Künstler wandert ohne Geld durch Israel

Rettenbach - Christian Seebauer aus Rettenbach ist Künstler. Und Wanderer. Er ist den Israel National Trail gegangen, sieben Wochen lang, über 1050 Kilometer und 20 000 Höhenmeter, zu Fuß, ganz allein. Und ganz ohne Geld.

Eigentlich hatte sich Christian Seebauer das Ende so schön vorgestellt: ein Blick vom Berg hinab aufs Meer, dann ein Luftsprung, ein Losrennen, ein Juchu, ein Juchee, ein erfrischender Hecht ins Wasser, danach ein saftiges Steak zu einem Gläschen Wein - und eine erholsame Nacht im Himmelbett. Doch dann kam alles anders. Christian Seebauer stand am Ende seines Weges, dem Israel National Trail, über tausend Kilometer lagen hinter ihm, und vor ihm: überall Stacheldrahtzaun. Das war der Moment, in dem Christian Seebauer stockte. Es stellte sich kein Erfolgsgefühl ein und auch kein Hochgefühl. Sondern eine Art Leere. Eine „Totalverweigerungshaltung“, sagt er heute. „Ich bin einfach nicht angekommen.“ Weil er kein Ziel hatte, an dem er ankommen konnte.

Christian Seebauer ist 47 Jahre alt, er hat Elektrotechnik studiert, arbeitet jedoch seit fünf Jahren als Künstler und Schriftsteller - Malen war seit jeher sein Lebenstraum. Er ist glücklich verheiratet, hat zwei Töchter, acht und elf Jahre alt, und lebt in einem hellen großen Haus mit Garten, Terrasse und Atelier im Dachgeschoss in Rettenbach. Christian Seebauer lebt ein Leben, von dem sicherlich viele träumen.

Und doch: „Alle paar Jahre soll man was machen“, sagt Seebauer, braun gebrannt, das schon etwas lichte kurze Haar wild zerstrubbelt, Fünftagebart, sportlich, entspannt. In seinem frisch renovierten, lichtdurchfluteten Atelier stapeln sich die Gemälde, vor ihm steht eine Tasse Kaffee auf dem bunt verschmierten Tapeziertisch. „Im Prinzip geht es immer um die Suche nach dem Glück“, sagt er lächelnd. „Nach Glück, innerer Zufriedenheit, Ruhe.“ 2010 ist er den Jakobsweg gegangen, den an der Küste entlang, den Ur-Weg. Dort hat er einen Millionär getroffen. Der den Jakobsweg ganz ohne Geld gegangen ist. „Das hat mir zu denken gegeben“, sagt Christian Seebauer. Dieser Gedanke, sich ganz ohne eigene Mittel in der Fremde, in der Wildnis, durchschlagen zu müssen, der ist ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Christian Seebauer ist ein kritischer Mensch. Seine Malerei ist ganz der Sozial- und der Umweltkritik gewidmet. Hier in Deutschland muss man sich beim Einkaufen keine Gedanken machen, sagt er. Es wird einfach die Kreditkarte gezückt, fertig. Und dann? Wandert die Hälfte in den Müll. „Das ist einfach normal hier“, sagt Seebauer. Er aber wollte einmal das Gegenteil machen. „Dann ist man das letzte Glied in der Kette“, sagt er. „Das bringt einen auf den Boden der Tatsachen runter.“

Und so ging er auf die Suche nach einem passenden Weg. Und fand: den Israel National Trail. 1050 Kilometer lang, schlängelt er sich durch das ganze Land, von oben nach unten, mit 20 000 Metern Höhenunterschied - das sind fünfmal Basislager Mount Everest und zurück. Und: „Absolute Natur pur“, sagt Seebauer. Dieser Trail ist noch keine 20 Jahre alt und wurde nach der Idee des Appalachian Trail in den USA konzipiert. Der Weg vermeidet die Zivilisation. „Das macht es spannend“, sagt Seebauer. Doppelt so spannend, wenn man sich so ganz ohne Geld durchschlagen will - aber kaum auf andere Menschen trifft.

Denn ohne Hilfe geht es eben nicht. Einige Male war er kurz davor, aufzugeben. Am ersten Tag etwa. Als er angekommen war in Tel Aviv und merkte: Das ist gar nicht möglich, was er da vorhat. Schlagartig wurde ihm das Ausmaß seines Plans bewusst. Ihm wurde übel. „Wie soll das funktionieren?“, hat er sich gefragt.

Es hat funktioniert. Er musste nie betteln. Denn die Menschen in Israel sind wahnsinnig hilfsbereit, sagt Seebauer. Er hat jeden, den er getroffen hat, um Hilfe gebeten. „Du hast keine Chance, eine Chance auszulassen.“ Und er hat fast immer etwas bekommen. Einmal gab es ein Nein, einmal nur eine Mandel. Aber: „Wenn jemand was teilt, dann teilt er“, betont Seebauer. Egal wie wenig es ist. Der ständige Begleiter war trotzdem: die Angst vor einem Nein. Das Problem dabei ist, den eigenen Stolz zu überwinden, ständig Hilfe annehmen müssen, erklärt der Rettenbacher. „Du bist auf diese Rolle nicht eingestellt.“ Und dann - ist man oft so überrascht, sagt Seebauer.

Einmal war er drei Tage lang komplett allein. Er hatte nichts zu essen. Er war im Gebirge, krallte sich an einem Hang fest - und sah schon Sternchen. „Das ist schon eher ein grausliges Gefühl.“ Zu dieser Zeit war er extrem schwach. „Von Tag zu Tag dachte ich, der Weg ist zu Ende.“ Doch Christian Seebauer glaubt an einen Gott. „Man kann ihn bitten. Und er hört auch zu.“ Seebauer hat ihn angebetet: „Bitte schick mir jemanden.“ Und es kam jemand. Hat ihm eine Paprika geschenkt. Mitten in der Wüste. Christian Seebauer flossen die Tränen herunter. „Weil das so etwas besonderes ist.“

Jetzt, in seiner schmucken Villa in Rettenbach, schüttelt er den Kopf, als könnte er selber kaum glauben, was er da sagt. „Das hört sich verrückt an“, gesteht er. „Aber mehr braucht es zum Glück nicht.“

Nicht mehr als sieben Wochen lang quer durch die Einsamkeit zu stapfen. Nur mit einem Rucksack, ein paar Klamotten, einem Fotoapparat, einem Handy mit Solarzelle und eine Kreditkarte für den Notfall, dazu Schlafsack, Isomatte, Zelt - aber nur kurz, das hat er bald verschenkt, „zu schwer“. Dann schlief er einfach im Schlafsack, mitten in der Wüste. Zwischen Schakalen, Schlangen, Skorpionen. Gesehen hat er aber keine. „Da passiert nix“, winkt Seebauer ab. Vor wilden Tieren hatte er keine Angst. Nur vor der Einsamkeit.

Denn Seebauer war einsam. Sehr einsam. „Das ist eine mentale Herausforderung.“ Am Anfang hatte er gehofft, dass er einen Partner findet. Doch: Es ist ihm schlichtweg keiner entgegen gekommen. Seebauer war allein, mit seinen Gedanken, seinen Problemen, seinen Herausforderungen. Er hatte niemanden zum Reden. Also führte er Selbstgespräche, fing an zu singen. Irgendwann dann kam die „völlig schöne große Leere“, erklärt er. „Dann bist Du frei im Kopf.“

Die Wünsche reduzieren sich, sagt Seebauer. Es geht nur noch um die Familie und die Gesundheit. „Es wird Dir klar, wie gut es Dir geht.“ Die Alltagsprobleme hat er zwar nicht losbekommen, aber: Sie werden unwichtig. „Wasser. Essen. Was willst Du mehr.“ Man wird kein anderer Mensch dabei, sagt er, aber: dankbarer. Demütiger.

Den Stacheldrahtzaun, der am Ende des Weges zwischen ihm und dem Meer gespannt war, hätte er einfach überwinden können, sagt Christian Seebauer heute. Hat er aber nicht. Am Ende seines Weges, nachdem er sich allein und mittellos über tausend Kilometer weit gekämpft hat, sprang er weder in die Luft, noch jubilierte er. Nein, er weinte. Still und leise. Dann schritt er in das Dorf, vorbei am Fünf-Sterne-Hotel und dem brasilianischen Steakhouse, hinunter zur Jugendherberge. Dort in der Küche fragte er die Gäste, ob er etwas von den Nudelresten und der halben Zwiebel haben könne. Mitten in der Nacht packte er seinen Schlafsack, und wanderte hinaus aus der Herberge, in die Nacht.

Er legte sich auf den nackten Beton, direkt unter den Sternenhimmel.

Allein. Und frei.

Nina Praun

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