Vor 70 Jahren aus dem KZ entlassen

Walkertshofen - Heute vor 70 Jahren wurde Stanislaus Gajek aus dem Konzentrationslager Dachau entlassen. Sein Weg führte ihn nach Walkertshofen. Trotz aller Widerstände beginnt der gebürtige Pole dort ein neues Leben.

Es ist bitterkalt, als Stanislaus Gajek am Erdweger Bahnhof ankommt. Die Temperaturen in dieser Februarnacht 1945 sind eisig, es schneit schon eine Weile lang durch. Stanislav hat nicht einmal Schuhe an. Seine Kleidung kann den Witterungsbedingungen nicht standhalten. Völlig erschöpft, total entkräftet versucht er, sich zum Hof der Familie Wagner nach Walkertshofen zu schleppen. Seine Finger und Zehen spürt er schon lange nicht mehr. Jeder Schritt bereitet Qualen. Jede Minute, jede Sekunde fühlt Stanislaus Gajek wie eine Ewigkeit an. Die Kälte setzt ihm immer mehr zu. Und doch beginnt für den jungen Mann in dieser Nacht ein neues Leben.

Stanislaus Gajek kommt am 27. September 1922 in Zelejowa in Polen auf die Welt. Bereits im Alter von zwei Jahren erleidet er seinen ersten Schicksalsschlag: Seine geliebte Mutter stirbt, sein Vater heiratet kurze Zeit darauf erneut, er ist sehr jähzornig, schlägt seinen Sohn regelmäßig. Im Alter von 17 Jahren verlässt Stanislaus Gajek Polen und reist nach Deutschland.

„Als die Deutschen im Herbst 1939 Polen überfielen, war ich 17 Jahre alt. Nach drei Monaten mussten wir Jungen und Mädel uns melden im Magistrat, wir wurden erfasst. Und ab ging‘s, mit der Bahn nach Delmen nähe Metz“, heißt es in einem von ihm verfassten Entschädigungsantrag.

Die nächsten Jahre arbeitet er als Zwangsarbeiter bei einem Bauern in der kleinen Ortschaft Dinkirchen in Lothringen. „Ich wurde Pferdeknecht bei zehn bis zwölf belgischen Pferden. Die waren so groß und ich klein. Ich musste schwere landwirtschaftliche Arbeiten verrichten, abends kamen wir in eine Baracke, die wurde abgeschlossen.“ Stanislaus findet sich in einem Albtraum wider, aus dem er so schnell nicht erwachen sollte. Als Zwangsarbeiter wird er nach Saarbrücken überführt. Doch es kommt noch schlimmer: Am 26. November 1944 wird der gerade einmal 22-Jährige ins Konzentrationslager Dachau überstellt. 68 Tage lang ist er politischer Gefangener. Er verliert seinen Namen, ab sofort ist er nicht mehr Stanislaus Gajek. Er ist Häftling Nummer 133479. „Zurück ins KZ wollte ich nicht, lieber einen Strick.“

Heute vor 70 Jahren, am 2. Februar 1945, wurde er von den Alliierten aus dem Lager entlassen. „Laut Verfügung der Stapostelle Saarbrücken wurde die Haft aufgehoben. Er wurde angewiesen, sich sofort beim Arbeitsamt Dachau zu melden“, heißt es in seinem Entlassungsschein.

Stanislaus Gajek hat zum ersten Mal in seinem Leben Glück. Aufgrund seinen Erfahrungen in der Landwirtschaft wird er dem Hof der Familie Wagner in Walkertshofen zugeteilt. Halb erfroren finden ihn zwei Männer am Erdweger Bahnhof. Sie helfen dem jungen Mann, mit vereinten Kräften kann sich Stanislaus Gajek zum Hof schleppen. Dort lernt er die neun Jahre ältere Maria Wagner kennen. Die beiden verlieben sich. Sie heiraten. Trotz der Reaktionen der Dorfbewohner. Selbst der Pfarrer ist gegen die Eheschließung zwischen „einer deutschen Frau und einem Polen: Versündigen tun sich die, die sich mit Ausländern abgeben.“

Doch die Liebe zwischen Maria und Stanislaus ist größer. Im Jahr 1950 kommt ihr Sohn Rudolf auf die Welt. Als er alt genug ist, übernimmt er bis 1992 den Familienhof. Maria und Stanislaus sind 62 Jahre lang verheiratet, ehe Maria am Valentinstag 2008 verstirbt.

Sein Sohn Rudolf und seine Schwiegertochter Maria sorgen für den mittlerweile über 90-Jährigen. Bis heute lebt er in Walkertshofen. An dem Ort, wo sich sein Leben endlich zum Guten gewendet hat.

(reg)

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