteht, gehört einem tatsächlich und nur das kann man auch lieben. Es erscheint deshalb in der heutigen Zeit besonders wichtig zu sein, dem Menschen seine Umwelt näher zu bringen.“

Das Interesse an der Heimat ist es auch, das Wilhelm Liebhart und die anderen Redakteure von Amperland antreibt. „Die Vergangenheit erklärt die Gegenwart. Das fängt im Lokalen an. Hier ist der Bezug näher.“ 800 treue Abonnenten wissen, wie wahr das ist.

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