Mit ruhiger Stimme berichtete Jean Samuel über sein Leben im KZ. Sylvie Graffard (links) übersetzte, Gabriele Hammermann, Leiterin der Gedenkstätte, hörte gespannt zu. Foto: mh

„Allein in meinem Wagon starben 63 Menschen“

Dachau - Jean Samuel war am Mittwochabend beim dritten Zeitzeugengespräch im Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte zu Gast.

Der 87-jährige Franzose berichtete in seiner Muttersprache von seinen entsetzlichen Erlebnissen, für die Zuhörer wurden seine Erinnerungen übersetzt.

Der französische Widerstandskämpfer war im Mai 1944 in Paris von der Gestapo verhaftet und in das Sammellager für Gefangenentransporte in Compiègne gebracht worden. „Als wir am Bahnhof ankamen, standen mehrere Holzwagons für uns bereit, in die jeweils 100 Häftlinge gepfercht wurden. Es war eng, heiß und stickig“, berichtet der Franzose. Die Zuhörer schweigen betroffen. Dieser Transport ins KZ Dachau sollte als Todeszug in die Geschichte eingehen. Nur wenige überlebten. Allein in Samuels Wagon starben 63 Menschen.

„Als wir am Dachauer Bahnhof ankamen, waren wir sehr geschwächt. Die SS-Leute hatten uns fast nichts zu erinken, geschweige denn zu essen gegeben. Und zum Schlafen hatten wir uns aus Platzmangel auf die Toten legen müssen“, fügt Samuel hinzu.

Im KZ Dachau angekommen, wurden die Deportierten gezählt, entkleidet, rasiert und durften warm duschen. Außerdem erhielten sie eine Suppe und wurden in sauberen Baracken zum Schlafen untergebracht. „Es mag seltsam klingen, aber nach dem schrecklichen Transport war die erste Nacht in Dachau für mich wie das Paradies“, erklärt der Franzose dem konsternierten Publikum. Schon bald sollte Samuel jedoch durch die Hölle gehen. Denn zwei Wochen später wurde er in das Außenlager Neckargerach des KZ Natzweller-Struthof geschickt. Die harte Arbeit in den Gipsminen, der ständige Hunger, die mangelnde Hygiene und die Angst vor dem Tod machten dem damals 20-Jährigen schwer zu schaffen. Als er an Typhus erkrankte, überlebte er nur wegen der Solidarität der französischen Mithäftlinge.

In den letzten Kriegswochen wurde Samuel schließlich von der SS auf einen zwei bis drei Tage langen Fußmarsch zurück nach Dachau geschickt. Dort angekommen, hatte sich das Konzentrationslager stark verändert. Es gab nichts zu essen, das Lager war überfüllt und überall lagen Leichen.

Als die Amerikaner das KZ am 29. April 1945 endlich befreiten, war Jean Samuel noch am Leben. „Nicht einmal zwei Wochen später war ich zurück bei meiner Familie in Paris. Sie hatte trotz ihrer jüdischen Glaubensangehörigkeit im besetzten Frankreich überlebt, weil ich ihnen vor meiner Verhaftung falsche Papiere besorgt hatte.“ (mh)

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