Alternative: Durch den dunklen Wald oder per Taxi heim

Dachau - Nicht von der Welt, aber vom Niederrother Bahnhof angeschnitten ist derzeit Lisa Baum, Wirtin des Freudenhauses in Kleinberghofen.

Vor wenigen Wochen wurde die Rothbach-Brücke in der Sigmertshauser Straße in Niederroth abgerissen. Eine neue Brücke wird gebaut. Eigentlich sollten sich alle freuen, aber eine Frau tut sich da schwer: Lisa Baum. Die Unterhandenzhoferin ist seit dem Abriss vom Niederrother Bahnhof abgeschnitten. Aufs Auto ausweichen kann sie nicht. Die Wirtin hat keinen Führerschein.

Am 7. September hatten die Abrissarbeiten begonnen. Die alte Brücke war arg ramponiert und nur noch für Fahrzeuge bis zu drei Tonnen Gewicht zugelassen. Die neue Brücke wird statt viereinhalb Meter stolze sechs Meter breit und bekommt eine Verkehrsfreigabe für bis zu 60 Tonnen. Autofahrer haben mehr Platz, und Lkw-Fahrer und Landwirte müssen mit ihren schweren Fahrzeugen keinen Umweg mehr fahren. Eigentlich ein Grund zur Freude für alle. Nur nicht für Lisa Baum.

Die Wirtin des Restaurant Freudenhaus in Kleinberghofen fährt jeden Tag mit der Linie A zur Arbeit. Zum Bahnhof geht sie zu Fuß. Von ihrer Wohnung in Unterhandenzhofen zum Bahnhof Niederroth sind es etwa 900 Meter. Nein, richtiger: Es waren etwa 900 Meter. Denn als sie Anfang September über die Rothbach-Brücke zum Bahnhof ging, sagte ihr ein Bauarbeiter: „Da gehen Sie heute zum letzten Mal drüber.“

Der gute Mann sollte Recht behalten. Denn dort, wo ein knappes Jahrhundert lang die Brücke stand, klaffte fortan ein gewaltiges Loch. „Ja mei, da haben Sie halt Pech gehabt“, beschreibt Lisa Baum die Reaktion der Indersdorfer Rathausverwaltung, als sie fragte, ob der Übergang tatsächlich wochenlang gesperrt sei. Die neue Brücke dürfte erst Ende November fertig sein.

Gut, Lisa Baum könnte an der Niederrother Hauptstraße entlang gehen. Das sind etwa drei Kilometer statt bisher 900 Meter. Aber dann müsste sie durch den Niederrother Wald. Und das bei Dunkelheit, denn als Wirtin kommt sie erst aus der Arbeit, wenn es stockdunkel ist.

Also überlegte sich Lisa Baum eine Alternative: Sie fragte bei der Gemeinde, ob man nicht ein paar Bretter als Fußgängerweg über den Rothbach legen könnte. Die Antwort: Kann man nicht. Und zwar aus versicherungstechnischen Gründen. Und ein richtiges Provisorium wäre zu kostspielig. Lisa Baum fragt sich: „Da baut man eine so teure Brücke, und für ein Provisorium ist kein Geld da.“ 280 000 Euro plus Nebenkosten sind für die neue Brücke vorgesehen. Die riesige Baugrube lässt zumindest vermuten, dass es kein 08/15-Brückerl wird, das da künftig über den winzigen Rothbach führt.

Lisa Baum muss jetzt improvisieren. In der Regel fährt sie jeden Tag mit der Linie A zum Bahnhof nach Dachau und von dort für 15 Euro mit dem Taxi wieder zurück nach Hause. Über ihr Problem habe sich die Gemeindeverwaltung überhaupt sehr wunderlich geäußert. „Einer hat gefragt: Haben Sie das denn nicht in der Zeitung gelesen?“, erzählt die Wirtin und fragt: „Ja meint der, ich soll jeden Tag den Münchner Merkur über die Baugrube legen?“ So weit geht Lisa Baums Improvisationstalent dann doch nicht. flg

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