Widerspricht vielen Pädagogen: Christian König. Foto: mh

Doku-Film als Kind seiner Zeit sehen

Dachau - Täglich läuft der Dokumentarfilm „KZ Dachau“ in der Gedenkstätte in Dachau - eigentlich, um den Besuchern einen objektiven Einblick in das Konzentrationslager zu geben.

Unter Historikern und Pädagogen ist der Dokumentarfilm „KZ Dachau“ schon seit längerer Zeit umstritten. Der Film war in den 60er Jahren entstanden und sollte den Besuchern der Gedenkstätte das Grauen des Dachauer KZs vermitteln. Bis heute ist er in der Gedenkstätte täglich zu sehen, und kann käuflich erworben werden. Die Pädagogen stören sich allerdings an der Umsetzung des Films - und die Historiker kritisieren, dass er nicht als objektive Quelle für die Vergangenheit bewertet werden kann.

Einer dieser Historiker, Christian König, beschäftigte sich in seiner Zulassungsarbeit für das Staatsexamen im Fach Bayerischer Geschichte mit der Entstehungsgeschichte des Film. Für diese Arbeit wurde er mit dem Michael-Döberl-Preis der Gesellschaft der Münchner Landeshistoriker ausgezeichnet. Nun wurde sein Werk „Der Dokumentarfilm KZ Dachau. Entstehungsgeschichte-Filmanalyse-Geschichtsdeutung“ in der Reihe der „Dachauer Diskurse“ veröffentlicht und erstmals in der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau vorgestellt.

Im Zentrum seiner Arbeit stand die Beantwortung der Frage, welches Bild der Dokumentarfilm von der zwölfjährigen Lagergeschichte vermittelt. Während seines Vortrags zeigte König anhand mehrerer Beispiele auf, dass der Dokumentarfilm die Lagerrealität oft verzerrt wiedergibt.

So suggeriert er dem Zuschauer, dass die Häftlinge im KZ einander solidarisch verbunden waren. Trotz der politischen und nationalen Gegensätze hielt man zusammen. Ausgeblendet wurde dabei, dass die Häftlinge verschiedenen Gruppen angehörten, die unter unterschiedlichen Lebensbedingungen lebten. Es gab beispielsweise privilegierte Häftlinge, die ihre Mithäftlinge kontrollierten und brutal maßregelten. Dadurch verbesserten sie ihre Lebensbedingungen und Überlebenschancen. Auch wurden die Inhaftierung von homosexuellen Häftlingen nicht erwähnt.

Christian König stellte sich daraufhin die Frage, warum der Dokumentarfilm ein solch verzerrtes Bild wiedergibt. Er kam dabei zu dem Schluss, dass der Film „ein Kind seiner Zeit sei.“ Die Homosexuellen fanden beispielsweise deshalb keine Erwähnung, weil Homosexualität unter Erwachsenen bis 1969 immer noch unter das Deutsche Strafrecht fiel. Auch die verzerrte Darstellung des Zusammenhalts unter den Häftlingen war wichtig für die Entstehung und den Fortbestand des Internationalen Häftlingskomitees Dachau (CID). Die Gegensätze zwischen den Überlebenden mussten überwunden werden, damit sie in der Nachkriegszeit gemeinsam für die Errichtung einer Gedenkstätte in Dachau eintraten. Der Mytos einer geschlossenen Solidargemeinschaft während der Lagerzeit hatte damit eine wichtige integrative Funktion für das CID.

Am Ende seines Vortrags kam Christian König zu dem Schluss, dass der Film dem Besucher als „Kind seiner Zeit“ präsentiert werden muss. Die Hintergründe seiner Entstehung müssen verständlich gemacht werden, damit die Besucher den Film „KZ Dachau“ richtig bewerten können. „Aus diese Perspektive gewinnt der Film einen besonderen Wert für die Dokumentarausstellung in Dachau“, fügte König hinzu. .

mh

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