"Die Deutschen erinnern sich von selbst"

Dachau - Joshua Kaufman hat als Jugendlicher im KZ Dachau geschuftet, gehungert und gelitten. 70 Jahre später kehrt er zum ersten Mal an den Ort seiner Gefangenschaft zurück. An dem schönsten Tag seines Lebens.

Als Joshua Kaufman in Dachau ankam, regnete es. „Zuerst dachte ich, der Himmel weint, wegen der Dinge, die hier geschehen sind“, erzählt er. „Doch ich hatte mich getäuscht.“ Trotz des schlechten Wetters war die Gedenkstätte voller Besucher. „Ich musste niemanden an irgendetwas erinnern. Die Deutschen erinnern sich von selbst.“ Als ihm diese Erkenntnis kam, habe er für sich beschlossen: „Das ist der schönste Tag meines Lebens.“

Bei dem Zeitzeugengespräch in der KZ-Gedenkstätte erklärt der 86-Jährige als erstes, dass er nicht gerne sitzt. Also stellt sich Kaufman, der bis heute täglich als Handwerker in Los Angeles arbeitet, aufrecht hin und erzählt aus seinem Leben. Er tut das auf Englisch. Deutsch hat er nie gelernt. „Mein Name ist Joshua und wenn die Leute fragen, wie alt ich bin, sage ich: In vier Jahren bin ich 90.“ Joshua Kaufmans Vorstellung ist präzise und schnörkellos. „Ich bin ultraorthodox erzogen worden und ich war ultraorthodox - bis ich es mir anders überlegte“, sagt Kaufman über sich. Geboren 1928 im ungarischen Debrecen erlebte er früh, wie es ist, wegen des eigenen Glaubens von der Gesellschaft verachtet zu werden. Weil er in die Synagoge und zur Talmudschule ging, wurde er regelmäßig von ungarischen Faschisten verprügelt, sogar von Angestellten seines Vaters. „Ich hatte mich daran gewöhnt“, sagt er.

„Ich habe meinem Vater lange vorgeworfen, warum wir nicht früher aus Ungarn ausgewandert sind.“ Das Geld dazu hätten sie gehabt. Doch ihr Rabbiner sagte: „Ihr müsst bleiben. Der Messias wird kommen.“ Also blieben sie. Ihr Rabbiner setzte sich schließlich in die Schweiz ab. Joshua Kaufman und seine Familie kamen nach Auschwitz. „Der Messias kam nicht“, schlussfolgert Joshua Kaufman trocken. „Genau wie der Weihnachtsmann nicht kommt.“

Als die Wehrmacht 1944 in Ungarn einmarschierte, musste die jüdische Landbevölkerung ihre Heimat verlassen und wurde in Ghettos verfrachtet. „Wir lebten wie die Tiere“, erinnert sich Kaufman, mehr möchte er über die Zeit im Ghetto nicht berichten. Nach vier Wochen mussten er und seine Familie einen Viehwaggon besteigen. 60 bis 80 Leute pro Wagen, ein Toiletteneimer für alle. Beim 16-jährigen Joshua keimte trotz der unmenschlichen Zustände Hoffnung auf. Hoffnung auf ein besseres Leben. Als der Zug hielt, erblickte er die Toraufschrift „Arbeit macht frei“. Er und seine Familie waren nach Auschwitz deportiert worden. Joshua Kaufman jedoch freute sich im ersten Moment. „Ich dachte, arbeiten kann ich, alles wird besser werden.“ Doch schnell wurde klar, dass nichts besser werden würde. Schon am Eingang zum Lager wurde er von seiner Mutter getrennt. Die Selektion habe der berüchtigte SS-Arzt Josef Mengele durchgeführt, erinnert sich Kaufman. Er selbst kam nach Birkenau. Als er sich nach dem beißenden Geruch in der Luft erkundigte, erklärten ihm die anderen Häftlinge: „Du bist hier, aber wer nicht hier ist, geht gerade dort drüben durch den Kamin.“ Der Großteil seiner Familie war nicht hier. Von 100 Familienmitgliedern haben nur fünf den Holocaust überlebt, so Kaufman.

Auch er wurde zum Arbeitsdienst an den Gaskammern eingesetzt. Einen Tag lang musste er auf schreckliche Art und Weise die Leichen wegschaffen. Einen Tag lang, dann sagte er sich: „Lieber sterbe ich gleich, als nochmal dort hinzugehen.“ Er meldete sich für einen anderen Arbeitsdienst, wurde per Zug nach Dachau gebracht und von dort weiter in das Außenlager Mühldorf. Dort erwarteten ihn Bunkerarbeiten: 50 Kilogramm schwere Zementsäcke schleppen, bis zu 16 Stunden pro Tag - sonst gab es kein Abendessen. „Wenn du es nicht schaffst, werfen wir Dich in den Betonmischer“, drohten die SS-Wachleute. Dass das keine leere Drohung war, musste Kaufman bei einem Mithäftling beobachten.

Am 30. April 1945 wurde Kaufman mit anderen Häftlingen bei einem erneuten Viehwaggontransport von den Amerikanern befreit. „Ich werde diesen Soldaten nie vergessen, dass sie uns ein neues Leben ermöglicht haben“, sagt Kaufman heute.

Nach dem Krieg ging er mit seinem Vater, den er in Ungarn wiederfand, für 25 Jahre nach Israel, bevor er bei einem Amerikabesuch seine spätere Frau kennenlernte. Er zog in die Staaten und gründete dort eine Familie. Seine vier Töchter mitsamt dem ersten Enkelkind sind mit nach Dachau gekommen. Als ihn eine Tochter danach gefragt habe, ob er sich an die Gebäude hier erinnere, habe er ihr entgegnet: „Ich war hungrig, fertig, am Ende. Ich bin doch kein Immobilienmakler.“ Joshua Kaufman hat viel verloren in den Jahren des Terrors. Aber nicht seinen Humor.

Dominik Göttler

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